Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Sprache gestattet! Handel-Mazzetti kennt die Mundart ihrer Hermat, sie hat, um mit Luther zu reden, den Leuten aufs Maul geschaut, undsie kennt auch das Schrifttum des 17. Jahrhunderts/ Aus diesen beiden Elementen schafft sie für uns eine neue Form, eine Form, die suggestiv echt wirkt. Und mit geradezu verblüffender Differenzierung läßt sie innerhalb dieser Gesamtform die einzelnen Persönlichkeiten nach ihrer Bildung, ihrer Stellung, ihrer besonderen Natur sich äußern. Es kommt wirklich nicht daraus an, ob in Bechlarn um 1660 genau so gesprochen wurde — aber es wirkt so, und das ist die Hauptsache. Man muß schon an ganz große Muster denken, wenn man vergleichen will, etwa an Goethes Götz. Wie fällt hingegen in dieser Beziehung Hauptmanns Florian Geher ab! Da sind einige , schnell erlesene Setzen aus Thomas Murners Schriften oft in mißverstandener Bedeutung, oft in alemannischer Form fränkischem Sprachgut ausgeklebt. Hier hingegen ist lebendig gefühlte, blutvoll echte, keine papierne und gelehrte Sprache. Wie weiß sie mit diesem Instrument zu spielen! Ihr Hauptmittel der Charakteristik ist die Sprache. Sie läßt die Personen vor uns sich aussprechen. Und die Künstlerin ist so ganz in der Sache, lebt so mit und in ihren Menschen, daß sie oft nach dem Dialog, den sie meisterhaft handhabt, auch in der epischen Form noch ein wenig aus dem Sinne der Personen spricht, die sie so lebendig sich äußern ließ. Künstlerdrang hat dies Werk geschaffen, Künstlerkraft hat es gestaltet. Man sieht ein Bild der Dichterin. Große, milde, andächtige Augen — ja, das kann man sich nach dem Buche denken — aber eine zarte Gestatt, feine, schmale Hände. Was können diese Hände packen! Sie weicht nicht zurück vor der Hinrichtung Jesses, die muß mit all ihren Schrecken hinein ins Bild. Wie mögen diese Hände gezittert haben, als diese gewaltige Schlußszene gestaltet war! Mit der Kraft und Echtheit der Pinselsührung eines alten Niederländers malt sie eine üppige Bauernhochzeit und dann auch wieder eine Hochzeitsschlemmerei in Adelskreisen. Sie schenkt sich nichts. Die Koketterie einer französischen Dirne und die sinnliche Gier des gemeinen bischöflichen Pflegers, es muß alles hinein ins Bild. Und welche zarten Töne findet sie für hingebende Freundestreue, für die leisen Regungen ehelichen Liebesglücks, für das zaghaft aufkeimende Muttergefühl. Aber darüber würde man sich nicht wundern, weil man's ihrer weiblichen Natur schon zutraute. Vor starken Effekten schreckt sie nicht zurück, aber sie schafft sie mit den echtesten und feinsten Kunstmitteln. Immer wieder staunt man über die männliche Kraft, mit der sie in der Darstellung Derbes und Gemeines bewältigen kann. Eine köstliche Gabe hat sie, die auch hier noch verklärend wirkt: überlegenen Humor. Es liegt etwas von Vöcklinschem Empfinden, von seiner lächelnden Naturkraft in der Art, wie sie den Weinkoloß, den lüsternen Faun, den bischöflichen Pfleger vor uns hinstellt. Und ein Meisterstück der Charakteristik bietet sie in dem zwar etwas beschränkten, bäuerischen, temperamentvoll groben, aber grundehrlichen und gütigen Pfarrer Wolf. Dichterisch gefühlte Psychologie überall, nichts ausgerechnet, alles geschaut und in Ergriffenheit gegeben. Vielleicht mag man weibliche Art am ehesten erkennen in der Darstellung des Erotischen. Es tritt vielleicht hie und da etwas zu stark betont hervor. Aber es ist überflüssig, zu sagen, daß alles vom Geiste herber Keuschheit bezwungen ist. Man kann es verstehen, daß diejenigen Katholiken, die in diesem Buche eine Apologie ihrer Kirche oder gar der eoclesia militans des 17. Jahrhunderts suchten, nicht zufrieden waren. Auch einige Protestanten sind nicht zufrieden. Schließlich ist's ein Protestant, der den Frieden stört und mit schlechten Mitteln den Kampf führt. Auch behält ja die katholische Kirche recht. - Sie siegt. Siegt sie wirklich? Die Kommission hat doch nur äußere Ordnung hergestellt mit zufälligen Machtmitteln- Sind die Menschen religiöser, besser geworden als vorher? Es ist sehr fein, wenn es im Roman nach den Schreckenstagen der peinlichen Untersuchung heißt: „Die Stadt bekam das Gesicht, das sie jeden Winter von altersher hat. Die Leute kamen und gingen hübsch gemächlich in den weißen Straßen über die Katzenköpfe,. standen und schwatzten, kauften ihren Bedarf. Am Sonntag gingen sie zur Kirche, und zwar, das war anders als vor alters, es blieb kein Mann weg. Die Kinder hockten in der Schule beim Wächter; kamen sie heraus, so warfen sie Steine hinter den Kötern her und schrieben mit Stecken auf dem Schnee. Die Bäcker buken zu geringe Wecken; die Wirte schenkten verschnittenen für Edelwein, und die Saufbrüder tranken ihn fleißig; die Seiler drehten Seile, an denen man die Lumpen henkt, solche wie den Velderndorffer. „Jesus, war dos ein schlechter Mensch!" „Kein Mensch nit, ein Satan ist er gewest!" „Es war der Antichrist!" „Aber die Stern fand jo noch nit von Himmel gefallen!" „Wird scho werden; hobt's den güldenen Regen nit g'segen gestert auf d' Nacht? Es werden! schon roglet (wacklig)." — — — Also cui bono? Was hat aber mit diesem allen das Kunstwerk der Handel- Mazzetti zu tun? Ein Stück Leben zeigt sie mit bewundernswerter Objektivität. Sie selbst ist gläubige Katholikin, in ihrem Werke ist sie nur Künstlerin, kann sie nur Künstlerin sein. Es geht hier zu wie in einer rechten Tragödie. Es kann keiner andersnach seiner inneren Natur. Jeder hat in seiner Art recht. Es ist lächerlich, hier jene Apothekerkritik anzubringen und auszurechnen, wieviel Prozent gute und schlechte Katholiken, gute und schlechte Protestanten in der Mischung sind. Freilich, das eine spürt jeder. Das Herz der Dichterin spendet Liebe nicht nach konfessioneller Begrenzung. Sie steht auf der Seite der Milden, der Schenkenden, der Gütigen. Sie steht auf seiten.derer, die einfältigen Herzens sind. Oft blitzt ein. Kontrast auf zwischen naiver Gläubigkeit und theologischer Bildung, zwischen schlichter Frömmigkeit und starr unbeugsamer Gesetzlichkeit und Kirchlichkeit, und man fühlt, wohin die Autorin neigt. Das Wort des Thomas von Kempen, das sie ihrem ersten Romane vorgesetzt hat: magna, res est amor, es ist auch Leitmotiv dieses Buches. Eine feine Menschlichkeit ist die Grundstimmung. In der Andacht zur Macht des rein Menschlichen löst sich alles auf. Diese Dichterin steht aus einer viel zu hohen Warte, als' daß sie Tendenzen, die außerhalb ihrer künstlerischen Aufgabe lägen, predigen sollte. Sie predigt überhaupt nicht. Aber aus der Dichtung klingt uns doch deutlich ein Mahnwort entgegen: Vergreif Dich nicht an den Heiligtümern des Herzens! Es gibt auch in jüdischen Kreisen eine große Zahl oberflächlich Gebildeter, „Upverklärte", wie . Reuter sagt — sie lesen freilich diese Blätter nicht — die allem Religiösen, das von der Ueberlieferung abhängig ist, indifferent gegenüberstehen. Diesen könnten bei der Lektüre dieses Buches die Augen ausgehen, wenn sie wahrnehmen, welch gewaltige Macht auf Gemüt und Geist religiöses Interesse, vom Vater aus den Sohn vererbt, im Menschenleben üben kann. Was man überwunden glaubt, überwindet immer noch. Und wir möchten so gern wünschen, daß jene sich des herrlichen Erbes ihrer Väter erinnern und einen Hauch des Segens spüren, den es stiftet, wenn man es erwirbt, um es zu besitzen! Aber auch so manche unter uns, die in den „liberalen" protestantischen Blättern allgemeine und oft so schiefe Urteile