Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 216 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu deiner Rechten Michael, zu deiner Linken Gabriel, vor^dir Uriel, hinter dir Rafael und über deinem Haupte die Herrlichkeit Gottes. Omein!" ' ' '' So betete um dieselbe Stunde daheim für ihren fernen Liebling die Großmutter. ■ ' ■ ’ Litersrilchr Mitteilungen. Panorama der Welt- und Kulturgeschichte von Adam Buckreis. Nürnberg, 1909. Verlag von Heerdegen-Barbeck. — Ein glücklicher Gedanke ist in diesem hübschen Buche geschickt durchgeführt: Weltgeschichte und Weltkultur sind in ' großen Zügew.und in ihrer Entwicklung durch die Jahrtausende zusammen fassend dargestellt. so daß man sich sehr rasch darüber orientieren kann, was zu einer Zeit oder in einem Jahrhundert an politischen Ereignissen, Entdeckungen, religiösen, literarischen und künstlerischen Erscheinungen neben- oder nacheinander ausgetreten ist. Ein foches Buch eignet sich sehr wohl zu ernstem Studium wie zu unterhaltender und belehrender Lektüre, zumal der Verfasser seine schwierige Aufgabe.mit großem Geschick und voller Objektivität gelöst hat. Es ist ein wertvolles Hilfsmittel und Nachschlagebuch für alle Gebildeten. 'Das praktische Taschenbuchformat und die . gute Ausstattung werden-die Erfüllung dieses Zweckes erleichtern. Sprechlsal. Berlin, den 20. April 1909. ■ Mommsenstr. 49. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 16. April enthält eine Erklärung englischer "Herren über einige den Zionismus betreffende Aeußerungen des Herrn Norman Bentwich, und 'fügt dieser Erklärung Sätze hinzu, die uns veranlassen, im Namen der zionistischen Studentenschaft Deutschlands zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen. Es erscheint uns im Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit gelegen, wenn über die erwähnten Fragen Klarheit geschaffen wird. Nach dem erwähnten Bericht hat Herr Norman Bentwich gesagt, die zionistischen Studenten könnten sich nicht vollständig mit der englischen Nation identifizieren, sie könnten in ihrem Denken nicht so ganz Engländer sein, wie diejenigen, die von englischen Vorfahren abstammen. Wir sind.der Ansicht, daß diese Aeußerungen nicht dazu angetan sind, die Erregung zu rechtfertigen, in die einige der englischen Judenheit ungehörige Herren dadurch versetzt worden sind,.- Wer diese Aeußerungen ruhig und vorurteilslos liest, kann, sofern er über die Judenfrage nachgedacht hat und die nötige Selbstbeobachtung besitzt, darin nur die Konstatierung einiger Tatsachen finden, die aller parteipolitischen Willkür entrückt sind.*) Daß die Abkömmlinge des alten jüdischen Stammes, der seit vier Jahrtausenden sein eigenes geschichtliches Dasein geführt hat, in ihrer seelischen Disposition anders geartet sein müssen, als die christlichen Deutschen, Engländer oder Franzosen, ist ohne weiteres klär. Daß die Juden in den Fragen des politischen Lebens eine Sonderstellung einnehmen, dürfte ebenfalls unbestreitbar sein; einmal werden die ihnen verfassungsmäßig -zustehenden Rechte durch eine antisemitische Verwaltungspraxis vielfach unwirksam gemacht, und ferner ergeben sich oft aus ihrer Zugehörigkeit zum Judentum auch im allgemeinen politischen Leben Verpflichtungen besonderer Natur; beispielsweise wird es jedem, dem es mit dem Judentum ernst ist, unmöglich sein, einen getauften Freisinnigen politisch zu unterstützend Endlich haben die Juden spezifisch jüdische Interessen, deren Bedeutung freilich nicht von allen Juden in gleichem Maße anerkannt wird. l) Darüber, wie über alles Folgende, kann man sehr verschieden denken. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß unsere Anschauungen, die sich mit denen der Majorität der deutschen Juden decken, ganz andere sind? . Die Redaktion. Wir begreifen es deshälb-nichtweshalb die englischen Herren es „aufs tiefste beklagen", daß die englischen Juden in ihrem Denken „nicht ganz Engländer" sind. Wir können auch in den Aeußerungen des Herrn Bentwich nichts finden, was im Gegensatz zu den politischen Rechten und Pflichten steht, die jedem Juden durch sein Staatsbürgertum gegeben sind. J Die eigentümliche Doppelstellung, in der die Juden überall leben, ist keine Erfindung der Zionisten, sondern eine historisch gegebene Tatsache. Diese Doppelstellung. erfordert einen ständigen Ausgleich der Interessen, der sich ganz individuell gestaltet. Wer in Deutschland vom Judentum loskommen will, wird sich sofern er politischen Eifer besitzt- — mit rein deutschen Fragen beschäftigen.!- Wer dem Judentum eine Zukunft wünscht, wird sich auch mit den jüdischen Problemen befassen. Da in unserem Vaterlande die jüdischen Interessen den deutschen nirgends widerstreiten, so ist ein solcher Ausgleich für jeden Juden möglich. Nur so ist die Aeußerung zu verstehen, daß das Judentum seinen Anhängern nicht gestatte, „ganz" deutsch zu sein. Wenn die. englischen Herren meinen, durch die Feststellung solcher Tatsachen würden die Juden Englands ihrem Vaterlands entfremdet, so ist dies eine sinnlose Behauptung. Die Wahrheit, die hier über das Verhältnis der Juden zu ihren Wirtsvölkern ausgesprochen wird, kann an diesem Verhältnis zunächst gar nichts ändern, sie gilt für alle Juden, nicht bloß für die Zionisten, und Herr Bentwich hat ganz Recht, wenn er sagt, es habe keinen Zweck, solche Tatsachen zu verheimlichen. Wer dies dennoch versucht, kann es nur zu dem Zwecke tun, eine möglichst unauffällige Assimilation der Juden vorzubereiten. Ob durch die Feststellung der genannten Tatsachen, wie die Herren befürchten, Mißtrauen bezüglich des Patriotismus der Juden hervorgerufen wird, ist für die Beurteilung dieser Fragen ganz gleichgültig. Daß bedenkenlose Hetzer die Juden immer verdächtigt haben, ist bekannt, darf uns aber nicht hindern, unsere Pflicht als Juden zu erfüllen. Die englischen Herren schließen mit einer Erklärung, die wir im Interesse der jüdischen Sache sehr beklagen. Sie behaupten, die Versicherungen der zionistischen Studenten, ihre Pflichten und Rechte als Bürger voll und ganz erfüllen zu wollen, hätten keinen richtigen Wert; es sei unlogisch, daß Leute, die es mit ihren englischen Bürgerpflichten ernst nähmen, gleichzeitig erklärten, sich nicht gänzlich mit der 'englischen Nation identifizieren zu können. Wir haben dargelegt, daß auch wir aus unserer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke den Schluß ziehen, nicht „ganz" Deutsche zu sein, nämlich insoweit nicht, als eine verschiedene Abstammung und gesonderte historische Geschichte Unterschiede bedingen: Wenn daraus überhaupt ein Vorwurf gegen uns abgeleitet werden könnte, so würde dieser Vorwurf alle Juden der Welt treffen, soweit diese nicht bloß mit dem Munde, sondern auch mit dem Herzen Juden sind. Mit aller Entschiedenheit aber verwahren wir uns gegen den Vorwurf, unsere Bürgerpflichten nicht mit demselben Ernste aufzufassen, wie alle anderen Juden. Wir sind deutsche Staatsbürger, sprechen die deutsche Sprache und leben innerhalb der deutschen Kultur. Deshalb sind wir deutsch und erfüllen unsere Pflichten gegenüber unserem Vaterlande gern und willig. Wir stammen von Juden, erkennen uns historisch verbunden mit der ganzen Judenheit und wünschen ihre Erhaltung. Deshalb sind wir Juden und erfüllen die Pflichten gegenüber dem Judentum. Dazu gehört unseres Erachtens die Belebung des jüdischen Volkstums und die Schaffung einer Heimstätte in Palästina. Die Beweisführung unserer jüdischen Gegner, deren letztes Argument immer wieder die Angst vor „kisebus" heißt, wird uns nicht davon abbringen, die Sache des Judentums vor aller Welt zu verfechten.! Hochachtungsvoll ergebenst Das Präsidium des Kartells Zionistischer Verbindungen. Dr. Rosenberg, Vorsitzender. Dr. Unna. Dr. Edelstein. Lichtheim. Rosenbaum. ' Truck und Vertag von Rudolf Masse in Berlin. VeranuvorUrch für die Redatüon: Max Bauchwitz in Berlin.