Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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hat, auf den Bahnen seines großen Landsmannes Moses Mendelssohn weiterschreitend, wesentlich dazu beigetragen, die Zerstreuten .in Israel durch ein geistiges und literarisches Band zu sammeln, und die Bedeutung des Judentums auch in weltgeschichtlicher Hinsicht zu erklären und zur verdienten Würdigung zu bringen. , Sein Bestreben, die Israeliten zu belehren, aufzuklären und zum Denken anzuregen, ist dann von seinem Sohne Ludwi g Philipp so n,unvergeßlichen Andenkens, ausgenommen und fortgesetzt worden. Wir möchten bei dieser Gelegenheit aus die kürzlich erfolgte Begründung eines jüdischen Jugend- Vereins „Ludwig Philippson" in Magdeburg Hinweisen. Es wäre zu wünschen, daß auch in anderen Städten mit größeren jüdischen Gemeinden derartige Vereine begründet werden inöchten. Sie würden ein Gegengewicht bilden gegen den „Deutschen Jugendbund" und andere Vereine, die keinen Juden aufnehmen. Wie uns scheint, kann kein Name für diese Jugendvereine geeigneter sein, als der „Ludwig PhiliPPson". Er selbst aber verdient neben Moses Mendelssohn und anderen Bahnbrechern in dem jüdischen und deutschen Geistesleben mit Ehren genannt zu werden. Antrr Lar Mlwlsus i. Von Leo Herzberg-Frünkel. I. man weiß, unter welchen schwierigen Verhältnissen Kaiser Nikolaus I. nach dem Tode seines Bruders Alexander I. den russischen Thron bestieg und welchen Mut der junge Thronerbe bewies, angesichts der schon in den letzten Tagen Alexanders offenkundig gewordenen Absicht der Generäle und Flügeladjutanten, sämtliche Romanows auszurotten, mit dem neuen Zaren den Anfang zu machen und eine andere Dynastie zu gründen. Unerschrocken und todesmutig trat er ganz allein den Verschworenen gegenüber und erzwang sich durch seine imponierende Persönlichkeit und den befehlenden Blick die Huldigung jener, die eben noch zu seiner Ermordung entschlossen waren. Statt der gewöhnlichen Gnadenakte und Amnestien erließ Zar Nikolaus Pawlowitsch Todesurteile und Verbannungsdekrete, mit eiserner Hand die Zügel der Negierung ergreifend und ungeschwächt bis an das Ende seines tatenschweren Lebens führend. Und nicht allein in seinem eigenen Reiche, in ganz Europa war der unbeugsame Wille dieses harten Mannes bestimmend, jedes Fünkchen Freiheit auszulöschen, jede Regung und Bewegung der aufseufzenden Völker niederzudrücken. Selbst sein Schwiegervater, Friedrich Wilhelm HI. von Preußen, stand unter dem Einfluß des russischen Selbstherrschers, dessen aggressive Politik nach außen durch den altbewährten Reichskanzler Grafen Nestelrode und, dessen rechte Hand, den deutschen Juden Hamburger, wirksam vertreten wurde, während er selbst seine Haupttätigkeit den internen Angelegenheiten zuwendete, das Reich konsolidierte, die Disziplin verschärfte, ein eigenes Departement für Einfang und Deportierung verdächtiger Menschen aller Stände schuf und mit unbeschränkter Gewalt ausrüstete. Wenige Jahre nach seinem Regierungsantritt war es Nikolaus gelungen die freiheitlichen Institutionen und die milden Bestimmungen seines Bruders, des großmütigen Alexanders, auszumerzen, spröde Gesetze in eherne Formen zu gießen, den kaiserlichen Willen zur höchsten Potenz zu erheben. den Glanz und die Macht der griechisch-orthodoxen Kirche zu erhöhen und die vielen Völker des großen Mofaikstaates fast vollständig zu russifizieren. Seine hauptsächlichste Sorgfalt galt der Armee, auf die er sich stützte und die er fortwährend zu Eroberungszügen mobilisierte. Sie war tapfer, aber eine schwerfällige Maste ohne jede Intelligenz, welche selbst den meisten Offizieren niederen Rangs fehlte. Mit scharfem Blicke erkannte der Zar, daß seine Armee qualitativ gewinnen würde, wenn er eine größere Anzahl zu Russen, das heißt zu griechischen Katholiken umgewändelte Juden seiner westlichen Gouvernements ' in dieselbe ein streuen würde, und daß dies Ziel nicht erreicht werden könne, wenn erwachsene, schon reife und ausgebildete Männer in die Armee eingeteilt werden, denn diese bringen und bewahren die Gewohnheiten, Gebräuche, Eigenheiten und religiöse Ueberzeugungen aus dem Vaterhause, lassen sich nicht mehr assimilieren, bleiben ein fremdes Element im russischen Militärkörper, dem sie sich bloß disziplinarisch anpassen. Nikolaus faßte den infernalischen Plan, die Knaben schon im zarten Lebensalter ihren Eltern zu nehmen und sie zur Abhärtung und Rusfifizierung, bis zur Erlangung der Militärreise, in Kosakenfamilien zu stecken. Durch diese neronische Maßregel war richtig das zu erreichen, was der Zar anstrebte; die kleinen jüdischen Jungen vergaßen bald ihre Sprache, ihre Religion, selbst ihre Eltern; würden durch eine härte Erziehung, Entbehrungen, Arbeit und Strafe gequält und wuchsen so zu vollendeten Russen auS, als wären sie am Don oder an der Wolga von echten Kazapen geboren. In dieser Weise impfte der Zar seine schwerfällige Armee mit dem lebhastern Blute und Geiste jüdischer Provenienz. Man kann sich denken, welche Bestürzung und welches Entsetzen diese harte Verordnung in der jüdischen Bevölkerung Rußlands hervorgerufen. Seit der Zerstörung des Salomonischen Tempels herrschte keine solche Trauer, und seit Titus erschien kein Herrscher so schrecklich als der Zar, der mit gewalttätiger Hand in die Familie griff und das häusliche Glück tyrannisch zerstörte. Es war nicht bloß der Verlust der Kinder, die genommen wurden auf Nimmerwiedersehen; auch jene, die keine Söhne hatten, die sie dem Staate entrichten sollten, waren gebrochen unter der Schwere der Maßregel, die an die Gewalttat der ägyptischen Pharaone erinnerte, welche die Knaben der Hebräer ins Wasser werfen ließen, sondern die Zukunft und der Bestand des Judentums waren durch die Wegnahme der kräftigsten Stammhalter erschüttert. Die von Nikolaus neumontierte Staatsmaschine funktionierte in zermalmender Weise; überall Kreischen, Klagen, Jammer. Der leibeigene und der freie Bauer, der Beamte, selbst die Mitglieder des höhern Adels, der Katholik, Protestant und Jude, sowie die mit so schweren Opfern nach jahrelangen Kämpfen erworbenen türkischen Untertanen litten schwer unter der rücksichts- und schonungslosen Härte des Despoten und seiner Organe. Ganz Rußland war ein Zuchthaus, die ganze Bevölkerung wie die Sträflinge behandelt — und erst die Juden! Ambulante Rekrutierungskomissionen pflegten alljährlich in den von Juden bewohnten Ortschaften zu erscheinen, ließen sich dorthin auch die Familien ans den Dörfern zutreiben, wählten jene Knaben aus, die zum Militärdienst erzogen, werden sollten, und zwar nicht immer die kräftigsten, wenn diese reichen und opferwilligen Eltern gehörten, und sandten ganze Trupps kleiner, den Armen der Mütter entrissener Kinder nach den Hauptstädten, wo sie zur Verteilung an Bauernfamilien gelangten. Fast die gesamte jüdische Einwohnerschaft des Ortes pflegte den unglücklichen Kleinen, die auf