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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-07 · Heft 19 (7.5.1909) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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Mit dem Sohne seines Gönners hatte er dann später Gelegenheit, nach Frankfurt am Main zu . kommen und hier auch andere Geistesnahrung und die ersehnten Früchte neuerer,, Bildung in , sich aufzunehmen^ Mit seinem eisernen Fleiße und dem Hang zum unermüdlichen Forschen ging er zu den Wiffenschafteu über, und zwar waren es besonders die humanen Wissenschaften und die Schulwissenschaften, die ihn anzogen. In der Arithmetik wurde efc mit der Zeit Meister. Aber auch die hebräischen Wissenschaften vernachlässigte er nicht, erlangte eine erstaunliche Kenntnis in der hebräischen Grammatik, und sein hebräischer Stil wurde geradezu klassisch. Gelegenheit zu weiterer autodidaktischer-Vervollkommnung bot sich ihm, als er eine Haustehrerstelle bei dem frommen, ehrwürdigen und zugleich reichen Feibelmann Wertheimer in Baireuthannahm. Eines Tages hörte ex dort zufälligerweise von Moses Mendelsohns „Morgenstunden" oder „Vorlesungen über das Dasein Gottes" sprech"n. Das zog ihn an, ja versetzte ihn in eine Art Begeisterung. Er verschaffte sich das Buch und, nachdem er es gelesen, erfaßte ihn die Begier, sich weiter über metaphysische Gegenstände zu unterrichten- Er vertiefte sich in die philosophischen Werke, des Maimonides, die auch Mendelssohn den ersten Anlaß zu philosophieren gegeben hatten. Es ist leicht zu denken, welche Veränderungen diese philosophischen Studien in der Geislesrichtung Philippsons Hervorbringen mußten. Sein innerer Blick wurde auf die erhabensten Dinge hingeführt: auf Gott, Unsterblichkeit, Religion, Bestimmung des Menschen, die Gesetze des Geistes usw., und auch die Methodik seines Denkens mußte eine andere werden, als die in. der Rabbinerschule gebräuchliche. Zum Glück für die damaligen, der Aufklärung zugeneigten Juden hatte Moses Mendelssohn in Schrift und Tat darauf hingewiesen, das Leben mit der Philosophie zu vereinigen und das historisch Gegebene, im Laufe der Jahrhunderte Herangebildete, und ins Volksleben Eingedrungene nicht mit einem Male wegzuräumen, sondern vielmehr geistig zu beleuchten und zu erheben und seinen Wert fürs Leben und für die Erhaltung des Judentums zu würdigen. Einen besonderen Gewinn zog Philippson für seine wissenschaftliche und gesell- , schastliche Ausbildung aus der Bekanntschaft mit dem edlen Kaufmann Emanuel, der der treueste Freund Jean Paul Friedrich Richters, des unsterblichen deutschen Dichters, war. Und nun bot sich Moses Philippson die ersehnte Gelegenheit, nach Dessau, der Stadt Moses Mendelssohns zu kommen. Er wurde zum Lehrer der im Jahre 1799 in Dessau, begründeten Freischule berufen. Hier konnte er seiner geistigen Tätigkeit in jeder Beziehung die erwünschte weitere Nahrung verschaffen. Er wurde mit den Meisterwerken Lessings und Kants bekannt, und Schillers Dichtungen wurden ihm, wie überhaupt damals den deutschen Juden, ein Born der Er-; Hebung und des Trostes. Allmählich wurde die Freischule zu einer fünfktassigen Lehranstalt erweitert und eingerichtet. Moses Philippson begann in dem Religionsunterricht die Lehre von Gott und die Pflichtenlehre systematisch zu ordnen und wurde somit der erste jüdische Jugendlehrer, der den Schülern eine geordnete und lebendige Einsicht in die Wahrheiten ihrer.. Religion zu verschaffen suchte. Zu den trefflichen Männern, die aus seiner Schule hervorgiugen. gehörte auch der Bruder. Gabriel Rießers. Auf Veranlassung seiner Braut, der geistreichen Marianne Levi, begründete er eine Druckerei, und gab eine Uebersetzung der zwölf kleinen Propheten heraus. Er ging dabei auf Mendelssohns Wegen fort, die das Ziel verfolgten,' das hebräische Schrifttum in geschmackvoller Wei.se zu übersetzen und dem Verständnis des jüdischen Volkes naherzubringem* .^Philippsons Uebersetzung ist schwungvoll, oft mit metrischem Anklang, dem Texte möglichst treu und . doch im Geiste der deutschen Sprache also ganz wie bei Moses Mendelssohn. . Das Werk wurde mit großem Beifall ausgenommen. So konnte denn Moses Philippson einen eigenen Hausstand und eine Familie begründen, und sein drittes Kind, geboren am 27.. Dezember 1811 — also vor 97 Jahren -n war Ludwig Philippson, der Begründer dieser Zeitschrift. -'Für diesen seinen Sohn hatte er eine besondere Zärtlichkeit 7 und sagte oft: „Aus den Augen dieses Kindes lese ich viel, i'.ex wird ein Menschenfreund und ein kraftvoller Mann werden." Die Welt.weiß, daß es keine falsche Prophezeiung geworden ist. — Im Jahre 1808 — also, vor hundert Jahren — erschien sein bedeutendes Werk: „Kinderfreund und Lehrer", ein Lehr- und Lesebuch für die jüdische Jugend, zugleich ein hebräisches Elementarwerk. Das Buch fand, viele Anerkennung, auch seitens des berühmten Orientalisten Professor Rosenmüller. Zugleich übernahm Philippson die Leitung der ersten jüdischen Zeitschrift „Der Sammler". Als hebräischer Dichter kann er den besten auf diesem Gebiete an die Seite gestellt werden. In seiner Druckerei und Buchhandlung erschienen treffliche Werke anderer damaliger jüdischer Schriftsteller (Wolf, Salomon usw.), und dadurch erwarb er sich den Dank seiner jüdischen Zeitgenossen. Er folgte auch damit den Fußstapfen Mendelssohns, dem jüdischen Volke seine alten Schätze in deutschem Gewände zugänglich zu mache», die alten Quellen zu seiner Kultur zu benutzen und auf diese Weife eine innere, natürliche Reform zu begünstigen. Dadurch lollte das Erlangte nicht verloren gehen und das deutsche Element nach und nach ins Volksleben dringen und daselbst heimisch werden. Dadurch wurde auch der Untergang vom alten Rabbinismus zur neuen Wissenschaft des Judentums vermittelt. Im Sturm und Drang der damaligen Zeit — es waren die napoleonischen Kriegsjahre — wahrte Philippson, wie vor ihm Mendelssohn, das heilige Feuer des alten nationalen Schrifttums. Auf Moses Philippson ist auch die Grundidee zurückzuführen, die vierzig Jahre später von seinem Sohne Ludwig verwirklicht worden ist, die israelitische Literatur durch Herausgabe neuer interessanter Bücher zu fördern und gute Werke ins Volk zu bringen. Im Jahre 1813 machte er sich an die Bearbeitung eines hebräisch-deutschen und deutsch-hebräischen Lexikons. Aber die Herausgabe dieses Werkes wurde ihm nicht leicht, und er schrieb gelegentlich: „Die ganze Wett ist jetzt sehr bedrückt, und wer fühlt das mehrm als der Drucker — hebräischer Bücher!" Trotzdem.trug er sich mit noch größeren Plänen. Er wollte in Berlin eine große Buchdruckerei anlegen, seine hebräische-Druckerei dorthin verlegen, und noch andere schöne Entwürfe reiften in seinem Geiste. Aber auf ihn konnte inan die Worte seines großen Zeitgenossen Schiller anwenden: „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, Die der Mensch» der flüchtige Sohn der Stunde, Aufbaut auf dem bezüglichen Grunde?" In Dessau brach der Kriegstyphus aus, und ihm erlag Philippson im 39. Lebensjahre am 20. April 1813. Moses Philippson war einer jener seltenen und jetzt immer seltener werdenden Männer, die sich aus sich selbst heraus, durch autodidaktische Arbeit, zur Höhe des Wissens erhoben habend Obwohl sein Leben nur ein kurzes war, hat er doch vieles geschaffen, hat anregend und befruchtend gewirkt, und

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