Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
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äÖÖeldje staatspolitische Weisheit, dieses Verbot gegen eine Bevölkerung zu erlassen, die sich ohnedies nur allzu widerspenstig gegen den französischen Einfluß verhält! Und das nur, um nicht den Juden entgegenkommen zu müssen! Was sollen die mutigen Mohammedaner, die, den Vorurteilen ihrer Stammesbrüder ungeachtet, sich voll und ganz amFrankreich anschließen wollen, von dieser Weigerung denken? Wie sollen sie sich dieses gewaltsame Zurückstoßen deuten? Der Regierungsbeschluß war sicher nicht zu erwarten, wo gerade jetzt eine Kommission einen Plan ausarbeitete, der das Naturalisationsrecht der tunesischen Untertanen erweitern sollte. Aus den Geheimnissen der russischen Administration hat der jetzt in Moskau spielende Prozeß wegen Ermordung des liberalen Duma-Abgeordneten Herzenstein interessante, dem Bund echtrussischer Leute schwer gravierende Einzelheiten ans Licht gefördert. Der Zeuge Brussakow, der ehemalige Privatsekretär des Präsidenten des Verbandes des russischen Volkes, Dubrowin, erklärte, dieser habe ihn beauftragt, für 15000 Rubel jemanden zur Ermordung Herzensteins zu dingen. Er habe aber abgelehnt und um die Entlassung aus den Diensten Dubrowins ersucht. Nach der Ermordung Herzensteins habe einer der Teilnehmer an dem Morde, Juskewitschvon dem Verbände 4000 Rubel erhalten. Als Juskewitsch von dem Verbände weitere Summen erpressen wollte, habe der verstorbene Johann von Kronstadt 10Ü00 Rubel, gestiftet. Als führend in dem Verbände bezeichnete Brussakow Dubrowin, Bubazel und den Fürsten Wolkonsky. Infolgedessen soll Dr. Dubrowin, Präsident des Allrussischen Verbandes, auf Requisition der sinnländischen Gerichte als Anstifter des Mordes an Herzenstein verhaftet worden sein. Das wäre gewiß eine sensationelle Wendung, die in jedem anderen Lande der Welt dem Bunde gefährlich werden könnte — in Rußland nicht. Denn am selben Tage hat der Zar aller Reußen den Führer, der äußersten Rechten in der Duma, Markow, in einer Audienz empfangen, die ihm durch das reaktionäre Reichsratsmitglied Pichno und durch Witte erwirkt worden war. Im Laufe der Unterhaltung bemerkte der Zar, die Revolution werde überall, so auch in der Türkei, von Fremdstämmigen gemacht; echte Türken gebe es unter den Jungtürken nicht (!!); die gleichen Vorgänge würden sich auch in Rußland abgespielt haben, wenn der Zar die erste Duma nicht aufgelöst hätte. Man ersieht daraus, wie schlecht der Zar von seiner Umgebung über die Vorgänge in der Welt unterrichtet wird. Natürlich sind es überall die Fremden, die die Revolution machen. Genau so haben auch die Junker nach 1848 in Preußen gesprochen. Die Vorgänge in den Türkei rufen natürlich unser lebhaftes Interesse wach. Abdul Hamid ist beseitigt, er wohnt in der schönen Villa des reichen jüdischen Bankiers Allatini in Saloniki, und an seine Stelle ist Mehmed V. getreten. Abdul Hamid war ein Freund der Juden; sie haben sich über ihn nie zu beklagen gehabt. Was sein Nachfolger ihnen sein wird, ist im Grunde nicht von Belang, da die.Macht des Sultans voraussichtlich eingeschränkt werden wird. Wohl aber ist es von großer Bedeutung, daß die jüdische Bevölkerung der Türkei den Kampf der Jungtürken zur Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände vom ersten Augenblick des Losschlagens an mit warmer Sympathie verfolgt hat. Die jüdische Jugend Mazedoniens eilte zu den Waffenplätzen und ließ sich in die Reihen der Vormarscharmee einstellen. Diese jüdischen Freiheitskämpfer, 6000 an der Zahl, waren unter den ersten Truppen, .die den; Besestigungsgürtel der Hauptstadt überschritten. . Die Begeisterung, mit der die einzelnen Stämme der Türkei dem Rufe der Jungtürken folgten, war bei' allen mit Forderungen nach Autonomie verbunden.. :Dieses Motiv fiel aber bei den Juden.. weg.; die ohne Vorbehalt, ohne Postulate sich dem Komitee für Einheit und Fortschritt zur Verfügung stellten.- Es ist unmöglich, aus 'der Ferne die Beweggründe der Saloniker Zentrale zu prüfen oder kritisch zu besprechen. Sicherlich aber hat die Haltung der Jungtürken, die den Juden gegenüber mit großer politischer Klugheit und Takt vorgingen,, viel dazu beigetragen, ihnen die Sympathien der Judenschast in solchem Maße zu-gewinnen, daß Emanuel Effendi Carasso, der kluge Führer des Saloniker jüdischen Klubs, die uneingeschränkte Mithilfe der Juden garantieren-konnte. Es war eine Tat von geschichtlicher Bedeutung, daß der jüdische Deputierte Nissim Effendi Mazliah der erste war, der den Mut hatte, im Parlament die Wahrheit über die Lage des Landes zu sagen und dadurch das Signal zur allgemeinen Erhebung zu geben. Er war auch der Sprecher der Deputation, die Abdul Hamid den Absetzungsbeschluß der Nationalversammlung mitteilte. Sein Name gehört fortan der Geschichte an. So ist es kein Wunder, daß in dem neuen. Kabinett, das sofort nach dem Sturz des Sultans gebildet wurde, zwei Juden sich befanden: Djavid Bey und Vitalis Strumiza. Aber der erstere, der zum Finanzminister designiert war, hat alsbald seine Entlassung eingereicht, weil er ernannt wurde, ohne gefragt worden zu sein, und weil kein Mitglied der jungtürkischen Partei ohne einen Mehrheitsbeschluß der Partei Minister werden könne. Wie es heißt, soll die erste Tat des neuen Kabinetts die Einreihung der Christen und Juden in die türkische Armee sein. ' Wie man sieht, stehen die Juden ln der Türkei vollständig auf der Höhe der Situation und nehmen freudig Anteil an der Neubelebung ihres Vaterlandes in freiheitlichem Sinne. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der neben anderen die Expedition des Herrn Dr. Faitlowitsch zu den I Falaschas, dem versprengten jüdischen Stamm in Abessynien materiell unterstützt hat, erhält von Herrn Oberrabbiner Dr. Margulies in Florenz, dem Präsidenten des Pro-Falascha- Komitees, folgende Mitteilungen: Der italienische Minister des Auswärtigen, Herr Tittoni, hat in einem an Herrn Dr. Margulies gerichteten Briefe offiziell bestätigt, daß Herr Dr. Faitlowitsch bei dem Kaiser von Abessynien einen sehr guten Empfang gesunden hat, und daß die von Herrn Dr. Faitlowitsch in der ihm gewährten Audienz zum Ausdruck gebrachten Ideen zugunsten, der Falaschas von dem Negus günstig ausgenommen wurden. Ueber die von Herrn Faitlowitsch ihm überreichten Schriften in amharischer Sprache, die Resultate seiner Forschungsreisen in Abessynien, war der Monarch sehr erfreut. Es sei dazu bemerkt, daß Herr Dr. Faitlowitsch an den Negus eine längere Ansprache gehalten hat, in der er ihn über seine Reisen zu den Falaschas und die Aktion der europäischen Juden zugunsten ihrer Glaubensbrüder näher unterrichtete. Herr Dr. Faitlowitsch brachte unter anderem auch einige Mißstände zur Kenntnis des Negus, unter denen, die Falaschas besonders schwer zu leiden^haben. Sie seien unbegründeten Beschuldigungen und gefährlichen Verfolgungen seitens der abergläubischen fanatischen Bevölkerung ausgesetzt; die Handwerker unter ihnen würden gewaltsam zum Bau von Häusern und Kirchen in der Hauptstadt aus ihrer Heimat entführt und die ohne Schutz und Hilfe zurückbleibenden Frauen und Kinder verfielen dadurch oft dem Untergang; die Entführten müßten nicht