Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach und nach füllte sich. das-Schiff vollständig. Erste und zweite Kajüte, der er auch angehörte, sowie das Zwischendeck wurden dicht besetzt. Hier kampierten meist Auswandererfamilien, Juden darunter, die aus Rußland, Märtyrer ihres Glaubens, vertrieben, beraubt, in Amerika eine neue Heimat suchten. Unter großen Zelten richteten sie sich, so gut es ging, wohnlich ein. Bald darauf erschollen Befehle; die Nichtreisenden mußten das Schiff verlassen. Dann Kommandorüfe, das Rasseln der Ankerketten. Die Maschinen begannen stampfend und brausend zu arbeiten und unter Dampfen, Zischen, Wasser schleudernd, setzte sich der imposante Koloß in Bewegung und glitt aus dem Hafen. Mit brennenden Augen starrte Ludwig zurück nach der mehr und mehr sich entfernenden Küste Hamburgs.' Bald ragten nur noch die Türme der höchsten Kirchen sichtbar am Horizonte und bald war nichts weiter zu erblicken als Himmel und Wasser. ~ Und jetzt, ganz zum Bewußtsein kommend seiner Lage, seines Vaters unmenschlicher Tat, die ihn, ein schwaches, hilfloses Kind noch, hinausstieß aus einer Heimat voll warmer Liebe in nebelhafte, unbekannte Ferne, sich in seiner unerfahrenen Jugend selbst eine Existenz zu gründen, ergriff den armen Knaben eine wilde, aufbäumende Verzweiflung. Jeder Stoß des Dampfers, über dessen Rädern er saß, traf sein Herz mit schmerzlicher Wucht; entfernten sie ihn doch mehr und mehr von der Heimat, in die es ein Zurück nicht inehr gab. Die Schiffsglocke rief die Passagiere hinunter in die Speisesäte. Ludwig folgte ihr nicht. Als der Hunger übermächtig wurde, aß er von den Vorräten, die noch die liebe Hand der Großmutter ihm bereitet und netzte sie mit Tranen. Von dem einzigen Wesen das ihn liebte und an dem auch er mit ganzer Seele hing, hatte man ihn geriffen. Die Stunden verrannen. Ludwig, in düsteres Brüten versunken, merkte nichts davon. Die frühe Dunkelheit des Spätherbstnachmittags sank herab; stiller und stiller wurde es auf Deck. Die Passagiere suchten die Kabinen auf. Auch unter dem Zeltdache des Zwischendecks herrschte Ruhe, nur dann und wann unterbrochen von dem Schreien kleiner Kinder und den beschwichtigenden Ermahnungen der Eltern. Die elenden Familien dort, sie waren doch noch glücklich, waren vereint, keiner so verlassen, so allein wie'er! Der Abend kam, die Nacht. Das Deck wurde nun ganz menschenleer. Auf der Kommandobrücke nur wachte der Kapitän mit seinem Stabe und der Steuermann an seinem Rade. Einige Matrosen vom Dienst taten noch Arbeit, leise und geschickt. Selten nur kam einer von ihnen in die Nähe des Knaben, der unbeobachtet und einsam auf seiner Bank im Finstern verharrte. ' Es fröstelte ihn in seinem leichten Ueberzieher; denn die Herbstnacht war kalt und doppelt empfindlich der nimmermüde Wind auf der weiten freien Wasserfläche. Am Himmel funkelten die Sterne. Ihre Scharen schienen das Schiff zu begleiten. Ludwig blickte auf zu ihnen ohne Trost. Er versuchte zu beten, sich Mut und Hoffnung in die bangende Seele zu flehen, aber umsonst! Ach, er war ja keine Kampfnatur, keiner von denen, die zuversichtlich und entschlossen, dem Schicksal trotzend, sich selbst ein besseres Znkunftslos zu schaffen willens und befähigt sind. Sein schüchternsensitiver Charakter besaß nicht jene beneidenswerte Energie; er taugte nicht zu kühnem Handeln, zum selbständigen Schmieden einer eigenen Existenz. Gewöhnt daran, gestützt, geführt, geleitet zu werden, vermochte er nicht, eigenmächtig und, tapfer zu streiten, den Stürmen des Lebens zu widerstehen; er konnte nur dulden und unterliegen. Und er war ja auch noch so jung, so jung! Instinktiv fühlte er es, und in seiner Not nahm er seine Zuflucht 'wieder zum Gebet: „Wende Dich zu mir, denn einsam und leidend bin ich!" Nein, der Ewige hörte ihn nicht, zürnte ihm noch! Wie hätte er sonst zulassen können, daß man ihn von der Großmutter, der geliebten Großmutter riß? Jetzt empfand er erst den ganzen Umfang, die Tiefe seiner Liebe zu ihr,, die Unmöglichkeit, ohne sie zu leben. Er konnte es nicht! War er doch, außer jenen schrecklichen vierundzwanzig Stunden, nie, auch nur einen Tag von ihr getrennt gewesen! Und er sollte sie nicht mehr sehen, sollte Monate, Jahre verbringen, ohne die Arme um ihren Hals zu schlingen, . ohne den Kopf an ihrer treuen Brust zu betten! Aufschrie seine Seele in wilder Sehnsucht nach ihr, in dem grenzenlosen Jammer seines Trennungsleids. „Großmutter! Großmutter!" O, wie er nun weinte, ein bitteres, hoffnungsloses Heimwehweinen. ^Nach völliger Erschöpfung erst versiegten die Tränen. Gramvoll, mit schmerzhaft brennenden Augen, hämmernden > Schläfen starrte er in die dunklen Wellen hinunter, die leise gurgelnd ihre ewige Melodie zu ihm hinaufschickten. Wenn er doch sterben, sein Leben, sein trauriges Leben enden könnte! Es war ja doch befleckt für immer, befleckt durch eigene Schuld. Die Wellen -plätscherten unausgesetzt, ihre Stimmen schwiegen nie — nie — und allmählich vernahm Ludwig eine Sprache aus ihrem Gemurmel. Sie sagten etwas — stets dasselbe, stets dasselbe: - „Rasch vor-bei — rasch vor-bei — vor-bei —" Erst verstand er nicht, was sie meinten; dann aber kam ihm.blitzgleich die Erleuchtung. Ja, sie halten recht: .. Rasch vorbei, rasch vorbei waren Unglück, Leid und Scheidensweh für den, der ihrer Lockung folgte, hinabglitt in ihr weiches,, kühles Bett. Dort war Vergessen, dort war der Friede! Dort fand er Erlösung von der Zukunft, vor der ihm graute, von der Sehnsucht, die ihn-verzehrte, von aller Erdenqual. Aber Gott? Würde er ihm nach .einem sündigen Leben ein gewaltsames Sterben verzeihen? Würde er ihn aufnehmen in seiner himmlischen Wohnung, wenn er einging als ein Selbstmörder? Und konnte er das feiner frommen Großmutter ..antun? . Er kämpfte mit diesen Bedenken; aber die erdrückende Macht seines Unglücks, das Gefühl seiner grenzenlosen Verlassenheit, das wilde Heimweh schlugen sie nieder. Er begann zu beten. In lautlosem, inbrünstigem, leidenschaftlichem Flehen rief er Gottes Barmherzigkeit, feine Vergebung an. In feiner ewigen Huld möge der Allgütige feine Missetat nicht richten, sondern verzeihen um feines Namens willen, seine Seele bewahren, ihn erretten von der Verdammnis und ihm gnädig fein. „Ewiger! Ewiger! Ewiger!" An ihn, wie an einen Fels sich klammernd, ohne Aufhören den heiligen Namen flüsternd, neigte er sich tiefer und tiefer über das Geländer des Schiffrandes . — ein Ruck — und der Platz, auf dem er eben noch gekauert hatte, war leer. „Es segne dich der Ewige und behüte dich. Es lasse leuchten der Ewige sein Antlitz zu dir und begnade dich.. Es wende der Ewige sein Antlitz zu dir und gebe dir Frieden.