Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
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dem Wöhle ihrer Mitschwestern widmen, bei der hochherzigen Dichterkönigin einen Widerhall finden. Unsere ehrerbietige Bitte geht dahin, daß Ew. Majestät es nicht verschmähen mögen, auf den Jammer aus einer Welt zu hören, die.der Königinzu fern, der Frau aber so nah ist, und die der königliche Wikte einer Frau durch einen Federstrich zum Guten zu verändern vermag. ' In tiefster Ehrerbietung der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes. Der Bericht von Fräulein Bertha Pap Pen heim, der unermüdlich tätigen 1. Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes, hat folgenden Wortlaut: . In Ausführung des'Auftrages aus der letzten Vorstandssitzung vom 7. Februar 1909, der darin bestand, die damals im Text vor- , liegende Petition an die Königin von Rumänien, der hohen Frau, namens des jüdischen Frauenbundes zu überreichen, bin ich am 3. März in Bukarest eingetroffen. Zu meinem Bedauern hörte ich dort, daß die Königin leidend sei und zur Zeit keine Audienzen erteile, sie habe jedoch von der Petition Kenntnis genommen, und da sie deren Gegenstand, die Bekämpfung des Mädchenhandels, lebhaft interessiere, möchte ich die Angelegenheit mit einer Hofdame besprechen. Ich tat dies, doch war eine Schriftstellerin, die, man darf wohl sagen, freundschaftliche Beziehungen zur Königin hat, so liebenswürdig, mir die Möglichkeit in Aussicht zu stellen, binnen kurzer Zeit doch noch von der Königin empfangen zu werden. Ich durfte mir diese Möglichkeit als Beauftragte des jüdischen Frauenbundes nicht entschwinden lassen und beschloß, einige Tage im Lande dazu zu benutzen, im Sinne meiner' Aufgabe Umschau zu halten und solche Personen aufzusuchen, die sich bereit finden lassen würden, an einer Bekämpfung des Mädchenhandels werktätigen Anteil zu nehmen. Daß eine solche Agitation im Lande zu einer unerläßlichen Notwendigkeit geworden ist, darüber war bei denjenigen, die die Verhältnisse des Landes kennen, nur eine Stimme. Um so unbegreiflicher mag es aber erscheinen, daß manche Kreise in Unkenntnis der Dinge leben und daß die Wissenden nie ein Wort der Aufrüttluvg gesprochen, nie einen Versuch zur Sanierung getan; auch solche Männervereinigungen nicht, die von ihren westeuropäischen Brüdern auf die Schädigung aufmerksam gemacht sein mußten, die dem Volkswohl und der Volksgesundheit aus der sogenannten „orientalischen Lebensauffassung" erwächst. Ich habe sowohl von Juden und Nichtjuden aus allen Schichten der Gesellschaft sehr viel Bedauerliches und Beschämendes erfahren, dagegen hatte ich aber auch die Freude, bei vielen Personen nicht allzuschwer Interesse, und wie wir hoffen wollen, tatkräftige Freunde für unsere Frauenmission zu finden. Ich nenne in Bukarest an erster Stelle Herrn Rabbiner Dr. Beck, der sich zu der seelsorgerischen Seite der Aufgabe bekannte; Frau Rosa Staadecker, eine in sozialer Arbeit und in sozialem Denken geschulte Frau, Herrn Schwarz, Dr. Stern und andere, die in der Erkenntnis der Wichtigkeit unserer Bestrebungen eine kleine Konferenz zusammenberiefen, in der ich die Ziele unseres Bundes im allgemeinen und die Gründung von Auskunftstellen für Frauen und Mädchen im besonderen auseinandersetzen konnte. An Wohlfahrtseinrichtungen scheint Bukarest — das trotz seiner 50 000 jüdischen Einwohner keine Gemeinde ist, nicht sehr reich; alle Kraft wird für die Schulen verwendet, deren es 15 gibt und die ganz ans eigenen privaten Mitteln erhalten werden müssen. Nach einigen Tagen in Bukarest ging ich nach Braila, wo ich durch die liebenswürdige Einführung von Herrn und Frau Focsaniam sehr rasch meinen Weg zu denjenigen Persönlichkeiten fand, die für unsere Ideen zu gewinnen waren. Dr. Nosteriano bestätigte als Arzt und gründlicher Kenner die Verhältnisse und die Notwendigkeit sie Zu ändern; im Hause der Frau Dr. Adler hatte ich Gelegenheit, in einem kleinen konfesionell gemischten Kreise über den Zweck meiner Reise zu sprechen, und was unter den Umständen das Wertvollste sein kann, ich hatte Gelegenheit, mit dem Deputierten Herrn Constantin Alessien über den Mädchenhandel von sozialpolitischer und volkshhgienischer Seite zu sprechen. Kr schien interessiert und zugänglich und versprach jede Agitation AU untexststtzen, die dann am meisten Erfolg verspräche, wenn aus einer Initiative der Königin, den maßgebenden Kreisen im Lande das Zeichen gegeben werde, sich offiziell zu dieser Aufgabe zu bekennen. Braila ist eine jüdische Gemeinde, deren Mittel auch durch die Erhaltung der Schulen sehr in Anspruch genommen sind. Eine Eisenbahnstunde von Braila entfernt ist Galatz, gleich' Braila ein Hafen und darum für den Mädchenhandel ein wichtiger und für dessen Bekämpfung ein notwendiger Punkt. Auch hier für alle Teile und Schichten der Bevölkerung die Notwendigkeit, gewisse Begriffe und Anschauungen zu revidieren. Ich konnte gar nicht oft genug sagen, daß wir Frauen die Bekämpfung des Mädchenhandels absolut nicht nur als Gegenstand sentimentaler Caritas betrachten wollen, sondern als eines der unerläßlichsten Mittel, Volksgesundheit und Volkswohl zu verbreiten, resp. zu erhalten. Volles Verständnis für alles, was ich vorzubringen hatte, fand ich in Galatz bei den Damen Frau Mendel-Halford und Frau Konsul Schmierer, ebenso bei der Frau Orenstein und Frau Glaser, die versprach, zur Bildung eines Komitees Herrn Glaser zu interessieren, der in seinem Amt als Inspektor der Donau-Dampfschiffahrt unserer Sache unschätzbare Dienste leisten kann. Der Handel geht natürlich den abgelegenen und weniger kontrollierten Wasserweg, oft auf Frachtschiffen, und es wird bei den Konferenzen immer wieder auf die Notwendigkeit einer Schiffsmission hingewiesen werden müssen. Galatz ist eine jüdische Gemeinde und besitzt außer den Schulen Wohlfahrtsanstalten, die sowohl der Opserwilligkeit als dem Verständnis der Gemeinde ein schönes Zeugnis ausstellen. Bemerkenswert als Bau durch seine Einrichtung ist das unter der Leitung von Dr. Feldmann stehende Hospital, dem nur eine Oberin und geschultes weibliches Pflegepersonal fehlt, um es zu einer vorbildlichen Anstalt für das ganze Land zu machen. Die Krankenpflege als Beruf für die gebildete Frau ist im ganzen Lände gänzlich unbekannt. Auch ein Asyl für Alte und Einrichtungen für Kinderspeisung sind schön. Hervorragend ist die Mädchenschule, deren Neubau durch Mittel der 56^. ausgeführt ist und wo leider die Beschränkung der Kinderzahl aus 250 nur durch die Beschränkung der Mittel geboten ist. Frau Mendel vermittelte mir noch eine Rücksprache mit dem Stadtpräfekten Herrn Gassi, ebenso mit dem Gemeindevorstand Herrn Gottesmann und dem bekannten Vertreter des Zionismus Herrn Pinclas,.und so hoffe ich, daß sich auch die maßgebenden Kreise von Galatz bald zu einem Komitee für eine Auskunstsstelle zusammenfinden werden. Ter wiederholten Aufforderung, solange in der Stadt zu bleiben, bis die Konstituierung eines Komitees erfolgt, konnte ich natürlich nicht Nachkommen. Am 13. März kehrte ich wieder nach Bukarest zurück und hatte die Freude, am 14. morgens die Mitteilung zu bekommen, daß ich noch am selben Tage zur Audienz bei der Königin erscheinen solle. Es waren für mich höchst interessante 17a Stunden, die die hohe Frau in anregendstem Gespräche mir zu widmen geruhte. Eine Frau, gütig, klug, liebenswürdig, von feinem sozialen Empfinden beherrscht, ist Königin Elisabeth von Rumänien diejenige, von der für das ganze Land die Initiative werktätiger Hilfe in modernem Sinne ausgeht, und nach kurzer Zeit, die man in dem Bann der Persönlichkeit Carmen Silvas steht, findet man die Begeisterung begreiflich, die ihr aus allen Schichten der Bevölkerung entgegengebracht wird. Die Königin versteht ebenso gut zu fragen als zu sprechen, und mit großem Geschick steuerte sie das Schifflein unserer Konversation, die die hervorragendsten Punkte des modernen Frauenlebens berührte: Mädchenhandel im Zusammenhang mit Erziehungssragen, Frauenkleidung, Frauenstimmrecht, Mutterschutz, Wohlfahrtseinrichtungen jeder Art, Abolition, Alkoholismus und vor allem die Judenfrage. Wenn die Königin Einfluß auf die Politik hätte, die vorläufig in Rumänien wie anderwärts ein Reservat der Männer ist, dann würde den rumänischen Juden sicher mehr Gerechtigkeit zuerkannt werden. In den sozialen Einrichtungen, die der Initiative und dem Einfluß der Königin unterstehen, duldet sie keine soziale Unduldsamkeit. Ihre Lieblingsschöpfung ist das Blindenheim ,Vatru luminoasa Llisaveta", die zukünftige Blindenstadt. Bis heute fanden 153 Blinde Aufnahme, darunter 17 jüdischer Konfession, und drei jüdische Blindenlehrer unterrichten. Die Königin selbst sagte mir, daß diejenigen jüdischen Blinden, die Wert darauf legen, aus einer jüdischen Restauration beköstigt werden.