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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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Taubstumme usw., wobei für letztere Gruppe noch das Moment der religiösen Erziehung hinzukommt, , das wir unter den heutigen Verhältnissen da, wo das Elternhaus -den Kindern ersetzt werden soll, in besonderen konfessionellen Anstalten für notwendig halten müssen. Ein fernerer Anlaß für eine jüdische Wohlfahrtspflege liegt in der bedauerlichen Tatsache, daß bei sogenannt „interkonfessionellen. Vereinen" oft genug die jüdischen Bedürftigen zu kurz kommen. Die- Jnterkonfessionalität bestand bis vor kurzem zumeist darin, daß die Hauptgeber und Mitarbeiter in den Vereinen Juden und Jüdinnen waren, die Empfänger um so seltener dieser Konfession angehörten. Es soll gern zugestanden werden, daß dieses in den letzten Jahren etwas besser geworden ist. Aber besser wurde das nur dadurch, daß die Juden anfingen, nicht mehr ängstlich ihre Religion zu verbergen, sondern in den Vereinsvorftänden und Versammlungen offen auf ihre Zugehörigkeit zum Judentum hinzuweisen und eine gleichmäßige Berücksichtigung jüdischer Bedürftiger laut immer wieder zu verlangen. Auch da, wo gesetzlich die Unterftützungspflicht festgelegt ist, hörte und hört man bis heute noch oft genug eine Abweisung mit der Begründung: Geht doch zu den Juden! Mit aller Energie — nicht nur des Geldes wegen, sondern um des Prinzipes willen — hat jeder die Pflicht, hiergegen Stellung zu nehmen. Wie trostlos es damit in Wien bestellt ist, wird uns von dort berichtet; aber auch hier müssen wir streng darauf achten, zumal wir bei so manchen Stiftungen, die als interkonfessionelle von Juden einst errichtet, erfahren haben, daß sie in späterer Zeit durchaus nicht im Sinne der Stifter verwaltet werden. Ein höchst betrübender, aber um so mehr zwingender Grund für jüdische Wohltätigkeit liegt in dem verbrecherischen Verhalten von Staaten und Völkerschaften gegen ihre Landsleute jüdischen Glaubens. Solange durch barbarische Gräuel in Rußland, Rumänien, Persien, Marokko Unschuldige nur allein ihres Bekenntnisses wegen schwer bedrängt werden, müssen wir aus dem Posten sein, um da einzugreifen, wo sonst niemand hilft. Unsere Unterstützung müssen wir daher auch ferner dem Hilfsverein der Deutschen Juden und der Alliance Israelite' Universelle zuwenden. Wenn wir aber auch diesen fernen Glaubensbrüdern unser tatkräftiges Interesse zuwenden müssen, so wird doch immer an erster Stelle die Not innerhalb der Gemeinde uns de-. schäftigen. Daher müssen wir uns die Frage vorlegen: besteht in Berlin ein Bedürfnis für jüdische Wohltätigkeit? Dabei sehen wir zunächst von den unglücklichen Durchwanderern ab, die im weiten Westen zumeist eine freundlichere Heimat gegen den blutdurchtränkten Boden ihrer Väter eintauschen wollen. Für sie wird hier in besonderer Weise gesorgt. Sichere Zahlen über die Armen einer großen Gemeinde zu erhalten, ist nicht ganz leicht. In New Jork mit seinen 750 000 Juden mußten 1905 7 Prozent aller Juden Hilfe nachsuchen: für Rußland werden 20 Prozent von den mehr als fünf Millionen Juden als ganz oder teilweise verelendet angegeben. Aber wie vorsichtig man mit d.er Verwertung von Zahlen sein muß, möge man aus einem Artikel über die galizischen Juden ersehen, der in diesen Wochen durch die Presse ging : Von 800 000 galizischen Juden sollen „270 000 faktisch Erwerbende" sein, so daß, wie dort behauptet wird, „jeder erwerbende Jude stets noch zwei andere Personen neben sich aushält"; es wird so bei dem Leser — und augenscheinlich auch bei dem Artikelschreiber — die Annahme entstehen, daß 77,2 Prozent Arme unter den galizischen Juden sich finden. Man muß doch aber bei der Prozentberechnung natürlich die Familie — nicht den einzelnen Erwerbsfähigen — als Grundzahl annehmen, denn sonst wird ja wie bei obiger Rechnung das zweijährige - Kind eines Multimillionärs gleichfalls als „arm und verelendet" mitgezählt. Wenn wir nunmehr für eine galizische Familie— wozu ich mich nach meinen hiesigen „galizischen Erfahrungen" für berechtigt halte — vier Mitglieder als Durchschnittszahl annehmen. Und nicht 270 000 faktisch Erwerbsfähige rechnen, sondern die Zahl nur als den Personenbestand der Familien in Ansatz bringen, in denen ein erwerbender Haushaltungsvorstand ist, so erhalten. wir einen Prozentsatz von 8,4, eine obwohl recht hohe Zahl, . so doch vielleicht noch etwas niedrigere, als wir erwartet hätten. Um für . Berlin den Prozentsatz der hiesigen jüdischen Armen zu berechnen, habe ich die Zahl der Petenten — nach selbständigen Familien berechnet, soweit die Bittsteller einen eigenen Haushalt haben — zugrunde gelegt, die. im letzten Etatsjahre bei der Armenkommission oder dem Fonds für verschämte Arme einkamen, dazu habe ich die. Insassen des Hospitals und der Altersversorgungsanstalt gezählt, ferner die Familien, die von der Fürsorgekommission der jüdischen Gemeinde behandelt wurden und die Hälfte der Fälle-, die von der Waisenkommission der jüdischen Gemeinde unterstützt wurden; letzteres in der Annahme, daß durchschnittlich zwei Kinder immer zu einer Familie gehören. Ich habe so 2913 Fälle, die auf einen ungefähren Personenstand der jüdischen Gemeinde Groß-Berlin von 147 000 Juden berechnet, zirka zwei- Prozent ausmachen. Diese Zahl, kann natürlich "keinen Anspruch auf absolute Zuverlässigkeit machen, da wohl doch eine Reihe von Bedürftigen bei uns nicht vorstellig wurde; ungefähr aber wird sie der Wirklichkeit entsprechen. Dafür zum Beweise möchte ich die Zahlen von Charlottenburg danebenstellen, hier wurden 1907 bei 2.05 802.Einwohnern 8635 Unterstützte also 325 Prozent gezählt; übrigens ist diese Ziffer, ebenso wie die meine,- keine absolut zutreffende, vielleicht noch weniger sogar, da oft genug hier-Unterstützung an einzelne und Familien, bei Waisen besonders, nicht scharf aüseinandergehalten ist. Interessant für die Beurteilung unserer jüdischen Bevölkerung in Berlin ist auch die Kenntnis der Herkunft unserer Petenten: Unter den 2142 verschiedenen Petenten der Armenkommission im letzten Etatsjahre waren 1785 Deutsche,. 218 aus Oesterreich-Ungarn, 108 Russen, 31 anderer Herkunft. Unter 9200 Personalakten unserer -Zentralstelle waren 815 gebürtige Schlesier, 315 Pommern, 1867 Posener, 388 Ostpreußen, 851 Westpreußen. Nachdem wir uns so bemüht haben, die Notwendigkeit einer jüdischen Armen- und Wohlsahrtspflege nachzuweisen, müssen wir uns nunmehr fragen, was geschieht .nun Hier in Berlin für. unsere Bedürftigen? Zunächst und vor allem ist hier die Wirksamkeit .der jüdischen Gemeinde selbst hervorzuheben, die mit ihren Instituten und Kommissionen das ganze Gebiet der Armenpflege umfaßt Dabei ist das Hauptprinzip für alle, die im Ehrendienste der Gemeinde hierbei mitwirkenstreng jedes kirchliche Interesse außer acht zu .lassen. . Wir wollen keine -Proselyten machen, wir wollen nicht, scheiden zwischen fromm und unfromm, zwischen liberal und orthodox. Wir wollen unsere Tätigkeit und Fürsorge natürlich nur Juden zuwenden — obwohl große Stiftungen. zu unserer besonderen Freude auch die Möglichkeit gewähren, über die Konfession hinauszugehen —, aber weiter fragen wir nie nach der religiösen Stellung unserer Hilfsbedürftigen.' .Wir wollen mit unserer Armenpflege da ergänzend eintreten, wo die Unterstützungsverpflichteten nach unserem Empfinden nicht genügend Helsen oder helfen können; aber wiederum muß ich

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