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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-05-07 · Heft 19 (7.5.1909) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 19 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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daß er den Einjährigen in seiner Eigenschaft als Jude beschimpft hat^ Und das ist auch Mein der Grund, weshalb wir die Angelegenheit zum Gegenstand der Besprechung machen. , Wenn ein Offizier „schlappe", untüchtige Soldaten mit Häßlichen Ausdrücken bedenkt, so ist das gewiß tadelnswert, mag aber so manchesmal durch Erregung und Aerger wohl zu entschuldigen sein. Dagegen darf die Religion, die Herkunft des Soldaten nie zum. Zielpunkt der Beschimpfungen gemacht werden. In den Kreisen, denen der Graf entstammt, Pocht man mit Vorliebe auf feine „Erziehung", wie es der bekannte ostelbische Junker von Oldenburg noch kürzlich im Reichstage getan hat. Nach unserer bürgerlichen Auffassung läßt sich eine solche Handlungsweise mit diesen Grundsätzen nicht vereinbaren. Aus den Verhandlungen verdient folgender Passus aus der Rede des Anklagevertreters vermerkt zu werden: „ . . Doch wir brauchen es uns nicht zu verhehlen, daß nach unserer allgemeinen deutschen Auffassung die jüdische Abstammung noch nie ein Vorzug gewesen isN" Wenn es erlaubt ist, von dieser Auffassung jener Instanz, die gegen den Angeklagten aufzutreten hatte, auf die des Gerichtshofes zu schließen, dann wird das überaus milde Urteil in diesem Prozeß vollkommen verständlich. Aber in jedem Falle wird es notwendig sein, die Sache vor den Reichstag zu bringen und dort zu besprechen. Im Abgeordnetenhause hat, wieso oft schon, der Abgeordnete Justizrat Wolfs-Lissa die Schädigung des Kleingewerbestandes inderOstmark durch die staatlich subventionierten Genossenschaften eingehend besprochen und dabei unter anderem ausgeführt: „Unter denen, die am meisten gelitten haben, befindet sich in erster Reihe die jüdische Bevölkerung. Ich habe im vorigen Jahre darauf hingewiesen, wie von Jahr zu Jahr die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen zugenommen hat — freilich nicht nur deshalb, weil die Leute dort nicht mehr ihre Existenz finden, aber auch mit aus diesem Grunde —, wie ganze Schulnnd Synagogensysteme der Juden aus der Provinz Posen verschwinden oder zu verschwinden drohen. Die königliche Staatsregiernng scheint der Ansicht zu sein, daß der Weg. den sie bisher beschritten hat, weiter fortgesetzt werden soll. Ich meine aber, daß die königliche Staatsregiernng diesen Weg verlassen, daß sie umkehren wird, weil sie umkehren muß. Denn je weiter die Ansiedlungskommission ihr Gebiet ausdehnt, je größer ihr Betrieb und der Betrieb der Ansiedler wird, desto mehr dehnt sich der Betrieb des Raiffeisenverbandes ans und desto mehr werden die Händler ausgeschaltet, bis nur einige wenige Großhändler übrig bleiben. Cs ist an der Zeit, daß die königliche Staatsregierung diese Frage nochmals sorgfältig prüft und in dieser Frage Einkehr und Umkehr hält." *St In Italien wird nur selten das Judentum zum Gegenstand öffentlicher Debatten gemacht. Kürzlich ist dies aber in einer Weise geschehen, die Beachtung verdient. Anläßlich der Diskussion über ein zu schaffendes Gesetz, betreffend die soziale Fürsorge der italienischen Arbeiter im Oberrate, Vertretung aller Arbeiterorganisationen, also auch der nichtsozialistischen, hatte der frühere Schatzminister Luigi Luzzatti dafür sich im permanenten Komitee ausgesprochen. Das sozialdemokratische Organ „Avanti" griff ihn deshalb heftig an, indem es ihn wiederholt höhnisch als „L'israelita e laico Luigi Luzzatti" apostrophierte. Luzzatti richtete hierauf an den „Avanti" ein Schreiben, in welchem sich die folgenden Stellen finden: »Geehrter Herr Kollegei Sie sagen in . ihrem Blatte, daß im Oberrate für soziale Arbeiterreform nur eine Stimme si ch zugunsten der Gelben meldete lso werden die nicht sozialistisch-organisierten christlichen Arbeiter, im Gegensätze zu den „roten" Sozialdemokraten, genannt. Anmerk. d. Red.), und zwar diejenige des „Israeliten und Laien Luigi Luzzatti". Es wird daher gut sein, sich auch über diesen so delikaten Punkt mit voller Klarheit zu verständigen. Ein Teil der ä Arbeiter hat sich Genossenschaften mit überwiegend konfessionellem Charakter angeschlossen., ein Vorgang, der meinem von jeher verkündeten und hochgehaltenen Ideal der Brüderlichkeit aller anständigen, arbeitsamen Elemente ohne Rücksicht auf ihr politisches und religiöses Programm sicherlich nicht entspricht. Das Arbeitskomitee muß jedoch, wie ich dies in meiner Parlamentsrede auseinandersetzte, alle die vielfältigen Aspirationen und Bedürfnisse der großen Volksseele vertreten und berücksichtigen. Genau so, wie die Liberalen und Sozialisten, die Befürworter der sozialen Solidarität und die Beschützer des sozialen Klassenkampfes, in diesem Komitee Sitz und Stimme haben, gebühren sie auch den Vertretern der anderen Organisationen. Indem die Diskussion auf diese Weise in einen Konvent von Vertretern verschiedener Interessen gebracht wird, kann an die Betrachtung aller zugunsten der Schwachen vorgebrachten Vorschläge. geschritten und können alle Berührungspunkte in der gemeinsamen Arbeit der moralischen und wirtschaftlichen Hebung des Proletariats und anderer unvermeidlicher Unzufriedener genau fixiert werden. Das ist die-These, die ich ausgestellt und auch aufrecht halten? werde, da ich die Ueberzeugung habe, daß in einem liberalen Regime, nicht nur unsere eigene Freiheit, sondern auch diejenige unserer Gegner gewahrt bleiben müsse. Sie stempeln Mich zu einem Juden, Laien und Beschützer der Gelben. Obwohl ich mich, geehrter Herr Kollege, seit langer Zeit schon von dem engen Rahmen dogmatischer Religion freigemacht habe, bleibe ich ein verstockter Deist, der gewohnt ist, dem religiösen Element einen großen Wert beizumessen. Aber infolge meines unerschütterlichen Glaubens an die Gewissensfreiheit, der die eigentliche Substanz meiner Seele ansmacht und der mich stets an die Spitze der Unterdrückten, und weiß Gott weshalb Verachteten stellt, kehre ich den Juden jedesmal hervor, so oft mir der Vorwurf gemacht wird, einer zu sein, im Gegensätze zu jenen Juden, die sich feige verkriechen, wenn sie als Juden bezeichnet werden. Was nun den Vorwurf betrifft, daß ich Laie sei, so verweise ich bloß darauf, daß ich seit 45 Jahren die These der Freiheit der Religionen - im Staate verfechte nnd dieser meiner Ueberzeugung auch meine Handlungen anpasse." _ Es darf bei dieser Gelegenheit daran erinnert werden, wie Luzzatti bei dem philosophischen Kongreß in Rom vor einigen Jahren öffentlich und feierlich das Schema Jisroel; bekannte. Die aufrichtige und offene Sprache des Mannes hat übrigens den Gegner wollig entwaffnet. Der „Avanti" erklärte noch einmal ausdrücklich, daß es ihm nicht im entferntesten eingefallen sei, Luzzatti wegen seiner Religion „am die er stolz fein dürfe", zu verhöhnen. So wird in Italien polemisiert. & In Tunis ist die Negierung gegen die Bitte der dortigen Juden, unter gleichen Bedingungen wie die Mohammedaner naturalisiert zu werden, nicht taub geblieben. „Gleiches Recht für beide", - wollten die Juden, und ihr Wunsch fand Gewährung. Nur nicht gerade so, wie sie erhofft hatten. Bisher konnten die Mohammedaner nach drei Jahren Militärdienst inder französischen LandoderSeearmee naturalisiert werden. Diesen Vorzug strebten die Juden auch für sich , zu erringen, um so den Vorteil eines Gesetzes zu genießen, das ursprünglich keine Einschränkung wegen konfessioneller Unterschiede beabsichtigt hatte. Die französische Behörde konnte sich den be-- rechtigten Anforderungen der tunesischen Juden nicht langer entziehen; um ihnen aber ja kein Heimatsrecht einräumen zu müssen, hat sie aus dem Gesuch der Juden den umgekehrten; Schluß gezogen und als Parallelverbot auch den Mohammedanern, selbst denen, die schon jahrelang dem französischen Staate treu gedient hätten, die Erlaubnis genommen, nach drei Jahren Militärdienst französische Bürger zu werden.

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