Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Geschichte un d Literatur über „Das Leben und Wirken Ahraham Liucolns", dessen100 jähriger Geburtstag vor wenigen Wochen gefeiert wurde, einen mehr als einstündigen Vortrag hielt. Im Saal- .. bau hatte sich' eine große Zähl Zuhörer eingefunden, um den bedeutfatnen: Landsmann zu hören. Herr Dr. Lewit begrüßte den gefeierten Gelehrten mit herzlichen Worten; daß die Bewohner Alzeys mit.Stolz die Kunde vernommen, daß ein! geborener Alzeyer als. eine Leuchte der Wissenschaft in Amerika gefeiert werde, so daß der amerikanische Präsident Roofevelt ihn dem deutschen Kaiser als Lehrer der Universität Berlin erwählte. Professor Adler führte in humorvoller Weise aus, wie seine Erinnerungen an Alzey frisch geblieben, obwohl er erst' hll2 Jahre alt gewesen, als sein Vater einerehrenvollen Berufung als Rabbiner der Emanuel-Gemeinde in New York 1857 Folge geleistet. Er sei tief gerührt, daß. das Andenken seines verehrten Vaters noch so frisch im Gedächtnis der israelitischen Gemeinde zu Alzey geblieben sei und daß man ihm, dem Sohne, um seinetwillen freundliche Gesinnung erweise. Er erzählte/ daß das Ministerium in Berlin ihm zum Abschiede eine Prachtausgabe des. Nibelungenliedes als Geschenk verehrt habe mit Anspielung auf Volker von Alzey. In dem Vortrage war es dem Redner meisterhaft gelungen, das Lebensbild des großen amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln der Versammlung vorzuführen, die mit gespanntester Aufmerksamkeit den geistreichen Ausführungen folgte. Lincoln, aus den allerniedrigsten Schichten des amerikanischen Volkes hervorgegangen, der durch seine Tüchtigkeit es zur höchsten Würde in der Republik gebracht hatte, zeige am besten den amerikanischen Geistder den Menschen nicht nach Aeußerlichkeiten beurteile, sondern nach dem Edelmetalle, das in ihm verborgen sei. Einen nicht endenwollenden Beifall erntete der Redner für feine vortrefflichen Ausführungen. Der Begeisterung der Versammlung gab noch Rabbiner Tr. Lewit Ausdruck und fügte auch die Bitte hinzu, daß der hochgeschätzte Gelehrte ebenso herzliche Erinnerungen an seinen gegenwärtigen Aufenthalt in Alzey nach seiner jetzigen Heimat mitnehmen möge, wie man hier seiner stets mit Verehrung gedenken werde. Oesterreich-Lliirilirn. □ Wien,k 3 Mai. Tie „Öesterreichisch - Israelitische Union" hat am 24. v. M. ihre Generalversammlung abgehalten. Aus dem sehr interessanten Bericht des Sekretärs ging hervor, was der Verein geleistet hat und wie erfolgreich seine Wirksamkeit war. Er hat den Ministerpräsidenten zu der Erklärung veranlaßt, daß die Regierung den konfessionellen Boykott verurteile; er hat in verschiedenen Fällen durchgesetzt, daß die Mißachtung der Gesetze den Juden gegenüber durch die Regierung verhindert wurde; sein Rechtsschutzbureau ist wiederholt mit Erfolg eingetreten, wo Juden Unrecht geschehen ist, namentlich wo die Ritualmordlüge auftrat oder wo — wie in Galizien — junge jüdische Mädchen entführt und gewaltsam getauft wurden. Auch gegen öffentliche Aufreizungen durch die Presse ist der Verein stets eingeschritten. Ebenso hat er ungesetzliche Stellenausschreibungen in. mehreren Fällen verhindert. So kann man die Wirksamkeit des Vereins nur eine segensreiche nennen; er hat auch .im abgelaufenen Jahre 600 neue Mitglieder erhalten. — Der hier verstorbene Privatier Markus Engel hat sein ganzes Vermögen im Betrage von ungefähr acht Millionen. Kronen mit Ausnahme einiger kleiner Legate wohltätigen Zwecken gewidmet. Das Haus Schottenring Nr 10 fällt der israelitischen Kultusgemeinde zu, die dort zum Andenken an den Spender dessen Büste anbringen lassen wird. — In Straßnitz t. M. ist der Rabbiner Dr. A. Friedmann. nachdem er in der Synagoge am 17. v. M. einen Schlagansall erlitten, acht Tage darauf gestorben. — Der Rabbiner Dr. I. Rabbinowitsch in Mährisch-Weißkirchen ist als Religionsschullehrer zum Professor befördert worden. \ Meran, 2. Mai. Am 23. Januar d. I. fand die Einweihung des neuen Hauses für das. Genesungsheim des Vereins „Asyl für mittellose kranke Israeliten" statt,am 26. des Monats wurde das Genesungsheim mit Kranken belegt. Vom 26. Januar, bis 1. Februar wurden 60 Pfleglinge ausgenommen, vom 1. Februar bis 15. Februar weitere 24, so daß zu diesem Termine das Asyl vollständig belegt war. Welche Mühe und Arbeit der Direktorin Fräulein Salus, und dem Anstaltsarzte Herrn Dr. Josef Kohn durch diese rasche Einberufung der Kranken erwuchs, kann nur der ermessen. welcher in einem ähnlichen Institute vor und bei der Eröffnung tätig . A war. Mit Aufgebot aller Kräfte gelang es trotz vielfacher H Hemmungen im Betriebs, aller Hindernisse Herr zu werden und den , | Kranken ihren sehnsuchtsvollen Wunsch, in die Anstalt ausgenommen zu werden, zu erfüllen. Unter, den 84/Pfleglingen waren aus j| Böhmen 12 (hiervon 9 aus Prag), , aus Deutschland 17, aus Wien 33, \4| aus Mähren und Schlesien 11 (davon 4 aus Brünn), die übrigen . Kranken rekrutierten sich aus Galizien, Ungarn, Steiermark und Ruß- -/J land. Dem Stande nach waren 40 Handelsangestellte, die übrigen verteilten sich auf Lehrer. Techniker, Schlosser, Tapezierer, Markör, 4 Maler, Diamantenschleifer, Schneider, Schneiderinnen, Erzieherinnen, ''Z Modistinnen, Sängerinnen, Lehrerinnen usw. Verheiratet waren H davon 15. Die Pfleglinge standen im Alter von 15^ bis 50 Jahren. Hl Aus dieser vorläufigen Statistik, die wir, wenn möglich monatlich .i veröffentlichen wollen, ist zu ersehen, daß aus allen Ständen, aus allen Altersstufen und aus allen Ländern in unserem Heime Hilfe .Ä gesucht wird. Für die Verpflegung, welche aus sieben Mahlzeiten ±r,A besteht, .für die Wartung, Bedienung, Beheizung usw. haben wir einen Aufwand von zirka 90000 Kronen zu bestreiten, hiervon sind . zirka 50000 Kronen ungedeckt. Wir mußten um unsere Baurechnungen zu bezahlen, den Betrag von 150000 Kronen auf unser Haus aufnehmen und müssen - auch diesen Betrag verzinsen und. amortisieren. ,-;4 Wir sind daher aus die Subventionen aller Vereine sowie auf die wohltätige Hand und -das goldene Herz aller Glaubensgenossen angewiesen. Wir bitten deshalb alle unsere Glaubensgenossen, uns - H zu unterstützen, uns Gelder einzusenden, unserem Vereine als Mit- . ,H glieder beizutreten, damit wir imstande sind, die Verpflegungskosten M für unsere Pfleglinge zu bestreiten, dieselben ihrer Krankheit entsprechend zu nähren und auf diese Art und Weise uns behilflich zu. /.Z sein, daß wir unsere armen Glaubensgenossen wieder ihrem Berufe zusühren können. Wir glauben, keine Fehlbitte zu tun, und bitten die milden Gaben an die Adresse: Verein Asyl für/mittellose kranke . , I Israeliten in Meran oder Dr.. Wilhelm Hersch, Meran, Winkelweg. gütigst einzusenden. -5/ Rußland. E K.n. Petersburg, 29. April. Am 3. d. M. ist hier im 75. Lebensjahre der bekannte Schriftsteller Robert Fe de ro witsch '■j Jljisch verschieden. Als Mitarbeiter verschiedener Petersburger D Zeitungen schrieb der Verewigte unter dem Pseudonym „Flaneur".' H Er wurde in Riga 1834 als Kind einer armen jüdischen Familie H geboren. Sein Vater war Beamter („ gelehrter Jude") in jüdischen ' Angelegenheiten beim Livländischen Gouverneur. Seit seiner frühesten D Jugend entwickelte Jljisch eine Neigung für Literatur und besaß, ein .'/$ außerordentliches Talent. Schon als fünfzehnjähriger Jüngling ließ W er einen Band deutscher Gedichte erscheinen; 1865 veröffentlichte er ein Buch ebenfalls in deutscher Sprache, unter dem Titel: % „Hebräische Melodien". Bis zu seinem 25. Lebensjahre wirkte er als Lehrer in Cherson. 1870 übersiedelte er nach Petersburg, wo H er sich gänzlich der literarischen Tätigkeit hingab. Seine Journalisten- M kariere begann er in der Petersburger Zeitung „Lirjä" („die Börse") in russischer Sprache, in welcher er den politischen Teil leitete. Seit - 7Z dieser Zeit war der Verewigte ständiger Mitarbeiter verschiedener ,/A Blätter, wie ^L^rjs^^'LWseäomosti'' („Börsenmitteilungen"),„Otgoloski“ -3 („Das Echo"), „Nowosti* („Die Neuigkeiten"), „Woschod“ und andere. Aber was dem Dahingeschiedenen einen klangvollen Namen, besonders in der Petersburger deutschen Bevölkerung und im Aus- -J lande machte, waren — seine täglichen Feuilletons im Laufe von mehr H als 15 Jahren im „St. Petersburger Herold" unter dem Pseudonym H „Flaneur". Während dieses Zeitraumes, veröffentlichte er zwSi Bände Feuilletons unter dem Titel: „Harmlose Federzeichnungen" und H „Reiseeindrücke in Deutschland, Oesterreich nnd Italien." Wir haben den Entschlafenen persönlich nicht gekannt. Aber mehrere j-.| seiner Arbeiten, die er im „WoscbodY unb bie er in einem Vorzuglichen Russisch und in geistreicher Sprache schrieb, veröffentlichtehaben H wir übersetzt, wie z. B. „Ein Jom Kippur bei Anton -Rubinstein",;J[ „Ostende—Petersburg" (lieber Frau Baronin Clara Hirsch von . tj Gereuth, Gemahlin des unvergeßlichen großen Philanthropen Baron ' Moritz Hirsch von Gereuth s. A.), und vor vielen Jahrenin Ihrer ' geschätzten Zeitung, erscheinen lassem Außerdem übersetzten wir seine interessante Erzählung „Ein türkischer Diplomat und eine russische ,’ |