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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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betonen, daß wir es stets als unsere Pflicht ansehen, die Stadtgemeinden da heranzuziehen, wo' sie nach dem Gesetze zur Unterstützung verpflichtet sind. Es sollen die gesetzlichen Pflichten auch den armen Juden gegenüber erfüllt werden. Es bleiht außer der ergänzenden Tätigkeit, die wir gerne aüs- Üben. da das Gesetz nur das Mindestmaß des Notwendigen gewährleistet, noch viel für uns übrig; so können wir zumeist die Ausländer, die hier seit Jahren wohnen, der Stadt nicht überweisen, um sie nicht der Gefahr einer Ausweisung auszusetzen, obwohl auch hierin neuerdings, abgesehen von den Rüsten, eine Wandlung zum Besteren beobachtet wird. Ferner gibt es gerade unter den Juden zahlreiche wirklich verschämte Arme, die lieber hungern, als der öffentlichen Armenpflege sich zu überantworten; auch da müssen wir eintreten, ebenso in den Fällen, in denen man mit einer einmaligen oder wiederholten großen Summe eine Familie wieder flott machen kann und ihr zu einer dauernden Existenz verhelfen. Der Gesamtgemeindezuschuß für Wohlfahrtsinstitute beträgt jährlich 400 463 Mark, . während die Gesamtausgabe dieser Anstalten mit ihren Stiftüngszinsen usw. 965 645 Mark beträgt ohne die Sonderstistungen, die von der Gemeinde verwaltet werden. 'Die Armenkommission der jüdischen Gemeinde, die mit fast 100 Herren und Damen im Ehrenamte arbeitet, hat im Etatjahre 1907/1908 von 6295 Gesuchen 3894 bewilligt, 445 Personen wurden laufend mit Monatsraten bis ^zu 30 Mark, insgesamt mit 65 769 Mark unterstützt, einmalige Unterstützungen wurden in Beträgen bis zu 500 Mark gewährt, zusammen 121896 Mark; außerdem wurden an kleinen einmaligen Unterstützungen und für Speisung 4300 Mark ausgegeben, also insgesamt ohne Verwaltungskosten 191946 Mark. Dazu kommt noch eine kleine Summe in Höhe von 1458 Mark, die von der Friedhofskommission an 104 Personen gezahlt wurde. Die Armenkommission arbeitet in vier — vom nächsten Jahre an in fünf — Abteilungen, die die verschiedenen Stadtgebiete zu versorgen haben; der Fonds für verschämte Arme bildet eine besondere Unterabteilung mit eigenen Fonds, die übrigens nicht von der Gemeinde ergänzt werden. Die Armenkommission kann auf ein Alter von 76 Jahren zurückblicken, und aus den Akten ergibt sich, mit wieviel sozialem Verständnisse vor langen Jahren bereits die Mitglieder der Armenkommission ihre Ausgabe auffaßten; Einrichtungen, die wir als Errungenschaften der neuesten Zeit ansehen, sind von unseren jüdischen Armenpflegern vor geraumer Zeit bereits teils erstrebt, teils auch durchgeführt worden; auch das bekannte Elberfelder System ist früher als in Elberfeld in unserer Gemeinde in Anwendung gebracht. Es ist mir wohl gestattet, zum Beweise dessen einige kurze Notizen aus den Akten unserer Armenkommission hier zu bringen: „Auf der Gemeindestube Rosenstraße 2 versammelten sich am 26. Dezember 1832 auf vorhergegangene Einladung die Mitglieder des Komitees zur Verbesserung des Armenwesens in hiesiger jüdischer Gemeinde und wurde hiernächst folgendes beschlossen: . „1. Es soll bei dem Gemeindevorstande dahin angetragen werden, daß derselbe auf Veranlassung des Komitees sämtliche hier vorhandene Armen-Unterstützungsanstalten und Institute ersuchen möge, ein Namensverzeichnis aller derjenigen, welche von ihnen unterstützt werden mit genauer Bemerkung, worin diese Unterstützung besteht, baldmöglichst dem Komitee einzureichen. Ganz besonders aber sollen die Vorsteher der Beerdigungsanstalt um Mitteilung derjenigen Liste, nach welcher sie die Gelder, welche ihnen bei Sterbefällen zur Austeilung eingehändigt werden, verteilen, ersucht werden. 2. Nachdem die gedachten Verzeichnisse und Listen eingegangen sein werden, soll ein alphabetisches Verzeichnis derselben , mit beigefügten Vermerken der Unterstützungen angefertigt werden, und hat Herr Philippi die Anlegung und Fortführung dieses Verzeichnisses -übernommen." Also lange vor der Einrichtung der Zentrale für private Fürsorge in Frankfurt a. M. und Berlin wurde hier eine ganz gleichartige Auskunstsstelle errichtet. Es wurde damals auch bereits eine Scheidung in Arbeitsfähige und -unfähige vorgenommen und dazu eine Beschästigungsabteilung ein- , gerichtet; diese gründete 1837 eine Waschanstalt in der Oranienburger Straße 9. Wir haben hier den Vorläufer unserer modernsten Einrichtung, auf die wir stolz sind: „des Arbeitsnachweises." 1838: „Worauf es jetzt zunächst ankommen dürste, wäre wohl, wie auch die A.-K. beabsichtigt, die Hausbettelei und damit auch das Einholen von sogenannten Monatsgeldern so viel als möglich abzuschaffen." Auch hier wieder sind wir in unserer jüngsten, sozialen Schöpfung: einer Zentrale für Studentenunterstützungen vor alter Zeit bereits überholt worden. 1850: „Jede unterstützte Familie steht unter spezieller Aufsicht zweier Kommissare, welche halbjährlich unter Aufzählung der Gründe zu berichten haben, ob die Unterstützung aufhören, vermehrt oder vermindert werden soll." In kurzen Worten ist hier das Prinzip des Elberfelder Systems zum Ausdruck gebracht und auch in die Tat umgesetzt einige Jahre, bevor es in jener Stadt eingesührt wurde, nach der es den Namen trägt. Im Hospital und den drei Attersversorgungsanstalten der Gemeinde werden 358'Personen verpflegt, sie verursachen eine Gesamtausgabe von 270 043 Mark. In zwei Waisenhäusern sind 128 Kinder untergebracht bei einem Etat von 103 094 Mark. Die Waisenkommission versorgte im letzten Etatsjahre 372 Kinder teils in fremder Pflege teils bei der Mutter mit einem Kostenaufwand von 58 716 Mark. Das Krankenhaus hatte bei einem Tagesbestand von 144 Personen 260 000 Mark Ausgabe. Die Fürsorgekommission verwandte für 163 Familien 9525 Mark. Die Durchreisekommission versorgte 5 500 durchreisende Rüsten, Galizier und Rumänen mit 38 000 Mark, wovon aber 20 000 Mark vom Hilfsverein und der A. I. U. auf Grund eines besonderen Abkommens zugezahlt wurden. Außer dieser Tätigkeit der Gemeindeinstitute wird eine sehr umfangreiche Wohlfahrtspflege von Vereinen ausgeübt. I Die Vereine wollen ihrem Zwecke nach allen Bedürfnissen entsprechen, die überhaupt nur irgend in Betracht kommen. Von der Wiege bis zur Bahre ist für jeden möglichen Notfall gesorgt. Für die schwangere Frau, die elende Wöchnerin ist Hilfe bereit, die kleinen Kinder finden Aufnahme in Heimen, die älteren in Erziehungsanstalten, in Ferienkolonien und Erholungsheimen, die auch den Erwachsenen offen stehen. Der Hungrige wird gespeist, der Frierende bekleidet, die arme Braut wird ausgestattet, wer in Mietsschuld steht, wird vor der Exmission behütet, dem Arbeitslosen wird Arbeitsgelegenheit beschafft, dem Wiffensdurstigen in Lesehalle und Toynbeehalle Anregung geboten, der Kränke, der Altersschwache findet Unterkunft, der Taubstumme selbst, wenn er alt und gebrechlich ist, kann auf ein Heim rechnen, das ihn mit Schicksalsgenossen aufnimmt. Ich habe mich bemüht, über alle hiesigen jüdischen Wohlfährtsvereine genaue Angaben zu erhallen, und habe auch nach vielfächen Bemühungen von den meisten entweder direkte Auskunft über alle gestellten Fragen erhalten oder doch

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