Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnisvolle Reich des Todes. . Fast könnte man sagen, dieses Gebet ist der Hüter . rmd.H26ächter'-deS- Volkes, von dem allem es gebetet wird, in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in das Nichts zerstäuben, solange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, Fäulnis und Verderbnis müssen vorangegangen sein, welche Mächte müßten an dem Bau eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der auf dem Felsengrunde der „Familie" ruht? Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der Düstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches. verwilderte Gemüt aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die toten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüt überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete! Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen' im Geiste ist, weil es ein bloßes Sterben nicht zugibt, weil es die Blüte, die vom Baume der Menschheit welk abgesallen ist, im Gemüte wieder auferstehen und sich entfalten läßt — darum ist es von solch heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, du trittst aus dieser ewig ruhelosen, hinfälligen Hülle in ein geheimnisvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauscht und fällt, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewände der Armut oder im schimmernden Prunke des Reichtums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; — zu wissen: du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und Acker zurück, - daß sie dein gedenken. müßten: dennoch bewahren sie dein Andenken als ihr teuerstes Erbe . . . . unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich, wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit . ... sie raffen dich aus dem Schaum der Vergänglichkeit auf-" Dir Woche. Berlin, 28. April. ^^^ie Frühjahrssession des Abgeordnetenhauses wird bei der Beratung des Kultusetats vielfach Gelegenheit bieten, auch unsere Wünsche und Beschwerden zur Geltung zu bringen. In erster Reihe steht die Klage, daß an den Universitäten noch immer ein Geist herrscht, der das jüdische Element beharrlich zurückdrängt. Die Fakultäten schieben das aus die Regierung, und diese wieder auf die Fakultäten. Ob da unter dem gegenwärtigen Regime etwas zu erreichen ist, glauben wir nicht. Zu oft schon sind dieselben Klagen resultatlos wiederholt worden. Viel eher dürfte bei der Beratung des Volksschuletats den berechtigten Forderungen der preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens Gehör geschenkt werden. Der gute Wille ist vorhanden; die Bereitwilligkeit der Regierung, größere Mittel für jüdische Unterrichtszwecke zu bewilligen, ist auch schon ausgesprochen worden — es gilt also nur, diesen Forderungen den gebührenden Nachdruck zu verleihen, um deren Erfüllung durchzusetzen, zumal auf diesem Gebiete fast alle Parteien zu Konzessionen bereit sind. Wir hoffen vor allem, daß unsere liberalen Abgeordneten sich diese Sache werden angelegen sein lassen, wie sie dies ja auch bereits schon getan haben. Aber hier heißt es, ganze Arbeit ' machen.^ Und Memäls ist vielleicht die Gelegenheit günstiger gewesen, alß gerade jetzt, dem jüdischen Religionsunterricht .die Stellung zu verschaffen, die ihm zukommt und die ihm nur zu lange vorenthalten wurde. Selbst die Konservativen werden sich dieser Forderung kaum verschließen können. Auch' in diesen Tagen haben sich die Anschauungen gewandelt, und es ist schon sehr viel, daß sogar die Kreuzzeitung zugesteht: „Sogar das Judentum in seiner reinen Form bekennt sich zu dem Evangelium von der Gottes- und Menschenliebe." Bon dieser Erkenntnis bis zu der Anerkennung der daraus folgernden Rechte der Juden ist nur ein kurzer Weg. Auf diesem Wege liegen aber zahlreiche Wünsche und Forderungen, die wir seit Jahren vergeblich erheben, und deren Erfüllung nunmehr so dringlich geworden ist, daß sie nicht mehr aüfzuschieben geht. In der Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses ist beschlossen worden, die Stempelgebühren für Titelverleihungen zu erhöhen. Dagegen ist vom liberalen Standpunkte nichts einzuwenden. Die „Deutsche Zeitung" ist damit nicht ganz zufrieden. Sie schreibt: „3>ci3 Gefallen an Titeln und Würden ist eine Steuerquelle, die kräftiglich angeschlagen werden kann, ohne irgend jemanden zu schädigen. Die Leute, die nach solchen Ehren verlangen, sind wohl sämtlich in der Lage, ihrer Liebhaberei einige Opfer zu bringen, und anderen tutdas nicht weh. Verwunderung muß allerdings die Ablehnung der Gebührenerhöhung bei Namensveränderungen erregen- Die Kreise, die so beflissen sind, ihren alten Namen abzutun, und einen neuen wohlklingenderen einzutauschen, gehören einer ganz bestimmten Schicht der Geschäftswelt an, in der Wohlhabenheit zu Hause ist. Weshalb hier nicht auch die Steuerschraube anziehen?" Die „Deutschsozialen Blätter" sind damit noch weniger einverstanden, und sie möchten die Namensänderung ganz verbieten. Sie schreiben: „Im Interesse der Reinhaltung' alles Deutschen läge es gewiß, wenn es überhaupt unmöglich wäre, sich aus einem Kohtt in einen König, oder aus einem Jsaaksohn in einen Jansen zu verwandeln. Das deutsche Volk wird um das Tausendfache geschädigt, auch wenn irgendein Jude für einen solchen Passierschein 100 Mark zahlen muß' Möge man die Juden zwingen, ihre alttestamentlichen Namen in Ehren zu halten, sie tragen sie vorzugsweise zur Warnung der anderen." Wir wollen den Hyrren um Liebermann von Sonnenberg ein probates Mittel verraten, um die Namensänderung in den jüdischen Reihen überflüssig zu machen. Sie sollen mit uns dafür kämpfen, daß die abscheuliche Judenhetze aufhört, und daß man jeden Menschen nach seinem Charakter und nicht nach dem Klange des Namens einschätzt, dann wird es niemand einsallen, seinen Namen zu ändern. Heute aber, wo es oft für das Kind in der Schule ein Martyrium ist, Cohn oder gar Schmuhl genannt zu werden, wo die antisemitischen Helden in der Wirtschaft schon über den echtdeutschen Namen Moritz und den griechischen Namen Isidor witzeln und mauscheln, ist es wohl begreiflich, daß mancher Jude seinen Namen ändern möchte. In England, wo Toleranz als selbstverständliches Attribut der Bildung gilt, kommen jüdische Namensänderungen fast nie vor. * Ueber die Reorganisation der jüdischen Kultusverfaffung in Elsaß-Lothringen wird von sachkundiger Seite geschrieben: „Wie bereits im Jahre 1902 eine allerdings bald im Sande verlaufene Bewegung von Mühlhausen aus durch das ganze Reichsland ging, die den Zweck hatte, die bestehende Kultusverfassung zu reorganisieren, so ist auch gegenwärtig eine derartige Bewegung im Gange, welche mit großem Nachdruck die Umgestaltung der Konsistorial- Verfassung fordert. Die elsaß-lothringische Judenheit besitzt Dine