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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-14 · Heft 20 (14.5.1909) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 20 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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die ihnen im Hinblick auf unsere Glaubensgenossen, welche schwer zu kämpfen haben, obliegen. Es ist nicht zu bezweifelndaß es auch in diesem Betracht in unserem Judentums besser geworden ist. Die mächtige Strömung, welche unser Volk erfaßte, hat gar manchen unserer Mächtigen daran erinnert, daß er auch ein Jude ist, sozusagen. Aber viele unserer jüdischen Magnaten und ulten Patrizier stehen noch immer den Kämpfen, die das jüdische Volk zu überstehen hat, kalt, ja teilnahmslos gegenüber. Was ist ihnen Hekuba, genannt jüdisches Volk? Wir aber meinen: Lorbeeren kann sich doch nur der Jude erringen, der Herz und Geist seinem Volke widmet, für sein Kämpfen und Ringen Sinn und Verständnis zeigt. — Und wenn wir schon von einem bedeutenden Manne gesprochen haben, welcher dem Judentume Oesterreichs in den verflossenen Wochen entrissen wurde, gedenken wir auch des großen Künstlers, der aus unserer Mitte geschieden ist, des Hofschauspielers Adolf Ritter von Sonnenthal. Am ersten Passah-Halbfeiertage wurde, was sterblich an ihm war, in seinem geliebten Wien der Erde übergeben. Es ist hier nicht unsere Sache, die Bedeutung Sonnenthals als Künstler zu würdigen. Für sein jüdisches Volk bedeutete er mehr. „Als Jude habe ich gelebt, als Jude will ich begraben werden", diese Worte seines letzten Willens geben uns ein leuchtendes Bild von der Charakterstärke dieses großen Künstlers in einer Zeit der Fahnenflucht und des Renegatentums, wie wir sie jetzt schaudernd miterleben. Sonnenthal hat im wahren Sinne des Wortes zur Heiligung, zur Weihe des Judentums beigetragen. Sein Name wird nicht vergessen werden, wenn man die größten Künstler/ die besten Menschen, aber auch die hervorragendsten Kinder unseres Stammes nennt. Er warein Mann, aber auch ein Jude, „nehmt alles nur in allem". Wir werden seinesgleichen nur wenige wieder sehen. Iwri. Iklle und Msris. Von Dr. M. Spanier-Münster i. W. er Name schon fällt ein wenig aus dem Rahmen dieses Blattes heraus. Und doch möchte ich gern auf dieses Meisterwerks der Baronin Enrica v. Handel-Mazzetti gerade von dieser Stelle aus Hinweisen. Es lockt mich nicht, auf die paar Stellen besonders hinzudeuten, in denen Jüdisches erwähnt wird. Es ist freilich charakteristisch, wie die Autorin auf einer halben Seite eine ängstliche und. mitleidige Judenfamilie mit feinem Gefühl so ganz nebenbei kennzeichnet, charakteristisch nämlich für ihre stets eindringliche und gütige Art. Es ist ja auch ganz interessant, daß die Autorin, wie ich von ihr weiß, ein Makkabäer-Drama in ihrer Jugend geschrieben hat. Jasott und Onias standen im Mittelpunkte der Handlung. Aber die Charaktere blieben nach ihrer Meinung schemenhaft. Ihre damalige Kraft reichte zur künstlerischen Bewältigung des Stoffes nicht aus. An Selbstkritik und -zucht fehlt es ihr nicht. Auch auf die etwas reichlich mauschelnde „Juiverie" mit ihren Journalistentypen in dem Jugendroman „Brüderlein und Schwesterlein", der augenblicklich in der Monatsschrift „Ueber den Wassern" abgedruckt wird, will ich nicht Hinweisen. Denn über „Handel-Mazzetti und die Juden" will ich nicht schreiben. Daß ich^s nur klipp und klar sage: ich halte „Jesse und Maria" für eine so starke Leistung, daß es gar keiner Entschuldigung *) Jesse und Maria. Ein Roman aus dem Donaulande von E. v. Handel-Mazzetti. Kempten und München. Verlag der Jos. Köselschen Buchhandlung. 2 Bände. bedarf, wenn man auch in diesen Blättern darauf aufmerksayr macht. Aus purer Gerechtigkeit. Titel und Verlag erwecken nämlich bei manchem den Eindruck, als ob es sich hier um eine katholische Tendenzdichtung handele-und — catholica non leguntur. Meinte doch noch kürzlich eine hochstehende katholische Dame, die das Buch Nicht gelesen hatte, als ich energischer nach den Gründen forschte: „Ehrlich gesagt, ich fürchtete, es sei was Tendenziöses!" Man hat ja wiederholt den Juden gnädigst zugestanden, daß ihr Interesse für Kunst und Literatur echt und für jede ringende und aufstrebende Kraft von Belang sei. Wir wollen uns allerdings nicht verhehlen, daß auch nebenbei Snobismus und Modehascherei stärker als wünschenswert bei uns gedeihen. Jedenfalls wird- „Jesse und Maria" seinem Werte nach auch in jüdischen Kreisen nicht so gelesen, wie es das Buch verdient. Das ist der Grund, weshalb ich von diesem Roman hier reden möchte. Diese Blätter dienen dem religiösen Interesse. Es ist mit dem religiösen Empfinden nicht so, daß es durch die Grenzpfähle der Konfessionalität völlig abgesteckt und gesondert sei. Gewiffe Tendenzen und Strömungen finden sich aus ähnlichen Triebkräften in jeder Religion. Oft scheidet nur der Name. Die Prinzipien decken sich fast. Von religiöser Gesinnung, llebung, Lebensgestaltung ist in diesem Buche — hier natürlich in der Form christlicher Religiosität — viel die Rede. Aber, um es schon vorweg zu sagen, eine Gesinnung lebt in der Darstellung des Buches, die verwandt ist mit der erhabenen Anschauung unserer Alten: Die Frommen aller Völker haben teil an der ewigen Seligkeit. Der Roman spielt in österreichischen Landen, in der Gegend um Bechlarn, um 1660. Ein protestantischer Heißsporn, Jeffe v. Velderndorff, hat durch seine feurige Propaganda Verwirrung unter den katholischen Bauern seiner Heimat angerichtet. Wie er die Geldverlegenheit des bischöflichen Försters, den er unter seinen Einfluß gebracht hat, ausnutzen will, um ihn zur Entfernung eines ihm, dem ästhetisch kultivierten Protestanten widerwärtig erscheinenden Marien- Bildes zu veranlassen, arbeitet des Försters schöne und fromme Gattin dem entgegen. Sie bewirkt, daß eine „Kommission" ins Land kommt. Und nun hat Jesse ausgespielt. Vor dem geistlichen Gericht verstrickt-i er sich immer mehr in Schuld. Von seinen Inquisitoren gereizt, schießt der stolze Mann, der Helden- und Märtyrerblut in seinen Adern hat, auf den Abt. Er wird dem Landgericht übergeben, und der Störrige, der nicht einlenken kann, wird zum Tode verurteilt. Aber auch Maria ist gebrochen. Sie kann^s nicht ertragen, daß sie solches Unglück über Jesses Familie, sein junges Weib und ihn selbst gebracht hat. Wie nun, bevor an Jesse die strenge Strafe vollzogen wird, die beiden Gegenfpieler in erwachenden Gewissensqualen sich nähern, verstehend und verzeihend, Opfer bringend und Liebe spendend, diese Darstellung gehört schlechterdings zu dem Schönsten unserer Dichtung überhaupt. . Darin liegt Größe, die erschüttert und erhebt. Das Buch ist ein kulturhistorischer Roman. Nicht in dem Sinne, als ob hier zu frei erfundenen Figuren ein historischer Hintergrund zurecht gepinselt wäre. Nein, diese Dichterin hat die Fähigkeit, ein vergangenes Weltbild in sich aufleben zu lassen und es aus sich heraus zu gestalten. Das sind keine verkleideten Figuren, es sind leibhaftige Menschen aus alter Zeit. Man spreche nicht zu viel von dem Fleiß und den Studien der Autorin; das Wichtigste ist, daß hier alles Wissen Persönlichkeit und schöpferisches Leben geworden ist. Um vom Aeußerlichen zuerst zu reden — es ist aber nicht nur das Aeußerliche — mit welcher Meisterschaft ist hier die

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