Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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, Nicht Nissim Mazliach, sondern Emanuel Carasso, der Abgeordnete von Saloniki, war das Mitglied des türkischen Parlaments, der' die Deputation zum Exsultan Abdul Hamid führte. Diesem gegenüber drückte der ehemalige Sultan die Besorgnis aus, daß man ihm vielleicht nach dem Leben trachte, worauf Carasso unter Zustimmung der übrigen Deputations- Mitglieder dem entthronten Herrscher erwiderte: „Euch schützt die Nation!" Die Entsendung Carassos in jene denkwürdige Deputation an Abdul Hamid sollte nicht nur eine Anerkennung der persönlichen Verdienste Carassos um die jungtürkische Bewegung, sondern auch der Ausdruck der Anerkennung für die Saloniker Juden sein, die in dem ganzen Freiheitskampfe sich große Verdienste um Einführung und Restituierung der Konstitution erworben haben. Allerdings fehlt es auch nicht all Stimmen, welche meinen, daß Carasso mit der Annahme der Ehre, Mitglied der Entsetzungsdeputation zu sein, zu weit gegangen sei, da der Sultan nicht nur das weltliche, sondern auch das religiöse Oberhaupt der Mohammedaner ist und man bei dem heutigen Stande der Dinge es den Juden niemals verzeihen würde, sich in diese Aktion offiziell hineingemischt zu haben. Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß der bisher bewährten politischen Klugheit der führenden Saloniker Kreise, die ihr Zentrum im Cercle des Intimes haben, dieser Umstand entgangen sei. In einer Charakteristik Carassos, welche dem „Berliner Tageblatt" von seinem Spezialkorrespondenten in Saloniki eingesandt wurde, heißt es: „Das bedeutendste Mitglied des jungtürkischen Komitees, ich möchte sagen, das geistige Haupt, ist jedenfalls Emanuel Carasso/ Advokat, geborener Saloniker, ein Mann von 55 Jahren und nebenbei — was aber in der ganzen Bewegung eine Hauptrolle gespielt hat — Meister vom Stuhl der spanischen Freimaurerloge. Dieser ganz hervorragend intelligente und energische Mann hat es verstanden, nicht nur unter den 4- bis 500 Mitgliedern der drei in Saloniki arbeitenden Logen die freiheitlichen Ideen zu verbreiten, sondern auch die für ihre praktische Ausführung geeigneten Leute unter den Offizieren und Beamten an sich und in die Loge zu ziehen und aus ihnen den Kern der über das ganze Reich verbreiteten Freiheitsgarde zu bilden. Von seiner Loge aus liefen die Fäden bis ins Palais vom Jildis und die Bureaus der Hohen Pforte, bis ins Arbeitskabinett von Hilmi Pascha und die Räume des Generalstabs." Soweit bekannt, sind zwei jüdische Freiwillige unter den Märtyrern der Freiheit geblieben; sie fanden im Kugelregen vor der Taschkischla-Kaserne ihr Ende; im gemeinsamen Ehrengrab ruhen sie neben ihren christlichen und islamischen Kameraden. In Anbetracht des Patriotismus und der tapferen Haltung, die bei den Kümpfen auch die Nichtmohammedaner entfalteten, hat das Kommando der Freiheitsarmee beschlossen, bei der Regierung und der Kammer um die beschleunigte Dotierung des neuen Militärgesetzes vorstellig zu werden, 'os? den Nichtmohammedanern das Heer genau so wie den „Gläubigen" erschließen soll. Der großartigen Beerdigungsfeier, die dreien der gefallenen Offiziere zu Ehren stattsand, wohnte neben den Ministern, Vertretern des Parlaments und des Armeekommandos, auch der Großrabbiner bei und hielt eine Ansprache am Grabe. Line jüdische Mmdensnltslt im Deutschen Srichr. Von Dr. Ludwig Cohn-Berlin, eit einem halben Jahre sind die Vorarbeiten zur Gründung einer jüdischen Blindenanstalt im Deutschen Reiche eifrig im Gange, und es steht zu erwarten, daß das Institut nach den Herbstfeiertagen dieses Jahres eröffnet werden kann. Sonderbarerweise war bisher für die jüdischen Blinden überhaupt noch nichts getan worden worden, während doch sonst das Judentum aus dem Gebiete der Wohlfahrtsfürsorge jeden Zweig gut ausgebaut hat. Amtliche und private Erhebungen haben ergeben, daß die jüdischen Blinden nur zu einem verschwindend geringen Prozentsätze in den bestehenden Blindenanstalten ausgebildet und erzogen werden, was seinen Grund unbedingt darin hat, daß wir Juden unsere Kinder lieber in jüdische Häuser geben, wenn wir sie zwecks geeigneter Ausbildung und Erziehung einem Institut anvertrauen müssen. Das Fehlen einer jüdischen Blindenanstalt, wie eine solche in Wien besteht, aber nur für Oesterreicher, bedeutet tatsächlich eine Lücke in der jüdischen Wohlfahrtsfürsorge, und es muß mit großer Freude begrüßt werden, daß diese Lücke nun ausgefüllt werden soll. Die Blindenfürsorge unterscheidet sich von ihren Schwestergebieten ganz wesentlich dadurch, daß die Blindenausbildung etwas ganz Spezifisches ist, was nur in einem Spezialinstitut oder von fachlich ausgebildeten Lehrkräften gelehrt werden kann. Diejenigen äußeren Eindrücke und Einflüsse nämlich, welche der Sehende mit dem Auge in sich aufnimntt, müssen dem Blinden durch den Tastsinn vermittelt, sie müssen ihm also, so weit dies möglich ist, plastisch dargestellt werden. So ist z. B. die Schrift durch erhabene Punkte gebildet, die bei flüchtigem Betrachten in ihrer Anordnung etwa mit dem bei der Telegraphie zur Verwendung kommenden Morse-Alphabet vergleichbar sind. Für den Geographie-Unterricht kommen Reliefkarten zur Verwendung, auf denen sich der Blinde mit Hilfe des tastenden Fingers eben so gut zu orientieren vermag wie der Sehende mit dem Auge. Sehr interessant sind ferner die Reliefzeichnungen und Reliefbilder, die besonders für den Anschauungs- und Naturkunde-Unterricht von Wert sind. Aber auch nach anderer Richtung hin wird das blinde Kind in der Anstalt ausgebildet: Es muß lernen, sich frei und sicher zu bewegen, es muß gewandt und selbständig werden. Im eigenen Hause, in der Familie lernt es dies nie oder nur in ganz vereinzelten Fällen, weil es meist allzusehr verwöhnt, mit viel zu großer Rücksicht behandelt oder auch oft zu sehr vernachlässigt wird. In der Blindenanstalt, welcher ich meine Ausbildung verdanke, mußten wir, Knaben und Mädchen, in der Küche das Geschirr waschen und abtrocknen, Treppen und Zimmer schrubbern, Fenster, Schlösser und Klinken putzen, unsere Sachen und Stiefel reinigen; wir mußten uns alles selbst ausbessern, kurz, wir wurden nach jeder Richtung hin selbständig gemacht. Wenn wir damals auch manche Träne dabei vergossen, und uns dies und das recht überflüssig erschien, später haben wir es dem Institut nicht genug danken können, und, gerade weil ich alles dies selbst durchgemacht habe, kann ich es Eltern blinder Kinder nicht dringend genug ans Herz legen, möglichst früh die Anstaltsausbildung in Anspruch zu nehmen. Gerade das blinde Kind bedarf einer solchen Ausbildung und Erziehung dringend nötig, denn das Fehlen so vieler . äußerer Eindrücke und Einflüsse bringt die Gefahr eines geistigen Rückganges sehr nahe, wie sich tatsächlich, als es noch keine spezielle Blindenausbildung gab, die Zahl der schwachsinnigen Blinden immer'mehr steigerte. Mit unserer neuen jüdischen Blindenanstalt soll nun ein weiterer Stein in den Bau der Blindenerziehung und Blindenausbildung eingesügt werden. Alljährlich muß die Direktion der österreichischen jüdischen Blindenanstalt Aufnahmegesuche aus Deutschland ablehnen, nun aber sollen wir unsere blinden Kinder in einem eigenen Institut zweckmäßig, fachlich, aber