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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-14 · Heft 20 (14.5.1909) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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hörte ich, daß meine Frau, Deine Mutter, gestorben, daß meine übrigen Kinder in die Fremde gingen; ich durste nicht zu ihnen; sie konnten nicht zu mir; ich hatte nirgends und nichts zu suchen. Ich hoffte auf-den Tod, aber der eiserne Dienst stählte meine Gesundheit, statt sie zu vernichten. Der Himmel hat mich für diese Stunde aufgespart, wo ich Dich wieder fand. Gelobt sei Gott! Und nun stehe auf, gib mir Deinen Pack, ich bin kräftiger als Du, wir wollen ihn in umgekehrter Richtung tragen; wir wandern beide über die Grenze; zur Not soll der Kosak Schmuggler werden!" Der alte stämmige Mann warf den schweren Ranzen auf den breiten Rücken und begab sich zum Wirt, der aus seinem Lager wachte. „Pinkus," flüsterte er ihm zu, „Ihr kennt meine Geschichte. Dieser hier ist mein Sohn, ich begleite ihn über die Grenze, um nie zurückzukehren. Wenn mein Kamerad erwacht, wißt Ihr von nichts, habt Ihr nichts gesehen und gehört; es war eine heimliche Flucht. Es trifft weder Sie, noch ihn eine Verantwortlichkeit. . Lebt wohl! Gott schütze Sie." Und die Nacht des Waldes deckte die Flucht von Vater und Sohn. Langsam fuhr, eine große mit Heu beladene, von zwei Männern begleitete Fuhre in den Hof des Wirtshauses, dessen Tore sich sofort hinter ihr schlossen. Es war bereits dunkel; die beiden Fuhrleute spannten die Pferde aus, führten sie in den Stall und begannen dann, als der Wirt mit einer kleinen - hölzernen Laterne erschien, das Heu abzuladen. — Pinkus unterhielt sich mit ihnen im Flüstertöne. „Wieviel?" „Sechs." „Fett?" „Nur zwei; die andern, armer Leute Kinder; wird auf Ihren Teil etwa fünfundzwanzig Rubel kommen." „Puh!" machte der Wirt. „Lohnt sich das?" „Für Euch wohl," enwiderte einer der Schmuggler, indem er einiges Heu vom Wagen hob. „Ihr habt keine Mühe und keine Gefahr. Ihr laßt die Jungen einfach hier durch, in wenigen Minuten sind sie über die Grenze und Ihr habt fünfundzwanzig Rubel in der Tasche. Aber wir — wir sind vom Anfang bis zu Ende in Gefahr. Zuerst die Entführung, wobei man mit dem Leben wagt, dann die Verbergung und zuletzt der Transport. Jede Uniform jagt uns Schrecken ein; jeden Augenblick muß man gewärtig sein, die lebende Fracht, den Wagen, die Pferde in Stich zu lassen und uns zu retten, wenn man überhaupt entwischen kann. So verdient man schwer und sauer die paar Rubel." „Und glaubt Ihr, ich hab's umsonst?" versetzte Pinkus. „Was kosten mich die Leute der Grenzwache jahraus, jahrein? Sie essen, sie trinken, sie rauchen, sie leihen sich Geld und zahlen nie. Braucht man was von ihnen, so haben sie alles vergessen und sind in ihren Forderungen unverschämt. Noch einen Rubel, noch einen Schnaps und wieder ein Nachtmal, bis man sie dort hat, wohin man sie haben will, damit man mittlerweile was durchführt. Ihr werdet gleich sehen, wie schwer es halten wird, die paar Kosaken, die jetzt draußen vor der Kartschma Karten spielen, fortzuschicken, damit wir diese armen Jungen expedieren." Aus dem Leiterwagen wurden sechs Knaben gehoben, die, zitternd wie junge Lämmer, sich kaum auf den Beinchen halten konnten. Heu in den Kleidern, Heu im Haar, dem Halse, in den Ohren; der ganze Körper zerschunden und zerquetscht. Was haben diese armen Geschöpfe in ,der letzten Zeit nicht schon gelitten! Aus dem warmen Nest im Väterhause, den Armen der Mutter entrissen, wurden sie unter Aufsicht schreckerregender Menschen, die sie nicht kannten, gestellt, schlecht genährt, hart behandelt, und für kleine Vergehen unbarmherzig geschlagen. Aus dieser jammervollen Existenz befreit, sehen sie sich wieder in den Händen fremder, roher Menschen die sie schreckten, in finsteren Löchern gefangen hielten und auf ihre Fragen und Bitten keine Antwort gaben. Dann wurden sie wie die Kälber in einen Leiterwagen gepfercht, mit einer Schicht Heu bedeckt und unter Androhung kräftiger Züchtigung zu absolutem Schweigen ermahnt. Wohin? 'Sie durften weder fragen, noch klagen! Nun wurde die kleine müde Herde in eine entlegene Wirtsstube getrieben, wo sie Brot und Käse nebst Milch erhielt. Einige verzehrten gierig das bürgerliche Mahl, andere, bei denen die Müdigkeit größer war als der Hunger, schliefen, den Kops auf die Tischkante gelehnt, ein, im Traume dem Elend entrückt. Lange ließ sich Niemand in der halbdunklen, schweigenden Stube sehen; endlich erschien einer der beiden Männer, der sie herbrachte. „Auf!" rief er barsch. „Jetzt marschiert Ihr weiter, zu Fuß; aber still, ganz still. Niemand darf einen Laut auch nur flüstern. Schnell und lautlos marschieren. Später, wenn wir jenseits der Grenze find, dann könnt Ihr meinetwegen sogar lachen und singen." . Lachen und singen! Arme Geschöpfe! Verweist beim Leben der Eltern; so jung und ohne väterliche Fürsorge, ohne mütterliche Pflege, ohne Heimat, ohne Schutz und Stütze, allen Unbilden des Lebens preisgegeben! In einem Alter, in dem glücklichere Kinder im Schatten eines blütenreichen Lebensbaumes spielen und tollen und übermütig die Freuden der Jugend naschen — nagten diese armen Opfer der härtesten Tyrannei, diese bejammernswerten Auswürflinge eines unmenschlichen Systems, bereits am Hungertuche und kosteten reichlich die Hefe eines bittern Geschickes, die ihnen die mächtige Hand des gewaltigen Mannes kredenzte, den erst die vereinte Macht der beiden westlichen Großstaaten niederwerfen konnte! (Schluß.) Lltrrsrilchr Mitteilungen. — Neue Gutachten über das jüdische rituelle Schlachtverfghren, gesammelt von Dr. Hirsch Hildesheimer, hat der „Verband der deutschen Juden" herausgegeben im Aufträge der > „Kommission zur Abwehr der gegen das Schächten gerichteten»! Angriffe", welche sich zusammensetzt aus Vertretern des Verbandes der deutschen Juden, des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Gemeindebundes, des Rabbinerverbands in Deutschland und des Berliner Rabbinats. Nach einem Vorwort Hildesheimers, der auf die früheren. amtlichen Gutachten hinweist und die neuen bespricht, folgt das Inhaltsverzeichnis, das aufweist: 68 deutsche Universitätsprofessoren, 50 außerdeutsche, 20 Direktoren usw. tierärztlicher Hochschulen und Institute, 168 beamtete, 46 städtische und private Tierärzte, 94 Schlachthof-Direktoren usw., 12 Fleischer' innungen usw. Darauf folgen 457 Gutachten. . Name und Stellung der Gutachter ist interessant und beachtenswert; der Wortlaut der mitgeteilten Gutachten zugunsten des Schächten? weist alle Scheingründe gegen dasselbe unwiderleglich zurück. Aber auch die bereits vor der neuen Sammlung erstatteten und veröffentlichten Gutachten von Autoritäten werden in dieser Schrift gegen antisemitische Anfechtungen wirksam verteidigt und in ihrer vollen Geltung aufrecht

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