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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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mit seinem Schriftstellernämen nannte. Von ihm, von Henry Beyle, dessen „Rot und Schwarz" Goethe den besten Roman nannte, den er je gelesen, soll hier die Rede sein.- Erft die letzten Jahrzehnte haben wieder ein Auge für die Meisterschaft Stendhals gehabt; sein eigenes Wort, daß man ihn erst im 20. Jahrhundert verstehen werde, ist in Erfüllung gegangen. Heute existiert in deutschen Landen — nicht zum wenigsten dank der vortrefflichen Uebersetzung,. in der uns Friedrich Oppeln-Bronikowski Behles Werke überliefert hat — eine richtigeStendhalgemeinde, die den Meister des Psychologischen Romans, der 1844 im Alter von 68 Jahren starb, noch heute für vorbildlich und die meisten modernen Romanschreiber für überragend hält. Ich kenne nur einen, . der bei aller Verschiedenheit des Kulturrnilieus, der Abstammung und der Schreibart sich mit Beyle messen kann: Heinrich Mann, der in seiner „Herzogin von Assy" (vorher schon in „Zwischen den Raffen") wie kaum ein anderer nach den Worten Stendhals handelt: „Ich habe den Wert von zwanzig rein historischen Bänden vernachlässigt; ich habe das gesucht, was das menschliche Herz schildert." Es ist auch kein Zufall, daß bei beiden, bei Heinrich Mann und Henry Beyle, die Wurzeln ihrer Künstlerschaft tief im italienischen Boden versenkt sind, in dieses Erdreich, von dem auch heute noch die Spuren der Renaissance nicht ganz verschwunden sind, und wo auch das Menschenherz sich nur schwer an den monotonen Gleichtakt moderner Kultur gewöhnen will. Während aber Heinrich Mann in keinem seiner Romane au dem Problem der Juden frage oder besser gesagt der jüdischen Persönlichkeit vorübergehen kann, findet sich in den großen Werken Stendhals nicht eine einzige derartige Erwähnung. Es existiert nur eine kleine Novelle „Filippo Ebreo", die der achte Band der bei Eugen Diederichs erschienenen Werke enthält, die einen Juden zum Helden hat. Merkwürdig ist diese Novelle schon durch die Form. Der Jude erzählt dort dem mit ihm reisenden Stendhal seine Schicksale; und in die Erzählung fließen kleine Bemerkungen des Verfassers ein. die mitunter eine Erläuterung geben sollen, meistens aber nur dazu dienen, in dem Leser ständig das Gefühl wach zu erhalten: da ist einer, der dem Erzählenden aufmerksam zuhört. Die jüdische Persönlichkeit, die sich da angeblich selbst schildert, in Wahrheit natürlich von Stendhal dargestellt wird, ist in mehr als einer Hinsicht interessant, zuvörderst wegen der gradezu typisch-jüdischen Laufbahn, die sich , kaum wesentlich von der vieler Juden der Jetztzeit im Osten Europas unterscheidet, während freilich im Westen sich mittlerweile ganz andere Formen und Verhältnisse entwickelt haben. Man darf eben nicht vergessen, daß Filippo Ebreo 1814 bereits dreißig Jahre zählte. Im Jahre 1800 starb sein Vater und hinterließ ihm ein Kapital von fünf Franken. Sein Onkel schenkte ihm ein Napoleondor dazu, seine Mutter verließ ihn aber mit diesem und noch einem Franken von ihm, so daß dem guten Filippo noch vier ganze Franken blieben, die jeder andere Lagunenbewohner wahrscheinlich in irgendeiner Trattoria von Venedig in feurigen Chianti umgesetzt hätte. Gerade entgegengesetzt handelt Stendhals Jude. Er kaust acht Taschentücher von rotem Leinen zu zehn Soldi das Stück und verkauft sie für elf. Da er dieses Geschäft schon am ersten Tage viermal wiederholen konnte, hatte er am Abend bereits fünf Soldi Ersparnisse. 14 Jahre hausierte der gute Filippo auf diese Art,' während sich sein Geschäft immer mehr vergrößerte. Er stand dabei, wie er selbst meinte, scheinbar in J Gottes Hut. 1805 hatte er bereits ein Kapital von 1000 Franken, '< wobei immer zu bedenken ist, daß diese aus dem vier Franken J bestehenden Grundkapital hervorgegangen sind. Hier an dieser Stelle setzt nun in der Darstellung Filippos ' ■'% ein spezifisch jüdischer Gedankengang ein. Nachdem einmal Z ein gewisses Kapital vorhanden ist, erinnert er sich, daß das Gesetz die Ehe vorschreibt; diese Pflicht mußte erfüllt werden - und richtig, es gelang ihm, sich in ein Mädchen, namens t Stella, zu verlieben. Da ist nun freilich merkwürdig, in . ) welcher Reihenfolge Filippo die Liebesleiter hinausklettert. > Hatte er nicht schon vorher die schwarzen, glühenden Augen; bemerkt, die ihm hinter dem Gitter des venezianischen Ghettos j nachleuchteten, wenn er mit seinem Kasten nach dem San Marco zog? ° > Nein... alles das war für ihn nicht vorhanden gewesen. Stendhal hat richtig beobachtet. Filippo konnte in jener Zeit ' für all diese lockenden Dinge keine Augen haben; er war ' - Hausierer, nichts weiter als ein jüdischer Hausierer, erfüllt von .j per brennenden Begier, vorwärts zu kommen und auf seine Art die Welt zu erobern. Als nun endlich ein Stück dieser Welt erobert war, wenigstens soviel als sich in dem Schrein eines armseligen Hausierers verbergen läßt, ist es nicht die Stimme der Natur, die ihn zum Natürlichen hinzieht, das Gesetz ruft ihn, befiehlt ihm die Ehe, mahnt ihn an seine, des Juden, Pflicht. Und aus diesem Pflichtbewußtsein heraus — die Liebe!? ... ein merkwürdiges Gewächs, da muß sich Beyle doch geirrt haben. Keineswegs: sie erwächst noch heute bei Hunderttausenden , von / jüdischen Individuen aus einem von Pflicht und Gesetz gedüngtem Erdreich. Nichts ist charakteristischer für die — wir können sagen — . > „Jiddischkeit" des braven Filippo als diese seine Liebesgeschichte, die selbstverständlich mit einer Heirat endet. Damals spart er fleißig für den künftigen Ehestand und legt täglich etwas von dem ersparten Gelde zurück. Da ent- - fährt ihm denn in der Erzählung der Satz: „Ich war noch viel törichter, ich steckte dieses Kapital nicht in mein Geschäft", . und das zu einer Zeit, wo sich sein Vermögen jede Woche verdreifachte. In diesem Stile geht es weiter. Alles, was Filippo Ebreo erzählt, ist typisch und charakteristisch, nicht für ihn und seine Persönlichkeit; so außergewöhnlich ist weder seine Veranlagung noch sind es seine Schicksale; aber für den; Juden; kein Zug, den objektive Beobachtung am Juden bemerkt hatte, ist vergessen. Die Fähigkeit, mit geringstem Kapital bedeutende Umsätze '> zu erzielen und schließlich dadurch zu Wohlstand zu gelangen, die sorgsame Ueberlegtheit bei der Eheschließung, die gar nicht J auf den Gedanken zu heiraten kommt, bevor die materielle Basis dafür gewonnen ist, die Ansicht, daß Geld, das nicht , ins Geschäft gesteckt wird, seinen Beruf verfehlt hat, alles das $ findet sich in der Darstellung Behles; diese aber müßte un- :J: vollständig sein, wenn das Familienbewußtsein des Juden nicht in das rechte Licht gesetzt wäre. So sehen wir Filippo beh alten Vater seiner Braut aus Innsbruck herbeirufen, % damit er bei ihm sein Alter sorgenlos verbringe. Und auch als die Brüder seiner Braut ihn schädigen und ihn beinahe . % ruinieren, läßt er nicht von der einmal Erwählten. Gradezu frappierend typisch ist die Schilderung Filippos ,H von seinen Zügen mit dem französischen Heere als Marketender, d. h. eigentlich als geheimer Kommanditär eines Obersten, * der allerhand Lieferungsvorteile einzuheimsen versteht, wobei natürlich im geeigneten Moment der Jude für den Herrn Z Obersten einen vorzüglichen Prügelknaben abgibt. Die ganze

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