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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-30 · Heft 18 (30.4.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr. 18. Berlin, 30. April 1909. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstkllen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkoffe, Berlin. Das Lsddilch-Gkbet. Berlin, 27. April, nter allen Gebeten unseres Ritus ist keines, das ein solches Ansehen genießt, wie das Kaddisch-Gebet zum Andenken an unsere Toten. Gerade darum erscheint es in einer Zeit, wo leider die Kenntnis der Sprache, in der dies Gebet abgefaßt wurde, immer mehr abnimmt, notwendig, wenigstens den Inhalt desselben, den nachfolgenden Geschlechtern zu erhalten. Wir veröffentlichen deshalb an dieser Stelle die folgende wertvolle Anregung, die uns in dieser Beziehung aus unserem Leserkreise zugeht: „Darf ich, der Laie, £8 wagen. Ihnen über Dinge zu sprechen, die die Domäne Berufener sind? Der Gegenstand ist so ernst und wichtig, daß ich trotz dieser Bedenken meine Anregungen Ihnen mitzuteilen mir erlaube. Zu allen Zeiten gab es Israeliten, welche dem Judentums gleichgültig gegenüberstanden. E i n Brauch jedoch war es. welcher früher jede Gleichgültigkeit überwand und das Menschenherz, seinem Gotte öffnete. Das Kaddisch-Gebet um seiner Toten willen — wem noch ein Funken vom Judentums innewohnte, er ließ es nicht ungesprochen. — In unseren Tagen hält man selbst an diesem heiligen Brauche nicht mehr unbedingt fest, und Man verschanzt sich dahinter, daß die unverstandenen Worte nicht 'erbauen können, daß das Gebet nichts enthalte, was die Pietät für die Verstorbenen, die Trauer zum Ausdruck bringe oder Trost zu bieten vermag. Wir Alten werden allezeit an unserem Kaddisch sesthalten und werden es als Ehrung für unsere Eltern, als Trost für uns selbst empfinden, wie unsere Väter es empfunden haben, wie es jahrtausendelang empfunden worden ist. Dies sollte uns aber nicht davon abhalten, der Generation, welche uns in unserem Empfinden nicht zu folgen vermag, ein Gebet zu bieten, welches an Stelle des Kaddisch ihrem Denken und Empfinden Rechnung trägt, welches ihr die Möglichkeit gibt/ ihrer Kindespflicht zu genügen und sich selbst Trost zu finden, und das seinerseits eine Brücke darstellt zwischen dem dem. religiösen Empfinden 'abgewendeten Herzen und seinem Gotte. Ich gestatte mir, den Entwurf zu solch einem Gebete hinzuzusügen. Es -soll das nur ein Versuch sein, dessen würdigere und vertiefte Gestaltung Sache Berufener sein muß. Hierzu könnte die Veröffentlichung dieser ergebenen Zeilen und meines Versuches in Ihrer sehr geschätzten Zeitung vielleicht die Anregung geben. Georg Kuttner." Der Entwurf der Uebersetzung lautet: . „Erhöhet den Namen des Höchsten, ihr Menschenkinder, preiset den Hochgepriesenen,. ihr Erdensöhne, alle Tage eures Lebens. — Erhöhet, gepriesen, verherrlicht werde der Allmächtige zu allen Zeiten, dessen Ratschluß unfaßbar dem Staubgeborenen, und darauf sprechen wir: Amen, gepriesen sei, gebenedeiet sein Name, dessen Wesen, dessen Weisheit unergründlich ist. Gebenedeiet, gepriesen sei des Allmächtigen Güte, die durch der Eltern Wort uns gelehrt, aüfzuschauen zu ihm, Trost zu suchen, zu finden bei ihm, gepriesen sei er, wenn Leid uns zerwühlet das Herz, und darauf sprechen wir: Amen, gepriesen sei, gebenedeiet seiy Name, dessen Güte unergründlich ist. Nie wanke in uns das Vertrauen zum Allmächtigen, dem Hochgepriesenen, der jenseits des Todes Leben gewährt, unergründlich dem Erdensohne, unergründlich wie die Größe seiner Barmherzigkeit, und darauf sprechen wir: Amen, gepriesen sei, gebenedeiet sein Name, dessen Liebe und Barmherzigkeit unergründlich. So lasset uns Ehre erweisen den Lehren unserer Eltern, und der Allmächtige,, der Allgütige, der Allbarmherzige gebe uns Frieden — Frieden unserem Herzen, Frieden uns, Israels, der ganzen Menschheit, und darauf sprechen wir:; Amen, der Allmächtige, der Allgütige, der Allbarmherzige verleihe Frieden, Frieden, Frieden — Amen!" Es dürfte nicht unangemessen sein, diesen Anregungen das hinzuzufügen, was einer der feinsten Kenner unseres Seelenlebens, was der Dichter Leopold Kompert in seiner Meister-Novelle „Die Jahrzeit" über das Kaddisch-Gebet gesagt hat. , „Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend -zu Jahrtausend überkommene Gebet, das,/ in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Gottesdienstes bildet: Sein Ursprung ist geheimnisvoll; Engel sollen es vom Himmel hergebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, ain Morgen und am Abend im Götteshaüse durch das ganze Trauerjahr und dann am jedesmaligen Todestage, oder wie" er in der Sprache der „Gasse" heißt: „zur Jahrzeit", sprechen, ' denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft innel Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den 'toten Eltern, daß ihr Kind ihrer gedenke; dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort^,um. den d ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und .•? Barmherzigkeit. : - r ' Fürwahr! wenn es irgendein Band gibt, stark und unauflöslich . genug, um; Himmel und Erde - aneinander* zu

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