Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
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„Schurl" nennt, davon und befreiten sich und uns aus allen Kriegsnöten. Man atmet hier auf. Es verlief also das Passahfest in fröhlicher Stimmung, und man konnte viel von Frieden, Frühling, Fröhlichkeit, Freiheit und Freude. — besagten Sie gefälligst die Alliteration — predigen hören. Wie Sie sehen, wurde das Fest recht harmlos gefeiert. Wir überlasien demnach die Serben der edlen Schweinezucht, die sie mit besonderem Geschicke betreiben, und wenden uns Liner Frage zu, welche die Juden in den neuerworbenen Ländern lebhaft, und mit Recht, beschäftigt : es ist die Frage ihrer Vertretung in dem bosnischen Landtage. Die Wahlkurien.in den neuen Provinzen Oesterreichs sollen nämlich auf konfessioneller Grundlage aufgebaut werden. Und da möchte man die Juden gar zu gern um ihr passives Wahlrecht bringen. Man behauptet, sie zählen in Bosnien nur 11000 Seelen. Da aber ein Mandat auf 25000 Mitglieder einer Konfession zu entfallen hat, so könne den Juden ein solches nicht zugestanden werden. Mohammedaner, - Katholiken, Griechisch- Orthodoxe würden demnach in dem neuen Landtage vertreten sein, die Juden aber nicht. Es wiederholt sich also hier das alte Spiel: wir sind auch unter den Bosniaken Bürger zweiter Ordnung. Es freut uns aber, zu hören, daß das Nechenexempel des bosnischen Ziviladlatus, Barons Benko, doch nicht ganz stimmen wird. Erstens sind in Bosnien viel mehr als i 1 000 Juden; man kann annehmen, daß sich ihre Zahl seit dem Jahre 1895, anläßlich der letzten Volkszählung, auf mehr als 16 000 erhöhte. Zweitens haben sich spaniolische und deutsche Juden kräftig vereinigt, um sich ihr Wahlrecht durch keine Zahlenkünste eskamotieren zu lassen. Drittens ist der ungarische Ministerpräsident durchaus nicht der Meinung des Barons Benko und versichert, daß auch die Juden ihre Vertretung im neuen Landtage finden müssen; endlich werden auch die Juden im österreichischen Parlamente sich wohl für unsere bosnischen Brüder und neuen Mitbürger erheben, und vielleicht wird der neue „Gemeindebund", der vor Jahresfrist das Licht der Welt erblickte und noch nicht eines seligen Todes entschlafen ist — er ist sogar, wie man hört, am 4. Mai wieder zusammengetreten — zeigen, daß er nicht allein gegründet wurde, um in rituellen Fragen eine Art Konsistorinm zu bilden, sondern auch daß es in Oesterreich viel wichtigere jüdische Fragen zu vertreten gibt, als gewisse konfessionelle Formen. Wir stehen ja überhaupt wieder ganz neuen Erscheinungen in der Entwicklung unserer inneren Verhältnisse gegenüber. In der parlamentslosen Zeit, welche die Herren radikalen Tschechen wieder einmal durch ein ohrenzerreißendes Konzert von „Ratschen", Pfeifchen, zerschlagenen Pultdeckeln und anderen lieblichen Instrumenten herbeiführten, wurden wir mit einem neuen Ministerium beschenkt. An die Stelle Ecßmanus, welcher die christlich-soziale Partei im Ministerium vertrat, ist nun in dieser Eigenschaft der neue Handelsminiftcr und frühere Präsident des Abgeordnetenhauses Dr. Weiskirchner getreten. Auch dieser Mann hat eine großartige Karriere hinter sich. War er doch als Magistratsbeamter die rechte Hand Dr. Luegers. Das besagt wohl alles. Und damit auch die Deutschnationalen, die Rassenantisemiten, ihre Vertretung im neuen Ministerium erhalten, wurde einer von ihnen, ein Grazer Rechtsanwalt, Justizminister. Wir wundern uns gar nicht darüber, wenn die für den unseligen Hilsner, den österreichischen Dreyfus. eingebrachten Gnadengesuche abgewiesen wurden. Ist es bei den Strömungen, die unser ganzes politisches Leben beherrschen, anders möglich? Da nun das Abgeordnetenhaus wieder zusammentrat, erhielt es als neuen Präsidenten den ewigen Minister-Kandidaten, Dr. Pattai,. einen ausgesprochenen Christlich-Sozialen. Wie man flehte gestaltet sich unsere Zukunft nicht gerade am rosigsten, und wir werden, sofern uns der Herr Leben und Gesundheit schenkt, noch manches erleben, nur, wie wir fürchten, nichts Angenehmes. Ein festes Zusammenhalten der Juden in unseren Vertretungskörpern tut sehr not, und der „Gemeindebund", der nun wieder ein Lebenszeichen gibt, wird Arbeit genug erhalten. Aber, wie wir gehört, krankt dieses neueste Gebilde des österreichischen Judentums an der Separationslust der galizischen Brüder. Die wollen in dem neuen „Gemeindebunde" nicht mittun. Und so ist die Frage gelöst, die wir in einem unserer Briefe aufwarfen: „Was ist^s mit dem, vor einem Jahre nahezu, ins Leben gerufenen „Gemeindebunde"?" Wir hören jedoch, daß er eine Besprechung jüdischer Abgeordneter veranlaßte, betreffend die Zurückweisung der Ansprüche der bosnischen Juden auf eine selbständige Kurie. Und zu dieser. Besprechung fanden sich, erfreulicherweise, jüdisch-nationale, fortschrittliche und sozial-politische Juden zusammen. Wo aber blieben die sozialdemokratischen Abgeordneten jüdischer Abstammung. diese angeblichen Kämpfer für Freiheit und Recht? Oder fürchteten sie wieder für eine jüdische Schutztruppe gehalten zu werden? Hören Freiheit und Recht auf, wenn es sich um Juden handelt! Doch spüren wir dieser müßigen Frage nicht nach; freuen wir uns vielmehr, daß es noch immer gewisse Angelegenheiten gibt, die imstande sind, auch die disparatesten Elemente des Judentums zu einigen, und daß der Jüdisch- Nationale Dr. Mahler mit dem Sozialpolitiker Dr. Ofner vereinigt in den Kampf -zieht, wenn die Interessen des Judentums gefährdet erscheinen. Zu den Ereignissen, welche im Judentum Oesterreichs feit meinem letzten Berichte eingetreten sind', kann auch der Tod eines unserer angesehensten Mitbürger gerechnet werden, des vielfachen Millionärs Julius Ritters v. Gomperz. Durch viele Jahre bekleidete er das Amt des Präsidenten der Kultusgemeinde in der mährischen Landeshauptstadt und stand durch Jahrzehnte an der Spitze des Kuratoriums des mährischen Landes-Masiafonds. Dieses Kuratorium bildet eine Art Zentralvertretungskörper der mährischen Judenschast, indem es einen reichen Fonds verwaltet, der dazu bestimmt ist, ärmere Gemeinden zu unterstützen. Gomperz entstammte einer berühmten, aus den Rheinlanden in Mähren eingewanderten Familie, verfügte über ein großes Vermögen und war ein Hauptvertreter jener immer mehr absterbenden liberalen Partei in Oesterreich, der sich vor Jahren, als unsere Verfasiungsgesetze entstanden, die Juden 'mit Haut und Haaren verschrieben. Wir alle wissen, wie traurige Erfahrungen die Juden mit und in dieser Partei machten. Sie vermochte oder wollte nicht, uns vor jenem Antisemitismus zu bewahren, der heute unser ganzes öffentliches Leben versumpft. Gomperz ist dem Liberalismus treu geblieben und 85 jährig, als Altliberaler, Herrenhausmitglied, Handelskammerpräsident, reich an äußeren Ehren und Würden, gestorben. Sein Leichenbegängnis bewies, wie Juden, trotz des Antisemitismus, durch den mächtigen Einfluß der Güter dieser Erde, zu Ehren gelangen können. Was nutzt dies aber der großen Volksmenge? Haben etwa die Großen in unserem Judentum es vermocht, uns die wahre Gleichstellung zu erwirken, die in dem Juden nur das würdigt, was er vermöge seiner Intelligenz leistet, und nicht in ihm noch immer den Bürger zweiter Ordnung sieht? Gomperz erzählt in seinen Jugenderinnerungen, die er für einen intimen Kreis herausgab, von einem seiner Ahnen, der sich warm seiner bedrückten Glaubensgenossen annahm. Dieser Ahne sollte den Großen - in unserem Judentum zum Muster dienen, daß sie sich der Pflichten stets bewußt seien.