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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-07 · Heft 19 (7.5.1909) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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.langen Leiterwage.n,Pbu Kosaken eskortiert,transportiertwurdenwehklagend das letzte Geleite zu geben. Die durch den Machtspruch des Zaren beim Leben ihrer Eltern zu Kaisen gewordenen Knaben, streckten vergebens ihre Aermchen zu den, den Wagen jammernd folgenden Vätern und Müttern aus — diese durstensich dem Trauerwägen, der ihr Lebensglück davontrug, nicht nähern und begleiteten .ihn bloß, unter Lachen und rauhen Scherzen der russischen Eskorte, in wildem lauten Schmerz bis sie nicht mehr konnten. ./. Für die Rettung dieser unglücklichen Kleinen gab es nur ein Mittel — die Flucht. Es entwickelte sich ein organisierter Menschenschmuggel, lebhafter als es der Warenschmuggel je war. Die Jungen wurden dem harten Lose der Erziehung durch erbarmungslose Muschks entzogen und ihrer Religion erhalten, aber dem Elen^ im fremden Lande preisgegeben. Namentlich in den österreichischen Grenzstädten wimmelte es von Hungerndenfrierenden fleisch- und blutarmen Jungen, die um eine Brotrinde bettelten und selten em Nachtlager fanden. Aber den Eltern galt es zuerst, die Knaben aus den Klauen des Tigers zu retten, die Zukunft dem Himmel anheimstellend. Wer sie aufbringen konnte, zahlte die Schmugglerprämie und wer arm war, bettelte sie an den Türen, in den Gotteshäusern zusammen. Die verwegenen Leute, welche sich mit der Entführung und Exportierung der kleinen Rekruten beschäftigten, hatten auf der ganzen Route bis zur Grenze ihre Relais, ihre Depots, ihre Vertrauensleute und ihre Söldlinge bei der Polizei. Sie selbst pflegten , sich zur Zeit der Assentierung am Sitze der Militärkommission aufzuhalten, um diesen möglichst bald zu nehmen, was sie genommen. Sie folgten als Hausierer den Bauern denen die Jungen zur Auserziehung übergeben wurden auf Schritt und Tritt, in die Läden, Schnaps- und Teebuden, kramten vor ihnen hübsche, kleine Dinge aus, lockteu ihre Aufmerksamkeit auf Tabakspfeifen, Taschenmesser, Geldbeutel, bunte Tücher, Glasperlen und allerhand niedliche Metallwären zu wahren Spottpreisen, während die Schankwirte das feurige Naß in reichlichem Maße, mehr und stärker als bestellt, einschenkten und immer wieder einschenkten, bis die Bauern in einen Zustand totaler Unzurechnungsfähigkeit gerieten, während welcher ihnen die ihnen anvertrauten Kinder gestohlen wurden, um über die Grenze gebracht' zu werden. Allerdings gab es dann, nach eingetretener Ernüchterung, heftige Krawalle, zertrümmerte Fensterscheiben, Krüge, Flaschen, Gläser, oft genug auch Köpfe, aber die Kinder blieben verschwunden! Hart an der Grenzlinie, welche sich zwischen Oesterreich und Rußland durch einen dichten Kiefernwald hinzieht, wo auf der einen Seite die schwarzweißen, auf der anderen die schwarzgelben Pfähle den Beginn und das Aushören der beiden Nachbarreiche bezeichnen, Finanzwächter und Kosaken einander gegenüberstehen, liegt ein weitläufiges, von der Zeit ziemlich mitgenommenes Gebäude. Es ist ein russisches, aus Bohlen, Brettern, Latten und Schindeln erbautes Wirtshaus, mit geräumigen, ungedielten und niederen Stuben, in welche das Dämmerlicht des Waldes durch kleine, schadhafte Fenster fällt und die tiefen Räume, selbst an Hellen Tagen, nur spärlich beleuchtet. Im weiten Hofe stehen offene Remisen und. Stallungen, Getreide und Holzschuppen, in der Mitte ein Ziehbrunnen, neben welchem ein ausgehöhlter Baumstamm zur Tränke des Viehes/ dient. Vor dem Hause stehen ein paar aus ungehobelten Brettern hergestellte Tische und einige in den. Boden eingerammte Bänke für jene Personell,^'die die Waldesfrische, den Duft/der Fichtennadeln der dumpfen Zimmerluft vorziehen und lieber „ draußen ihren Wudka oder den dampfenden, mit Rum reichlich versetzten Tee schlürfen wollen. Zumeist sind es patrouillierende Kosaken,' die hier Station machen, ihre Pferde an Baumstämme anbindend und ihre kurzstieligen Pfeifen rauchend, jenen gepatschten 'Schnaps in aller Gemütsruhe trinken, dessen unverzollte Zufuhr sie Hütten verhüten sollen. Aber auch bessere Gäste aus der nahen Stadt kommen oft in dies einsam und versteckt im Walde liegende Wirtshaus, Beamte, Offiziere, Kaufleute, welche hier einen billigen, aber echten Ungarwein, - englischen Porter oder schlesische Schnäpse trinken wollen, die der kleine, bucklige, mit allen Salben geriebene Wirt Pinie —. eine Abkürzung von Pinkas — sehr bequem und niemals beanstandet über die Grenze zu schmuggeln verstand, an denen sich selbst die Zollbeamten verständnisinnig zu delektieren pflegten. ' Von diesem wenn auch lukrativen Schmuggelgeschäft jedoch allein, hätte der brave Waldwirt nicht leben und seine Töchter verheiraten können, die er in dieser schattigen Einsamkeit bis zur vorgeschrittenen Reise auffütterte und sie dann unter Begleitung einer ansehnlichen baren Mitgift ins Reich der Ehe treten ließ. Pinie wußte aus seinem an der Schwelle zweier Reiche gelegenen Wirtshause, das jede Transaktion begünstigte, den möglich größten Vorteil zu ziehen. Lohnender als ausländische Fabrikate nach Rußland oder russischer Tabak nach Oesterreich, war der Menschenschmuggel. Für Menschen, die zum Austritt über die Grenze keine obrigkeitliche Bewilligung erlangen konnten, war Pinie die höchste Instanz. Was die Behörde versagte, konnte er bewilligen, und über seine verschwiegene Kartschma fand ein recht lebhafter Verkehr' ausweisloser Individuen statt, die ohne seine Hilfe' weder hinaus, noch hineinkommen könnten.. Selbstverständlich waren die Dienste, die Pinie den Leuten erwiesen, nicht pure Humanitätsakte; es par ja, wie er oft sagte, seine Messe, das Haupteinkommen seiner Kartschma, ohne welches er an seiner Pacht zugrunde gehen müßte, da die Kosaken ihm das Meiste wegtranken und das Wenigste zahlten; er könne sich aber mit ihnen eben der Kinder wegen, die hinüber geschmuggelt werden sollen, nicht Überwerfen, daher diese es ihm zahlen müssen. Und dies war buchstäblich wahr. Pinie wußte schon bei Tag, in welcher Grenzgegend die Wachtsoldaten streifen werden; er wußte bei Einrücken neuer Mannschaft, wie ihnen beizukommen; er wurde verständigt, daß eine Inspektion erscheinen werde oder daß eine Denunziation gegen ihn einlies — dies alles kostete Geld, das wieder mit Zinsen eingebracht werden mußte. (Schluß folgt.) Litersrilchr Mittettungm. ' Ein neues, und zwar sehr gelungenes Bild von Heinrich- Heine aus der Zeit seiner Rückkehr zum Väterglauben und seiner Begeisterung für die Bibel hat J. Borchert in einer,vorzüglich ausgeführten Originalradierung soeben im VerlagevonH. Sagert L Comp, hier erscheinen lassen. Von allen Phantäsiebildern, mit dem uns Künstler in den letzten Jahren so überreich beschenkt haben, ist dieses Bild weitaus das beste und poträtähnlichste. Er gibt die Züge des leidenden Dichters treu und wahr ohne jeden künstlerischen Aufputz wieder und wird deshalb allen Verehrern Heines sicher sehr willkommen sein. - Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. - Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. ’

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