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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-07 · Heft 19 (7.5.1909) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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wird, bereits eine.Ausgabe von 9,4 Mark.pr o Ko ps und Jahr der 147 000 Berliner Juden, eine nicht zu niedrige Zahl, wenn wir Hören, daß Charlottenburg, eine-der . reichsten Städte Deutschlands, nur 4,42 Mark pro Kopf und Jahr der Bevölkerung für die Armenpflege ausgibt. Das Gesamtkapitalvermögen von 83 Wohlfahrtsanstalten und Vereinen konnten wir mit 19 677 632 Mark .feststellen. Hierzu kommt noch der Besitz an Grund und Boden, . wie auch an Baulichkeiten, die einer großen Reihe von Instituten gehören. Zu diesen Instituten und Vereinen kommen ferner die zahlreichen Stiftungen, die z. B. von Privaten und von der Gemeinde verwaltet werden. Die letzteren allein betragen ohne diejenigen, welche den einzelnen Kommissionen usw. überwiesen sind, 5 254 688 Mark. Wünschenswert wäre, daß bei Abfassung der Stiftungsbestimmungen mit größerer Vorsicht verfahren würde, als es bisher geschieht. Zunächst sollten Familienbeschränkungen immer nur für eine bestimmte Zeit, höchstens 50 Jahre Geltung haben,' es sollte ferner angegeben werden, bis zu welchem Verwandtschaftsgrad die Wirksamkeit ausgedehnt werden soll, da es unmöglich im Sinne des Stifters liegen , kann, irgendeinen Urgroßvetter, von dessen Existenz er nie etwas geahnt hat, zu bedenken, und einen würdigeren nicht verwandten Bedürftigen zugunsten jenes zurückzustellen. Auch bei der Wahl der Kuratoren ist Beschränkung auf Verwandte nur auf kurze Zeit zu empfehlen. Augenblickliche Laune und Stiinmung dürften nie maßgebend sein bei Festlegung eines Legats. Wir haben Stiftungen, von denen nur Lehrlinge, die am Sabbat arbeiten, Studenten, die nicht Musik treiben. Lungenkranke, die nicht in einer Heilanstalt sind, unterstützt werden dürfen. Eine Stiftung soll nur Leute, die vor 1888 geboren sind, berücksichtigen; das wird nach 60 Jahren ein schwieriges Werk sein! Eine Stiftung will nur unverheiratete in- Berlin geborene ältere Mädchen bedenken; auch das erscheint bereits oft als unangenehme Einschränkung. Als Vorbild ist die Fassung der Stiftung des Arztes Dr. Siegmund Ephraim zu allgemeiner Nacheiferung zu empfehlen: „Die Zinsen meiner Nachlaßmasse sollen zu einem wohltätigen Zwecke oder zu wohltätigen Zwecken — mögen dieselben Individuen oder Institute betreffen, wobei auch christliche Hilfsbedürftige respektive Wohltätigkeitsvereine nicht ausgeschlossen sein sollen — verwendet werden, und zwar aus Grund spezieller Bestiunnungen, deren Feststellung ich dem besagten Vorstand überlasse." Bei den bedeutenden Summen, die hier in der Gemeinde das Jahr über ausgegeben werden, könnte sicherlich mehr erreicht werden, als es der Fall ist. Ohne neue Hilfsmittel heranzuziehen,, würde nur eine bessere Organisation erforderlich sein. Wir haben bereits durch Zusammenschluß der Wöchnerinnenvereine und Einteilung der Stadt in Bezirke, die von den einzelnen Wöchnerinnenvereinen bearbeitet werden, auf einem kleinen Gebiete etwas erreicht. Soeben ist es uns gelungen,, die Studentenunterstützungen zu regeln, indem uns Institute und Private zugesagt haben, der Zentralstelle der jüdischen Gemeinde, Rosenstraße 2—4, der wir.zu diesem Zwecke eine besondere Abteilung angegliedert haben, die von ihnen gewährten Unterstützungen zu melden und durch uns im ge-, gebenen Falle Gesuche prüfen zu lassen; die Auszahlungen sollen in Zukunft durch ein Bankhaus, das sich uns hierzu freundlichst zur Verfügung stellte, erledigt werden, so daß das unwürdige Herumziehen und Einsammeln auf Buch beseitigt wird. Warum sollte es nicht möglich sein, auch sonst gleichartige Vereine zu. sammeln? Dem Tatendrange der Vorstände könnte auch bei einer Einteilung nach Bezirken voll Genüge werden; ein Verlust an Mitgliedern ist bei einem solchen Zusammenschlüsse nicht zu befürchten, da die Mitglieder zumeist nur einem der gleichartigen Vereine angehören. Der Nutzen wäre bedeutend, die Verzettelung der Mittel und der Arbeitskräfte würde verhindert werden, intensivere Be-' schäftigung mit dem einzelnen Falle und besseres Pflegeshstem wäre die Folge, größere Mittel könnten, wo es nötig ist, verwendet werden. Weiter wünschenswert wäre ein gemeinsames Inkasso, durch welches unzweifelhaft die, wie wir aussührten,. oft hohen Spesen bedeutend herabgesetzt werden könnten. Eine wesentliche Vereinfachung auch für das Publikum würde so ermöglicht werden, und nach den Erfahrungen an anderer: Orten würde hierdurch voraussichtlich eine Erhöhung der Gesamtbeiträge erzielt werden. Bessere und ausgiebigere Benutzung der Zentralstelle der jüdischen Gemeinde wäre ferner wünschenswert im Interesse einer geordneten Armenpflege, aber nicht nur Anfrage, sondern auch regelmäßige Mitteilung über gewährte Unterstützung ist erforderlich, auch Nachricht über Ablehnungen mit. den Gründen dazu ist uns sehr wertvoll, falls nicht nur Mangel an Mitteln die Ablehnung notwendig machte. Die Zentralstelle verfügt zurzeit über 9200 Personalakten und erteilte im letzten Jahre 15 626 Auskünfte. Dabei wäre als wünschenswert zu erwähnen, daß die leichthin gegebenen Empfehlungen ohne genügende sachgemäße Prüfung der Verhältnisse des Petenten besser unterdrückt werden, und nur in ganz besonderem Falle auf Grund genauester Kenntnis der Person eine schriftliche Empfehlung einem Petenten zur beliebigen Verwendung überlassen werde. Nach obigen Ausführungen dürfte man auch die Bildung eines Vereinsbureaus für eine größere Anzahl von Vereinen, besonders von solchen mit ähnlichen Zielen, ins Auge fassen müssen oder doch eine Erweiterung des bereits in der Nosenstraße für sieben Vereine bestehenden erwägen können. Daß dann auch der Gründung neuer Vereine ohne innere Berechtigung der Boden entzogen würde, wenn die Organisation weiter vervollkomnmet wäre, müßten wir mit Freuden begrüßen. Ausbau der alten, aber unzureichenden, möchten wir dabei gerne fördern; fo möchten wir den ausgezeichneten Arbeitsnachweis erweitern, nicht durch Zufuhr von,neuen Stellungsuchenden, sondern durch Anschluß zahlreicherer Stellung Vergebender; dann wird auch die Klage aufhören, daß zuweilen ungeeignete Personen für die frei werdenden Posten vorgeschlagen werden. Erweiterung ist ferner notwendig für die Arbeiterkolönie Weißensee. Wichtig ist die Schaffung neuer Waisen- und Erziehungshäuser, am besten außerhalb der Stadt, aber doch noch in ihrer Nähe nach dem Vorbilde von Ahlem; so sehr bedauerlich es auch ist, die Familienpflege ist für unsere Kinder kein wünschenswerter Zustand, da zumeist die Pflegecltern — wie auch natürlich — die Pflegschaft als Erwerb ansehen. Unbedingt notwendig erscheint eine weitere Fürsorge für bessere Wohnungen; wir bemühen uns zurzeit, in der Armenkommission hierfür zuverlässiges Material als Unterlage zu beschaffen. Sicher aber ist ein dringendes Erfordernis die baldige Einrichtung einer Herberge für durchreisende Juden, mit ritueller Verpflegung, da in den derzeitigen Unterkunstsstellen geradezu grausige Zustände herrschen.*) *) Die Mitteilungen dieses Aufsatzes, die.sicher das allgemeine Interesse erregt haben, sind einem an anderer Stelle veröffentlichten Vortrag des. geschätzten Autors entnommen, und wir sind demselben für die freundliche Erlaubnis des Abdrucks zu besonderem Dank verpflichtet. Die Red.

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