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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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Unsicherheit der jüdischen Existenz, die nirgends und niemals Bodenständigkeit gewinnen konnte, klingt aus der Erzählung hervor. Und schließlich das Merkwürdige, in einer anderen als jüdischen, Persönlichkeit kaum Vorstellbare, das wiederum auf dem Familieninstinkt beruht: Filippo verliebt sich aus seinen Streifzügen durch Südfrankreich in eine Französin — keine Jüdin —; er wohnt mit ihr zusammen, „aber Gott gab uns die Gnade, daß wir keusch blieben". Ist es denkbar? Filippo ist geflohen, um den Quälereien seiner Frau und deren Brüder, die ihn schließlich ruiniert haben, zu entgehen und bleibt dieser, seiner Frau, treu! Eine solche Erscheinung ist nur bei einer Gemeinschaft denkbar, bei der die Familie seit Jahrhunderten als letztes und festestes Bollwerk, das jede Generation um ein Gehöriges verstärkte, errichtet worden ist; die Handlung Filippos entspringt aber auch nicht zum wenigsten aus der bei den Juden entwickelten Herzensgüte und der weltüberlegenden Duldsamkeit, wiederum Instinkte, wie Willi Handl treffend in dem in Gemeinschaft mit Julius Bab herausgegebenen Buch „Deutsche Schauspieler" bemerkt, „die in der festen, warmen Geschlossenheit der jüdischen Familie ihre wunderstarken Keime entwickeln". ' Und dann... wie einfach die Veranlassung der Rückkehr zu seiner Frau: „Ein Jude, den ich kannte, besuchte mich eines Tages; er forderte mich auf, meinen Wagen anzuspannen und ihn zwei Meilen außerhalb der Stadt zu begleiten. Dort sagte er plötzlich zu mir: „Filippo, du hast Weib und Kind, sie sind unglücklich" ... Damit gab er mir einen Brief von meiner Frau und verschwand. Ich kehrte allein nach Lyon zurück." All sein Geld bleibt seiner geliebten Freundin, er nimmt selbst nur das Nötigste mit sich und kehrt zu seiner Frau zurück. An der Grenze kann er freilich seinen Geschäftstrieb nicht unterdrücken, er versucht Uhren zu schmuggeln, wird ertappt und muß Strafe zahlen, das heißt, in Wirklichkeit stecken die Wächter eine ihm willkürlich auferlegte Summe in die eigene Tasche. Einer der Zöllner läuft ihm dann noch nach und will ihn berauben, Filippo wehrt sich jedoch und sticht ihn nieder. Aus der Flucht schlägt der Wagen um, und er bricht sich ein Bein. Jetzt ergibt er sich schon in sein Schicksal und faßt alles als die Folge eines ihm von seiner Geliebten nachgesandten Fluches auf. Nun blüht ihm sicherlich der Galgen. Glücklicherweise schließt die Erzählung mit den tröstlichen Worten: „Nichts davon ist eingetroffen", und wir können annehmen, daß der gute Filippo noch eine ganze Reihe von Jahren mit seiner Familie glücklich gelebt hat. Es gibt kaum eine Erzählung, die bei dieser Kürze, in einer einzigen Gestalt alle jene Züge verkörpert, die man gemeinhin als jüdische bezeichnet. An einer Stelle heißt es z. B. noch: ... . denn ich verstehe mich auf alle Handelszweige. Wenn sie mich mit fünfzig Franken in irgendein Land setzen, so will ich nach drei Monaten mein Kapital verdreifacht und gratis gelebt haben," Das ist wahrlich wie ein Ausfluß jenes Handelsgeistes, den man bei den Juden — wohl nicht ganz zu unrecht — bemerkt haben will. Stendhal, der Schilderer des menschlichen Herzens wollte nun aber nicht einen historisch beglaubigten Juden hinstellen, aber den Spezialfall des menschlichen Herzens, das jüdische Herz, darzustellen, das lockte ihn. . Die Existenz des Filippo Ebreo ist an sich wenig wahrscheinliche daß er existiert haben ' könnte, ist durchaus sicher. Die sorgsame Beobachtungsgabe Beyles, die sich in den „Bekenntnissen eines Egoisten" so sehr zeigt, mag ihn dazu geführt haben, aus allen ihm bei und von Juden bekannten Zügen eine jüdische Persönlichkeit zu konstruieren; die Gefahr ist in solchen Fällen immer groß, daß es ein Homunkulus wird, dem man seinen Retortenursprung nur zu sehr ansieht, Behle? Meisterschaft aber formte ein Porträt, das uns durch seine Schärfe und gelungene Charakteristik entzückt. E5SIS3 Ludwigs Ml. Eine Erzählung von M. Herzberg. ... (Schluß.) ^p\ie§tnal war Herr Kahnheim seinem Sohne für die-stumme, 52^/ bedingungslose Unterwerfung dankbar, und erleichtert atmete er auf. Er hatte sich auf einen ausbrechenden Sturm gefaßt gemacht und sich vorbereitet, ihn mit rücksichtsloser Gewalt niederzuschlagen; nun war .ihm das erspart worden. Selbst in diese lange, vielleicht ewige Trennung von der Großmutter fügte sich der Junge widerstandslos! Nein, er hatte keine Spur von Gefühl in sich; er mar wahrhaftig der überschwenglichen Liebe der Alten nicht wert. In dem Getümmel des Hafens, dem Trubel der Einschiffung kam Ludwig kaum zu sich. Wie im Traume ließ er alles mit sich geschehen. Es war als ser er gar nicht er selbst, sondern ein ganz anderer, unbeteiligter Fremder, der die Heimat verlassen und auf diesem Koloß unter den vielen unbekannten Menschen die weite Seereise nach einer fernen, neuen Welt antreten sollte. Sein Vater brachte ihn an Bord und gab ihm noch einige Verhaltungsmaßregeln. Dann faßte er die Hand des Sohnes zum Abschied. Eisig und schwer, ohne Druck lag sie in der seinen. „Nun Junge, leb wohl und tue deine Pflicht!" sagte er in aufmunterndem Tone. „Der Wechsel ist sicher zu Deinem Glücke. Schon mancher, der nach dummen Streichen hier arm und zagend ausgezogen, ist durch Fleiß und Tüchtigkeit drüben zum reichen, geachteten Mann geworden. Sieh zu, daß Du es ebenso machst! — Ich muß jetzt an Land zurück. . Das Schiff lichtet, wie ich höre, erst in zwei Stunden die Anker. Solange kann ich nicht warten, da ich den Schnellzug nach Berlin nicht verpaffen will. Nochmals, leb wohl und schreibe mir nach Deiner Ankunft!" „Adieu!" würgte Ludwig heraus. Die Kehle war ihm trocken und rauh, wie zugeschnürt. Er sah dem über den Landungssteg Zurückschreitenden nicht einmal nach. Der Steward kam bald darauf, um ihm eine Kabine, die er mit drei anderen Weisenden teilen mußte, anzuweisen. Ludwig belegte mit seinem Handköfferchey, dem er die liebevolle Wegzehrung der. Großmutter entnommen, das ihm be- - stimmte Bett und ging dann wieder aus Deck zurück. Er setzte sich auf eine der verborgensten Bänke hart an der Schiffsbrüstung und blickte verwirrt und betäubt auf das Kommen und Gehen der Reifenden Und Träger, das, geräuschvolle Arbeiten und Umhereilen der Matrosen und Bediensteten,, aus das ganze bewegte und hochinteressante Schauspiel eines großen ausreisenden Ozeandampfers. Zu jeder anderen Zeit hätte dies auch seine lebendige Anteilnahme hervorgerufen. Heute empfand er nichts als stumpfe Gleichgültigkeit.

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