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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-14 · Heft 20 (14.5.1909) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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über katholische Angelegenheiten und Bestrebungen lesen, oft wohl auch jene widerlichen Hetzereien gegen Pfaffen und Schwarze — es gibt bekanntlich in jeglicher Konfession Schwarze und Pfaffen — vielleicht mit törichtem Behagen genießen, 'diese mögen aus diesem Buche die starken Gemütsmächte des katholischen Glaubens kennen und schätzen lernen. Mag man uns auch auf katholischer Seite oft ungerecht beurteilen, deshalb wollen wir doch gerecht, eindringend und selbständig die Eigenart eines anderen Bekenntnisses zu ersoffen suchen. Die Liebe zur eigenen Religion leidet nicht darunter. Schlagworte und falsche Verallgemeinerungen richten stets und überall Schaden an. Und noch eins. Der Kampf der Richtungen im heutigen Judentum kann Segen bringen, wenn nur die Mahnung dieses Buches berücksichtigt wird: „Ehre den Gegner! -Greift nicht mit täppischer Hand ins Heilige! Nicht nur auf der Seite derer, die den-Sinn haben. Altes unberührt zu bewahren, sind Heiligtümer, sondern auch bei denen, die oft in schweren Kämpfen eine Ueberzeugung sich errungen haben, die sie zwar an die Vergangenheit fesselt, auf die sie stolz sind, die sie aber doch auch von manchem befreit, das welken Blättern gleicht, die vom Baume der Entwicklung fallen müssen, um neuen Keimen Platz zu machen. „Auch hier sind Götter." Und wo nur der Hauch göttlichen Strebend und Ringens ist, wo ein Herz für sein Heiligstes erglüht, ehre des anderen Sinn, reich" ihm die Hand und sieh" deinen Bruder in ihm, auch wenn er Dein Gegner ist." Anter Eav Wkolsus i. Von Leo Herzberg.Fränkel. II. dem weiten Gehöfte mit vielen Ausgängen, verf steckten Gelassen und finstern Kellern, hattenMenschenund Waren das sicherste Versteck und den anschließenden Wald als Zufluchtsstätte. Aber es kam niemals zur wirklichen Gefährdung seiner Schützlinge, denn der schlaue Pinie stand in einem geradezu kameradschaftlichen Verhältnisse zu den Grenzwachorganen, die sich auch ihrerseits häufig an ihn um Rat und Gefälligkeit wandten, wenn sie in irgendeine Verlegenheit gerieten. Im Winter namentlich, der in jener Gegend sehr strenge zu sein pflegte, in stürmischen Nächten, in denen Mann und Roß der Unbill des fast arktischen Schneewetters nicht mehr widerstehen konnten, suchten sehr oft die Kosakenpatrouillen Zuflucht in der einsamen, aber behaglich erwärmten Waldkartschma und mußten nicht lange am Tore klopfen, um Einlaß zu finden. Aus Humanität oder Berechnung sprang der Wirt rasch vom Lager, die Grenzwächter einzulassen und ihnen einen dampfenden Tschoy vorzusetzen. Ein Erlebnis in solcher Pacht erzählte Pinie folgendermaßen: „In vorgerückter Stunde einer stürmischen Winternacht, bei heulendem Wind, krachenden Baumästen und dichtem Schneetreiben wurde heftig an die bretternen Fensterläden geklopft. Ich hänge meine kleine Laterne an, werfe meinen Schafspelz um und öffne das Tor, da reiten zwei zu Schneeklumpen verwandelte Kosaken ein, einen Gefangenen mit sich schleppend, dessen Hände auf den Rücken gebunden.waren, während er selbst an eins der beiden Pferde angeseilt war und auf dem tief gebeugten Rücken einen schweren Ranzen trug. Der Unglückliche war ein aufgegriffener Schmuggler, der im Hausflur zusammenbrach und hier seiner Bürde und der Fesseln erledigt , werden mußte, damit er zu sich 'komme. Die Kosaken aber ließen sich's wohl ergehen, warfen die mit einer Schneekruste bedeckten Kleider ab, tranken in großen Zügen den heißen Punsch und da sie den Tag abwarten " wollten um Mann und Ware an das Grenzzollamt einzuliefern, streckten sie sich behaglich auf eine Strohschicht, den Arrestanten in der Mitte, den der eine bewachen soll, während der andere schlief. Es waren zwei ältere Leute, die die harte Last eines solchen Lebens kaum mehr tragen konnten und der arme Mann, dem die erste Wache zufiel, kämpfte schwer gegen die Forderungen der. Natur nach einigem Schlaf und wohlverdienter Ruhe, nach einem vielstündigen Ritt in einem erbarmungslosen Winterwetter. Der glücklichere Kamerad schlief, daß ihn das Platzen einer Bombe zu seinem Haupte nicht geweckt haben würde. Während er selbst dem Gewimmer des Gefangenen, zuhörte und dem verlockenden Schlafe durch ununterbrochenes Rauchen zu widerstehen suchte. „Schweig Du!" rief der Kosak dem armen winselnden Schmuggler zu, „und suche einzuschlafen. Man wird Dich weder köpfen noch hängen! Hier, trinke das Glas Schnaps, wirst dann ein anderer Mensch werden." Er reichte ihm einen vollen Becher, und als er beim Schein der Petroleumlampe, die an der Decke hing, in das Gesicht des jungen Menschen blickte, schien er von einem elektrischen Strom getroffen; er schnellte auf und schaute mit weit geöffneten Augen den Gefangenen an. Lange starrte er auf das verfallene, blutleere Gesicht des armen jungen Mannes, der sein Leben für ein Stück Brot einsetzte und es fast verlor. Der Alte konnte den Blick nicht abwenden. „Es könnte ja möglich sein, murmelte er halblaut, daß es Eliezer wäre." Bei der Nennung des Namens, machte der Gefangene eine rasche Bewegung und schaute seinerseits mit dem Ausdruck des Staunens auf den alten Grenzsoldaten. Minutenlang blickten sie einander unverwandt an, bis , endlich der Kosak den Häftling nach seinem Namen fragte! „Eliezer," antwortete dieser. „Eliezer! Und woher bist Du?" rief der Alte, sich ganz ausrichtend, mit zitternder Stimme. „Woher ich bin? Ich bin eigentlich aus Rußland." „Aus welchem Orte?" „Aus welchem Orte? Aus Zitomir." „Gott im Himmel! Wie hieß Dein Vater?" Der Kosak sprach nun im Jargon, den die Juden in Rußland sprechen.. „Mein Vater hat geheißen Schmaje — Schmaje hat er geheißen." „Schmaje Paljow!" schrie der Kosak so laut, daß sein Kamerad sich im Schlafe umdrehte, einige unverständliche Worte murmelte, aber weiterschlief. „Du bist mein Sohn Eliezer!" rief der Alte, nachdem er Atem holte und einigermaßen ruhiger wurde. „Du bist mein lang verlorener Sohn, mein eigen Kind!" Und er richtete ihn auf, blickte ihm tränenden Auges in das bleiche, abgehärmte Gesicht, küßte und streichelte ihn; er konnte kaum seine Fassung erlangen. Als ihm dies doch gelungen, sagte er rasch: „Höre mein Sohn, es sind nun fast zwölf Jahre seit ich Dich vor dem Nikolaischen Menschenraub rettete und über die Grenze bringen ließ. Nach Deinem Verschwinden wurde ich gepackt, ins Gefängnis geworfen, monatelang gemartert und zuletzt, da ich die Beamten nicht bestechen konnte, strafweise zur Grenzwache assentiert. Ich kann Dir nicht sagen, was ich in der ersten Zeit gelitten. -Es gab mehr Schläge als Brot. Dann

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