Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228872--65530-3277660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 221 nur zwangsweise arbeiten, sondern würden dabei auch zum Brüche religiöser Vorschriften, der Sabbatruhe, gezwungen. : - * Der Negus versprach Herrn Dr. Faitlowitsch, für Abstellung der Mißbräuche zu sorgen. . Herr Faitlowitsch fand^ wie Herr Dr. Märgulies belonders hervorhebt, während seiner ganzen Reise Schutz und Unterstützung seitens der italienischen Regierung, die den Bestrebungen des Profalascha-Komitees. in jeder Weise wohlwollendes Entgegenkommen zuteil werden ließ. . Wie von seiner ersten Reise hat Herr Dr. Faitlowitsch wieder mehrere junge Falaschas mitgebracht, die in Palästina, dem auch den Falaschas heiligen Lande, eine Ausbildung teils als Lehrer, teils als Kolonisten empfangen sollen, die sie in den Stand setzt, die Verbindung zwischen dem europäischen und abesshnischen Judentum herzustellen und speziell auf dem Gebiete des Schulwesens wie der Landwirtschaft als Vermittler zwischen der ganzen primitiven heimischen und europäischen Kultur zu dienen. Auf diesem Wege werden die Falaschas — die europäische Missionsgesellschasten in ausgedehntem Maße ihrem Glauben zu ent. fremden suchen — in ihrer religiösen Position gefestigt, und mit der Erweiterung ihres Gesichtskreises und ihrer Kenntnisse wird sich zugleich ähre wirtschaftliche Lage heben, sowie ihre Stellung im Lande wesentlich gestärkt werden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden wird es voraussichtlich übernehmen, den jungen Falaschas, die Herrn Dr. Faitlowitsch begleiten, eine Ausbildung zu geben, die sie zur Erfüllung der ihnen zugedachten kulturellen Mission in ihrer abesshnischen Heimat befähigt. Iüdilche Mohlfghrtspükgr in Srrlin. Von Dr. Wilhelm Feilchenfeld. II. Extraeinnahmen, die 27 Vereinen und Instituten zugute kommen, setzen sich aus dem Ertrage von Neujahrsablösungen, Vorträgen, Büchsen und Festveranstaltungen zusammen. Während die Einnahmen aus den drei ersten Quellen in würdiger, vornehmer Form zufließen und nur geringe Unkosten verursachen, erscheinen die Wohltätigkeitsfeste als eine sehr unsympathische Art der Geldbeschaffung, die bei unverhältnismäßig hohen Unkosten minimale Erträge bringt und eine bedeutende Belästigung des Publikums bedeutet, ganz abgesehen von den ethischen Bedenken gegen ein Amüsement der Wohlhabenden zugunsten der Armen! Es brachten Extraeinnahmen: eine Neujahrsablösung 3600 Mark, eine Veranstaltung von Vorträgen 3444 Mark, zehn Büchsen 40 880 Mark (und zwar in den einzelnen Vereinen: 113, 134, 140, 430, 996, 2714, 6000, 7784, 9000, 13 569 Mark), 15 Feste 9404 Mark (55, 104, 127, 133, 241, 277, 338, 478, 766, 977, 1047, 3182 Mark). Dabei sind die geringen Einnahmen aus den Festveranstaltungen noch zumeist Bruttoergebnisse, nicht etwa Reinerträge! Und zwar geschieht oft die Angabe mit voller Absicht in verschleierter Form, um das unbedeutende Ergebnis so vieler Arbeit und Unbequemlichkeit möglichst wenigen zum Bewußtsein kommen zu lassen. Unkosten bis zu 75 Prozent ja zuweilen bis 90 Prozent sind uns bekannt geworden. Wir bemühten uns auch, über die Verwaltungsunkosten der Vereine nähere Angaben zu erhalten; dabei haben wir die Unkosten der großen Institute für ihre Anstalten außer acht gelassen, so Krankenhaus, Genesungsheim Lehnitz usw., da diese natürlich anders beurteilt werden müssen; berücksichtigt sind nur die Unkosten für die Vereinsverwaltungen, die Bureauspesen, und zwar konnten wir Ziffern nur bei 58 Vereinen gewinnen, da bei den anderen darüber genaue Angaben nicht zu erlangen waren. Die Bureauspesen betrugen bei 8 Vereinen bis 3 Prozent - 7 „ „ 5 22 „ 10 10 „ 15 3 „ „ 20 „ 8 „ „ 25—30 Prozent. Die Höhe der Ausgaben steht im umgekehrten Verhältnisse zu der Größe der Vereine, besonders teuer wirtschaften viele Frauenvereine infolge von beträchtlichen Ausgaben für Nachrufe, Kranzspenden, Diplomen, Abzeichen, Festveranstaltungen. Auch statten einzelne Vereine ihre Jahresberichte kostspielig aus. Daß derartige Ausgaben dringend erforderlich sind und aus den Beiträgen der Mitglieder bestritten werden dürfen, wird wohl kaum allgemein zugestanden werden! Wie teuer viele Vereine wirtschaften, möge man'daraus ersehen, daß 30 zumeist kleinere, unbedeutende Vereine zusammen 12076 Mark als Bureauspesen ausgaben, eine Summe, mit der man ein gut geleitetes Bureau für einen großen Vereinsbetrieb einrichten könnte. Haben doch anderseits 7 sehr große Vereine mit ausgedehntem Schriftwechsel und Personalverkehr und einem Gesamtetat von 71180 Mark nur 2,8 Prozent Spesen gehabt, wobei allerdings die Bureauräume im Gemeinde-Verwaltungsgebäude unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurden. Eine besondere Stellung unter den Ausgaben nehmen die Inkassospesen ein; wir konnten solche getrennt von den Bureauspesen bei 21 Vereinen Nachweisen: 5 Vereine hatten bis 3 Prozent 5 „ „ „ 5 . 3 „ „ 10 5 „ „ „ 15 2 „ „ „ 18 1 Verein hatte sogar 30V3 Die Inkassospesen sind zum Teil so hoch, weil die Mitgliederlisten sehr lückenhaft und fehlerhast sind; Personen, die seit zehn Jahren verzogen sind, werden in der alten Wohnung aufgeführt, bei einzelnen sind drei Adressen angegeben für die gleiche Person. Viele Jahresberichte ergeben überhaupt ein sehr wenig klares Bild über die wirklichen Einnahmen und die Ausgaben für die Vereinszwecke. Ein Zusammenschluß der Vereine würde auch hierin Ordnung und Gleichmäßigkeit im Interesse der Sache schaffen können. Die Gesamtausgabe von 79 Vereinen und Instituten beträgt mit Einschluß von 231 660 Mark Gemeindezuschuß: 1 937 578 Mark, hierbei aber sind, wie bereits erwähnt, nicht in Anrechnung gebracht 9 sehr große Vereine, die zwar hier Mitglieder und sehr große Beiträge haben, aber ihre ganze oder vorwiegende Tätigkeit außerhalb Berlins' ausüben und für Berlin selbst nur in geringem Grade in Betracht kommende Wohltätigkeit ausüben (Hilfsverein d. D. I., A. I. II., Ahlem, Kolberg, Kissingen, Soden usw.). 8 Vereine haben den Jahresetat nicht angegeben, 1 großen Gegenseitigkeitsverein (die Logen) haben wir im Etat außer Berechnung lassen müssen, da er sich nicht ausschließlich Wohlfahrtszwecken widmet. Zu der Gesamtausgabe muß, wenn man den Umfang der Wohltätigkeit der Berliner Juden berechnen will — außer den Vereinen, die wir aus Mangel an zuverlässiger Unterlage nicht anführen konnten, — die Beteiligung an interkonfessionellen Vereinen hinzugezählb werden und dann die Privatwohltätigkeit von Hand zu Hand, die wir bei unserer Enquete naturgemäß nicht berechnen können. Ferner auch die Beteiligung an Vereinen, die wir hier nicht mitzählen durften, wie zum Beispiel die Lehranstalt des Judentums usw. Aber auch unsere Zahlen ergeben mit dem Gemeindezuschuß, der doch aus den Beiträgen der Mitglieder bestritten >3