Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
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Bei dem, wie die Königin selbst sagte, „brennenden Interesse", das sie längst den verschiedenen Teilfragen entgegenbrachte, die in der.Bekämpfung des Mädchenhandels zusammenlaufen, glaube ich zuversichtlich, daß die Petition des Jüdischen Frauenbundes, der äußere Anstoß gewesen -sein wird, daß man sich auch in Rumänien offiziell zur Bekämpfung'des Mädchenhandels bekennen , wird, und wenn ich auch immer wieder hören mußte, wie zu unserer Schande, Juden an dem Markte beteiligt sind, io dürfen wir jüdischen Frauen auch mit einer gewissen Befriedigung konstatieren, daß wir anfangen, auf dem Wege der Bekämpfung des Mädchenhandels Erfolge zu erringen, indem wir unerschrocken für Recht und gute Sitten eintreten. Lin Landsmann und Machkolger Wales Wendeislohns. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. ir möchten heute die Erinnerung an einen Mann wachrufen, dessen hundertjähriger Todestag bevorsteht, und der es verdient, daß seinem Gedächtnis ein Denkstein in den Herzen der jüdischen Nachwelt errichtet wird, nicht nur weil er ein Landsmann und Nachfolger Moses.Mendelssohns war, sondern auch um seiner eigenen geistigen Bedeutung willen. Es ist dies Moses Philippson, geboren am 9. Mai 1776 zu Sandersleben an der Wipper, einem Städtchen in Anhalt, nicht weit von Dessau, als Sohn des Handelsmannes Philipp Moses. Er war die Herzensfreude seiner frommen Eltern, die entschlossen waren, ihn zu einem Rabbiner zu erziehen. Leider nahm man dabei wenig Rücksicht auf die körperliche Schwäche und Kränklichkeit des Knaben; denn was hatte nach damaligen Erziehungsbegriffen der Geist, mit dem Körper zu schaffen! Beide waren unabhängig voneinander oder sollten es wenigstens werden. Der Knabe wurde von den Pocken ergriffen, die dcunals noch nicht durch die Jennersche Pockenimpfung gemäßigt waren — das geschah zum erstenmal im Jahre 1796 — und litt infolge dieser schrecklichen Krankheit an Augenentzündungen, die der Grund wurden zu Trübungen der Hornhaut und zur lebenslänglichen Augenschwäche. Trotzdem begann man, ihn schon mit 3V4 Jahren im Hebräischen zu unterrichten, was auch mit den Grundsätzen der modernen Gesundheitspflege und insbesondere der.Schulgesundheitspflege nicht übereinstimmen will. Aber bekanntlich war es damals allgemein üblich und ist es heute noch in frommen Häusern, wo vielfach mit Stoz berichtet wird, daß der Sohw des Hauses schon mit 4 oder 4V-2 Jahren die „Chumesch Zude“ gefeiert habe. Auch unser Moses Philippson konnte schon nach einem halben Jahre fertig und fehlerfrei hebräisch lesen. Sobald die Fertigkeit im Lesen des Hebräischen erlangt war, bekam der junge Schüler die Anweisung, sich im Gebetbuch zurecht zu finden und die täglichen Morgen- und Abendgebete, Tischgebet, und Abendsegen, Sabbat- und Festgebete aufzufinden und zu gehöriger Zeit herzusagen. An den Unterricht im Deutschen war nicht zu denken. Heutzutage ist es bekanntlich umgekehrt: aber dafür liegt auch die Kenntnis des Hebräischen vielfach im argen, und wie oft möchte man der jüdischen Jugend nur die Hälfte der hebräischen Kenntnisse wünschen, die damals jedes jüdische Kind besaß. Zu jener Zeit wuchs er mit den Religionsansichten und den Gebräuchen seiner Väter auf, und sein Denken und Dichten war auf religiöse Dinge gerichtet. Das nationale Element nahmen die Kinder damals gleichsam mit der Muttermilch in sich aus, und das Rüstzeug wurde ihnen besonders durch die Kenntnis des Hebräischen geboten. Die Außenwelt war ihnen verschlössen und wurde ihnen als ein Sammelplatz von Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten geschildert, die zwar glänzenden Schimmer um sich verbreiteten, aber innen faul waren und mit der unvergänglichen Herrlichkeit jüdischen Wissens nicht den Vergleich aushielten. Und nun ging es ans Uebersetzen des Pentateuchs in den deutsch-jüdischen Jargons Denn deutsch sprechen und denken haben die Juden ja erst durch die Pentateuchübersetzung Moses Mendelssohns gelernt. Was das Schulzimmer (Cheder) nicht geben konnte, suchte Philippson durch Privatfleiß zu ersetzen. Bald sah sich sein Vater genötigt, einen Privatlehrer ins Haus zu nehmen, den er in der Person - eines Polen, Rabbi Joseph Lissa, fand, damit er seinen Sohn in das erhabene Labyrinth des Talmuds einführe. Rabbi Joseph war ein sonderbarer Kauz; er hatte eine ganz besondere Lehr- und Erziehungsmethode. Philippson begab sich am ersten Morgen zu ihm und begrüßte ihn mit Ehrfurcht. Rabbi Joseph Lissa erwiderte den Gruß des Knaben mit einer derben Ohrfeige. Bestürzt und weinend fragte Philippson den Lehrer nach der Ursache dieser „Morgengabe" und fügte hinzu: „Ich habe ja nicht das Geringste getan, was diese Strafe verdiente!" „Allerdings," erwiderte der Mentor in seinem allerliebsten Jargon, „ich wollte Dich durch diese Ohrfeige, gleichsam als Einleitung zu Deinen künftigen Schulbesuchen, darauf aufmerksam machen, was Du von mir zu erwarten Haft. Denn wenn Dir eine solche Ohrfeige unverschuldet zuteil wurde, so kannst Du sehr leicht daraus entnehmen, welche Strafe Dir bevorsteht, im Falle Du Dich derselben durch Dein Betragen wirklich schuldig machst." (Vergleiche „Biographische Skizzen" von Dr. Phöbus Philippson.) Diese Anekdote genügt, um den Geist der damaligen Erziehung und insbesondere die Pädagogik des Rabbi Joseph Lissa zu charakterisieren. Und der Lehrer handelte weiter nach diesen Grundsätzen. Er saß mit seinem Zögling vom Morgen bis zum Abend beim Talmud, erfreute sich an den scharfsinnigen Erklärungsversuchen seines Schülers und zur Belohnung — prügelte er ihn in wahrem Wahnsinn durch. Einstmals bemerkte nun die Mutter die Schwielen am Körper ihres Sohnes und zeigte sie dem Vater. Der stellte den Hauslehrer zur Rede, und der bestürzte Pädagoge erklärte: „Ihr glaubt nicht, was das Jüngelchen gut lernt, und da habe ich es in der Furcht und in der Tauro erhalten wollen." Der Vater war aber mit dieser „schlagfertigen" Antwort nicht zufrieden und entließ den allzu eifrigen Lehrer. Leider wurde der weitere Unterricht dadurch unmöglich gemacht, daß der Knabe gänzlich erblindete, und so entschlossen sich die Eltern, ihn nach Berlin zu bringen, um ihn dort heilen zu lassen. Inzwischen wiederholte der blinde Knabe, ohne Buch und Lehrer, fortwährend alles, was er gelernt hatte, aus dem Gedächtnis, um es nicht zu vergessen. In Berlin wurde er von einem geschickten Augenärzte-soweit hergestellt, daß er sich seiner Augen, wie vor der Erblindung, bedienen konnte, wenn er auch lebenslänglich kurzsichtig blieb. Nun kam unser Philippson aus die rabbinische Hochschule in Halberstadt, um neue Nahrung für seinen rastlosen Geist zu sammeln. Hier vervollkommnete er sich im Talmud und in den rabbinischen Schriften; aber den nagenden Hunger mußte er oft, wie der Prophet Ezechiel, mit — Bücherrollen stillen. Besser erging es ihm, als er nach Braunschweig kam, wo sich ein frommer und zugleich reicher und wohltätiger Mann, namens Jakob Samson, seiner annahm, so daß ihm die weitere Ausbildung leichter wurde.