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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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einheitliche Vertretung gegenüber dev Regierung, sondern sie zerfällt in drei gesonderte Behörden, die unter den Bezirks^Präsidenten des Reichslandes, denen des Unterelsaß, des Oberelsaß und Lothringens stehen. Diese Verfassung stammt aus der französischen Zeit; sie ist einauf deutschem Boden fortbestehendes Institut der von Napoleon Ieingeführten Konsistorial-Verfassung des Jahres 1808, die ihre Vervollständigung durch die französischen.Dekrete aus den Jahren 1823, 1844, 1850 erhielt. Danach wählte die Judenheit eines jeden französischen Departements ihr Konsistorium, das aus dem Oberrabbiner und sechs weltlichen Mitgliedern bestehen sollte. Üeber den Konsistorien bestand das Zentral-Konsistorium von Frankreich mit dem Großrabbiner, das in Paris seinen Sitz hatte. Durch die Lostrennung der drei Departements Straßburg, Colmar und Metz schweben nun die drei Konsistorien ohne Zentralbehörde in der Luft. Der evangelische und der katholische Kultus steht durch das Direktorium beziehungsweise Bistum unter dem Ministerium; der jüdische Kultus steht zersplittert unter den drei Bezirks-Präsidien, so daß eine einheitliche, zureichende Wirksamkeit der gesamten Judenheit ausgeschlossen ist. Die neue Bewegung fordert daher ein Oberkonsistorium, an dessen Spitze ein Regierungs-Kommifsar — vielleicht nach dem Muster der badischen Oberrats- Behörde— stehen soll. Aber auch eine Reform der inneren Verfassung der Konsistorien wird von den Führern der Bewegung verlangt. Unhaltbare Zustände haben, sich während" ber letzten Jahre in einzelnen Gemeinden herausgebildet, die die Bevormundung durch das Konsistorium auf Schritt und Tritt nicht mehr anerkennen wollen. Dem Konsistorium steht nämlich allein das Recht zu, den Gemeinden ihres Bezirkes den Vorstand und den Rabbiner zu ernennen, das Budget zu bestimmen, die Gottesdienstordnung festzusetzen. Zum Teil haben die Konsistorien auf diese ihre Rechte verzichtet; zum Teil herrscht über den bestehenden Rechtszustand Unklarheit, so daß vakante Rabbinerstellen, vvrstandslose Gemeinden. Rechtshändel vor den bürgerlichen Gerichten nicht selten sind. Infolgedessen herrscht neben einer teilweise» vollkommenen Gleichgültigkeit an manchen Orten eine große Erbitterung gegen die Konsistorien. Die Führer der neuen Reorganisations-Bewegung verlangen entsprechende Abhilfe durch eine neue Verfassung. In Versammlungen, die sie in den großen Städten des Landes, Mühlhausen, Colmar, Straßburg. Metz usw. zurzeit abhalteu, und in welchen Herr Rechtsanwalt Dr. Dreyfuß-Mühlhausen referierte, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die Unterzeichneten geben hiermit ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß die bestehende Verfassung des israelitischen Kultus einer grundsätzlichen Abänderung dringend bedarf, und daß diese Abänderung in der Richtung vorgenommen werden muß, daß den Kultusgemeinden die größtmögliche Selbständigkeit gegeben und daß die gesamte Kultusverwaltung in eine oberste Behörde zusammengefaßt werden soll." Für die Resolution werden Unterschriften gesammelt, und soweit sich aus dem Erfolg der Versammlungen und den zugesicherten Unterschriften Schlüsse ziehen lassen, scheint die Bewegung gute Fortschritte zu machen. Wenn nur nicht wieder, wie im Jahre 1902, die Unterzeichner der Reorganisations-Resolution, auch die Gegenschrift unterzeichnen werden! Besonderen Wert legen die Anhänger der Bewegung auf die Gewinnung von Konsistorial-Mitgliedern; die in den bisherigen Versammlungen anwesenden sagten ihre Unterstützung der Resolution zu, was ihnen allerdings bei der allgemeinen Form, in welcher sie gehalten ist, nicht schwer zu fallen braucht. Auf den Fortgang der Bewegung darf man gespannt sein. Die Juden in der Türkei, zeigen sich als wahre Patrioten und mutige Kämpfer für die Verfassung. So wird aus Saloniki der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: „Die Juden Salonikis, an denen die türkische Freiheitsbewegung schon in ihren Anfängen verläßliche Stützen gefunden hat, zeigen sich auch in diesen — für die Sache des Jungtürkentums so kritischen — Tagen des Vertrauens, das die türkische Fortschrittspartei in die Juden des Landes gesetzt hat, für würdig. Die Begeisterung der hiesigen jüdischen Gemeinde hat bereits in opferwilligen Sammlungen für die im Felde stehenden Freiwilligen konkreten Ausdruck gefunden, und die jüdische Jungmannschaft stellt sich, froh des neuen Rechtes, 'mit der Waffe für das Vaterland eintreten zu dürfen, in Massen an den Sammelplätzen der Freiwilligenkorps ein. Bekanntlich macht die jüdische Gemeinde von Saloniki über die Hälfte der gesamten Einwohnerschaft aus." Im übrigen können die türkischen Juden dem inzwischett entthronten Sultan Abdul Hamid nur alles Gute nachsagen. Wie alljährlich, hat auch diesmal die Hohe Pforte dem schönen Brauch einer Sonderspende an die verschiedenen Glaubensgemeinden aus Anlaß des religiösen Frühjahrsfestes Folge gegeben. So ist dem Großrabbinate dieser Tage die Summe von 250 türkischen Pfund (die griechische Kirche erhielt 600, die armenische 400) für die Armen der Gemeinde überwiesen worden. Bei der allgemeinen ökonomischen Notlage, die trotz der Freiheit so schnell nicht schwinden will, bedeutet die Spende einen recht fühlbaren Zuschuß zu den Sammlungen, die in den letzten Wochen nach jüdischer Sitte, mit fieberhaftem Eifer veranstaltet wurden. <#> Das Deutsche Bureau der Alliance Isra6lite Universelle versendet den Bericht von Rabbiner Dr. Porges-Leipzig, den er jüngst über die mit Professor Israel Levi-Paris unternommene -Inspektionsreise zu den Orientschulen der Alliance erstattet hat. Der Bericht, der Ausschlüsse über das Kulturwerk der Alliance.gibt, kommt zu folgenden Ergebnissen: Der Religionsunterricht an den Alliancefchulen, weit entfernt davon, das jüdisch-religiöse Gefühl zu schwächen, hat vielmehr dazu belgclragen, dieses Gefühl za stärken und der Heranwachsenden Jugend aufrichtige Liebe zum Judentum, wie auch Verständnis und Eifer für die Ehre des Judentums einzuflößen. Der von der Alliance zuerst eingeführte Unterricht in der jüdischen Geschichte hat sich als wertvolles Mittel zur Hebung des jüdisch-religiösen Sinnes bewährt. Der hebräische Unterricht an den Allianceschulen ist durchschnittlich -genügend, an einigen Schulen sogar sehr gut. Wo er zu wünschen übrig läßt, liegt die Schuld an den ungeeigneten, pädagogisch ungeschulten Lehrkräften, den Rabbinern alter Schule. Sache der Alliance wird es sein, hierin eine Besserung anzubahnen und allmählich herbeizuführen. Was aber die Türkei an besseren Elementen unter den Juden aufzuweisen hat, insbesondere die leitenden Männer in den größeren Gemeinden, sind fast alle durch die Schulen der Alliance hindurchgegangen. Die- Inspektion erstreckte sich auf 42 Allianceschulen (die Kindergärten und Handarbeitsschulen nicht gerechnet), außerdem die Ecole professionelle in Jerusalem und die Ackerbauschule in Mikweh Israel. Die Kindergärten, sowohl die den Schulen eng angegliederten als auch die davon cibgetrennten (letztere in Jerusalem, Saloniki, Smyrna), arbeiten vortrefflich, sämtlich nach Fröbelscher Methode, die im Orient sich uneingeschränkter Anerkennung erfreut. In einigen Kindergärten lernen die Kinder außer Französisch auch Hebräisch sprechen. Für weiblichen Handarbeitsunterricht ist an allen Mädchenschulen vorzüglich gesorgt. Die Handarbeiten sind, so besagt der Bericht, überraschend schön. Die Handärbeitsschulen z. B. in Saloniki, Smyrna und Adrianopel machen den allerbesten Eindruck. Die jüdischen Mädchen des Orients scheinen ausnehmend geschickt Und fleißig. Viele erwerben sich nach ihrem Austritt aus der Schule bis zu ihrer Verheiratung ihr Brot durch redliche, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit. Die Handwerkerschule in Jerusalem bildet tüchtige Arbeiter aus, die namentlich von den Kongregationen Arbeitsausträge erhalten. zuweilen auch in Moscheen mit Ausbesserungen beschäftigt werden Das Lehrlingswerk .in den verschiedenen Orten entwickelt sich völlig befriedigend. Eine große Anzahl Lehrlinge ist bei verschiedenen, vorzugsweise jüdischen Meistern auf Kosten der Alliance untergebracht.

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