Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ Berlin. 15. April 1909'. Sehr geehrter Herr Redakteur! ' ' Leitartikel vom 19. Vorigen Monats befgßt sich mit den Bo^ gängen in der am II. Februar dieses Jahres stattgefundenen öffentlichen Versammlung des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums", in einer Weise, welche dringend der Richtigstellung bedarf. Wir richten daher an Sie, sehr geehrter Herr , Redakteur, die ganz ergebene Bitte, unbeschadet unserer sonstigen prinzipiellen Gegnerschaft, die nachstehenden Ausführungen unverkürzt :\n Ihrem geschätzten Blatte aufzunehmen. Es war in den öffentlichen Versammlungen unseres Vereins .stets üblich, neben den in den Vorträgen zu Worte kommenden .theoretischen Erörterungen auch die Praktischen Angelegenheiten des Judentums zu besprechen. + Es lag also vollkommen im Sinne dieser Veranstaltung, wenn sdort Angelegenheiten zur Sprache kamen, die mit dem Vortrage in -.keinem direkten Zusammenhänge standen'. Unerklärlich muß es uns daher erscheinen, wie das Ersuchen um Gewährung eines Rabbinates, v das den Standpunkt des überlieferten Judentums vertritt, als tadelnswert empfunden werden konnte. Das ist doch die Mindestforderung dessen, wovon wir nicht abgehen können, wenn die Institution der Jüdischen Gemeinde als solche für uns, die wir nun einmal Anhänger des überlieferten Judentums sind, überhaupt noch einen Sinn behalten soll.' " Es bliebe uns, wenn anders, als letzter Ausweg demnach nur die dritte Möglichkeit "offem aus die Befriedigung unserer Eewissensangelegenheiten überhaupt zu verzichten und uns in das Lager der religiös Indifferenten zu schlagen. Unserer Meinung nach ist dieses Lager in unserer Mitte bereits zu so erschreckend großen Dimensionen gediehen, daß es kaum einen, der es mit dem Judentums gut meint, geben kann, der es für angezeigt hielte, das Heer der Indifferenten zu vergrößern. Damit kommen wir zu dem anderen Punkte, der in den Ausführungen des genannten Artikels einer abfälligen Kritik unterlag: Wir meinen den in unserer Versammlung ausgesprochenen Wunsch * auf Stellungnahme der Rabbinerseminare in Angelegenheit des Programmes der Vereinigung für liberales Judentum. Diese Anregung bildet den direkten Ausfluß der in einer früheren Versammlung unseres Vereins vom 27. Mai vorigen Jahres beschlossenen Resolution, der 'zurfolge' wir dem liberalen Programm die Berechtigung absprechen. sich als ein jüdisches auszugeben und den Namen des Judentums für sich in Anspruch zu nehmend Zwar hat in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Nummer 24 vom 12. Juli vorigen Jahres jene „Ueberlange Resolution" die Kritik heräusgefordert, jedoch nur nach der Seite ihres äußeren Umfanges hin, in der Sache selbst blieben unsere Anstellungen unwiderlegt. Wir jedoch hielten es für angemessen, einer Bewegung wie der „Liberalen jüdischen Vereinigung'" gegenüber» die bei ihrem ersten Auftreten nicht bloß einen beträchtlichen Teil der deutschen Judenheit, sondern zu einem guten Teile auch deren Rabbinerschaft mit sich fortreißen konnte, nicht bloß unsere entgegengesetzte Ueberzeugung, sondern auch die Argumente darzulegen, auf .welchen dieselbe sich gründet. Das Mindeste, dessen man nach einem solchen Vorgänge sich versehen sollte, war, " daß die beteiligten Rabbiner das Wort ergreifen würden, sei es, um die Berechtigung des angegriffenen Programmes auf dem Boden des Judentums zu erweisen, oder, sofern sie dazu sich nicht in der Lage fühlten, sich von demselben loszusagen. Daß aber gegen 60. Rabbiner, welche dieser Vereinigung angehören, über den Vorwurf, ein Programm, das aus dem Boden des Judentums keinen Platz findet, angenommen 3» haben, einfach zur Tagesordnung übergehen würden, bildet eine Ueberraschung, die keiner von uns vorauszusehen wagte?) . Nach solchen Vorkommnissen schien es uns als durchaus sachgemäß, die Rabbinerseminare im öffentlichen Interesse um *) Das ist doch wohl nicht richtig. Sowohl in unserem Blatte wie in . der Zeitschrift „Liberales Judentum" haben die Herren Rabbiner das'Proramm begründet und verteidigt. Die Red. eine Auskunft darüber, anzugehen, welche Gesichtspunkte und welche Erwartungen ihrerseits bei der Erteilung derrabbi-;■ nischen Autorisation überhaupt maßgebend wären. Diese' Frage hat seinerzeit im Jahre 1854 anläßlich der Gründung des ersten Rabbinerseminars in Breslau Samson Raphael Hirsch in der bekannten „Offenen Anfrage" aufgeworfen. Man hielt es damals nicht für angezeigt, aus dieselbe eine bündige Antwort zu geben, glaubte sich damit vertrösten zu sollen, die Zeit und vor allem die Wirksamkeit dieser Institute werde schon für den Geist zeugen, in .welchem sie ihre Befugnisse handhaben. Wir glauben nicht, daß die oben gedachten Erscheinungen dazu angetan wären, als ein Zeugnis von den in Betracht kommenden Anstalten angerufen zu werden. Wir glaubten daher nur in deren ureigenem Interesse zu handeln, wenn wir ihnen die Gelegenheit boten, statt dessen mit ihrem eigenen Zeugnisse für sich einzütreten. Um eine neue Formulierung des jüdischen Lehrbegriffes war es uns dabei keineswegs zu tun, noch viel weniger sollte damit der Einsetzung eines Konsistoriums, das mit dieser Aufgabe zu betrauen wäre, das Wort geredet werden. Das überlieferte Judentum bedarf dessen nicht. Sein Lehrbegriff ist nicht nur bekannt, sondern auch von allenseinen Anhängern anerkannt. In dieser Annahme kann uns auch die Behauptung nicht, irremachen, daß eine Orthodoxie, wie die. unserige, von den russischen und ungarischen Rabbinern angeblich als nicht ganz vollwichtig befunden werde. Diese Behauptung gewinnt dadurch nicht um Haaresbreite an Wahrheit, daß sie immer aufs neue von ganz unkontrollierbarer Seite in die Oeffentlichkeit geschleudert wird. Uns sind derartige ungarische, russische oder polnische Rabbiner nicht bekannt. (Aber uns! Die Redaktion.) Wohl aber wissen wir, daß man auch in diesen Kreisen dem Umstande volles Verständnis entgegenbringt, in welch schwieriger Lage die Orthodoxie hierzulande dadurch sich befindet, daß weite und einflußreiche Kreise sich von derselben abgewendet und diese Abwendung noch dazu auf die Schärfe eines prinzipiellen Gegensatzes zugespitzt haben. Für die Errichtung eines neuen Rabbinerseminars sind wir nicht in die Schranken getreten. Das Schreckgespenst, welches aus den in dem betreffenden Artikel erwähnten Beschlüssen der russischen Rabbiner heraufbeschworen wurde, wird seinen Zweck verfehlen. Mögen jene Beschlüsse noch so sehr den Anschein erwecken, als ob sie über das richtige Maß hinausgingen, so darf eines nicht außer acht bleiben, daß sie ihre Berechtigung aus den Verheerungen herleiten, welche die Bundistenbewegung innerhalb des russischen Judentums angerichtet hat. Wer diese Voraussetzungen richtig würdigt und zugleich bereit ist, bessere und zweckmäßigere Mittel zur Abwehr derartiger Bewegungen darzubieten, der nur allein. wird diese Beschlüsse richtig zu würdigen verstehen. Hochachtungsvoll Der Vorstand des Vereins zur Erhaltung des, überlieferten Judentums in Berlin. S. Wedell. Berlin. 11. April 1909. Sehr geehrter Herr! )1uf S..174 der letzten Nummer der „Allgem. Zeitung des Judentums" finden sich vier störende Druckfehler. Es muß nämlich Spaltei Zeile 8 von unten heißen „Realgymnasien" statt „Realprogymnasien", dafür umgekehrt Zeile 4 von unten „Realprogymnasien" statt „Realgymnasien". Dieselbe Verwechselung findet sich Spalte 2 Zeile 16 und 20 von oben. . Auf Spalte 1 Zeile 15 von unten muß es heißen „4225" statt „4235". Indem ich Sie bitte, diese Fehler in der nächsten Nummer des Blattes berichtigen zu wollen, zeichne ich hochachtungsvoll Johannes Joel. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Dauchwitz in Berlin.