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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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i ii - dem Vorgefallenen austellen? Eine nette Empfehlung hat er so Wie-so von Abraham zu erwarten." / '' Die Großmütter schwieg bekümmert. „Es ist eine große Vergünstigung, daß er überhaupt nach einer Stadt wie Hamburg kommt,"., fuhr ihr Sohn, eifrig feinen Vorteil wahrnehmend, fort. „Da kann er was vor sich sehen, was lernen, und ich muß meinem Bekannten dankbar sein, daß er es mit dem Jungen versuchen will. Die Wahrheit habe ich ihm natürlich nicht gesagt, sonst wär's auch da nichts geworden. Uebrigens . .." „Das arme Kind in seiner unerfahrenen, vertrauenden Jugend allein in der großen, fremden Stadt, ohne Familienheim allen Gefahren und Versuchungen doppelt preisgegeben!" jammerte die Großmutter. „Wie du das mit deinem Gewissen verantworten kannst, Moritz..." „Du hast mich vorhin nicht ausreden lassen, Mutter, sonst hättest du gehört, daß der Junge im Hause seines Chefs wohnt und beköstigt wird, also ganz in der Familie leben soll!" antwortete er, unbehaglich auf seinem Stuhle hin und her rückend und an ihr vorbei aus dem Fenster schauend. „Ich will ihn ja auch nur für die Dauer der Lehrzeit dort lassen, bis über die fatale Geschichte hier genügend Gras gewachsen ist; dann kann er meinetwegen zurückkommen." Die alte Frau gab sich nicht zufrieden. Unmöglich für sie, in eine so lange Trennung von ihrem Liebling zu willigen! Alle Hebel setzte sie in Bewegung tausend Argumente führte sie ins Feld, ihren Sohn umzustimmen. Aber vergeblich! Er blieb taub für alles. Auf jeden ihrer Einwände hatte er entsprechende Gegenbeweise .vorzubringen. Schließlich Pochte er auf seine ausschlaggebenden, gesetzlichen Vaterrechte, und am Ende wußte sie auch, die ihren Sohn kannte, daß er, wenn er sich einmal etwas vorgenommen, diesen seinen Willen, ob er nun schädigend war oder nicht, mit eiserner Konsequenz durchzusetzen Pflegte. So fügte sie sich blutenden Herzens. „Du kannst es ihm beibringen, Mutter!" meinte er, sich für heute verabschiedend, obenhin. „Uebermorgen, um sieben Uhr früh, hole ich ihn mit einer Gepäckdryschke ab." Als Ludwig nach Hause gekehrt war, teilte ihm die Großmutter sein Schicksal so schonend wie möglich mit. Er nahm es schweigend, ohne sichtbare äußere Bewegung hin. Nur sehr blaß war er geworden, und in seinen unglücklichen Augen las sie Trauer und Bestürzung. Abends, im Finstern, da sie wie gewöhnlich an sein Bette kam, fand er Worte. „Das ist der Anfang meiner Buße! Ich wollte sie gern tragen, wenn du nur. nicht mit darunter leiden müßtest, teure Großmutter! Dies allein macht sie mir so unsagbar hart und schwer!" An dem festgesetzten Morgen, bevor noch Moritz Kahnheim eintraf, nahmen beide von einander Abschied. „Ein oder zwei Jahre sind ja keine Ewigkeit, geliebtes Kind!" flüsterte sie, ihn unter heißen Tränen küssend. „Sie werden vergehen, und dann bleiben wir, so Gott will, bis zu meinem Tode beisammen. Nimm dies kleine Gebetbuch mit auf die Reise und in deinen neuen Wirkungskreis, und versprich mir, keinen Abend zur Ruhe zu gehen, ohne aus ihm Kraft und Trost geschöpft zu haben. Es sei dein Talisman, dein Hort, dein Schutz gegen .jede Gefahr und Versuchung. Nie werde auch ich mich niederlegen, ohne dich, mein Herzenskind, der Hut des Ewigen inbrünstig empfohlen zu haben. Und du wirst, brav sein, mein' Ludwig, um feinet-, meinet-, deinetwillen?" ’ Er nickte stumm; zu sprechen getraute er sich nicht. Die mühsam zurückgehattenen Tränen des Trennungsschmerzes, der sein junges Herz zerriß; würden. unaufhaltsam hervorbrechen und so rasch nicht versiegen. Er-wollte jetzt nicht weinen;-des Vaters kalter Hohn sollte seine Tränen, die heiligsten Gefühle seiner Seele, nicht verspotten und entweihen. : . Sie segnete ihn noch, feierlich, und als dann.. ihr.Sohn kam und ihn ihr entführte, sah sie der Droschke, solange nach, bis von. neuem aus ihren Augen fallende heiße Tropfen ihr die Aussicht verschleierten. Wie viel brennender, , wie viel bitterer wären sie gewesen, hatte sie ahnen — ahnen können — — Moritz wunderte sich über des Knaben Fassung. „Die Alte weint sich die Augen blind, und der Junge; nimmt's so kühl und pomadig, als führen wir auf einen Tag zum Vergnügen nach Potsdam!" dachte er, als sie im Abteil einander gegenüber saßen und er in das schmale Gesicht vor ihm sah, Hessen stille braune Augen anscheinend, ruhig und gleichgültig über die Felder glitten, die der Zug durcheilte- Es war ihm selbst sehr recht so; das erleichterte ihm sein Vorhaben; aber eine solche. Gefühllosigkeit hatte er doch nicht erwartet. Ach, er verstand sich nicht auf den Ausdruck in den trostlosen Augen des armen Jungen! 'Er vermutete nicht das lähmende, dumpfe Abschiedsweh, das ihn förmlich versteinerte und betäubte. Und er wäre auch der letzte gewesen, dem der scheue und verschlossene Knabe diesen Zustand feiner Seele offenbart hätte. Er hatte ihn ja nie verstanden!. Mochte er ihn jetzt für lieblos und undankbar halten; es galt ihm gleich. ,, Fast ohne zu sprechen legten sie die Reise nach Hamburg zurück. Dort wurde das Gepäck auf eine Droschke geladen. „Zum Hafen!" befahl Herr Kahnheim dem Kutscher. Indessen sie fuhren, wandte es sich zu Ludwig, der apathisch neben ihm lehnte: „Es ist jetzt an der Zeit, Dich aufzuklären, Junge. Der Bekannte, bei dem Du als Lehrling eintreten sollst, wohnt nicht in Hamburg, sondern in New Jork. Der Großmutter wegen habe ich zu jener Notlüge greifen, müssen. Es ist besser für Dich, daß dev Ozean zwischen Dir und Deiner Tat, zwischen Deinem alten und einem neuen Leben liegt. — Hier, diesen Empfehlungsbrief bewahrst Du sorgfältig und suchst den Herrn, dessen Adresse er trägt, sobald als möglich nach Deiner Ankunft auf. Von Deinem Fehltritt habe ich ihm nichts geschrieben und hoffe, daß er Dich, auf meine Bitte hin, in seinem kaufmännischen Kontor anstellen wird. Etwas hast Du ja schon bei Abraham gelernt, und junge, tüchtige Deutsche sind. in Amerika noch immer willkommen. Sollte er Dich jedoch wider Erwarten nicht placieren können oder wdllen, so findet sich wohl mit Hilfe des dortigen bekannten Vereins deutscher jüdischer Kaufleute, den Du leicht erfragen kannst, eine andere - paffende Stellung für Dich. Englisch hast Du ja in der Realschule lange genug getrieben, um Dich genügend verständigen zu können. — Ich übergebe Dir außerdem hier dreißig Dollar, das sind zirka hundertundzwanzig Mark. Sie sollen Deine Unkosten und den Unterhalt drüben für die erste Zeit bestreiten, respektive Deinen Notgroschen bilden. Auf mehr von mir darfst Du keinesfalls rechnen. Sieh also zu, daß Du möglichst rasch auf eigenen Füßen stehst. Deine Ueberfahrt, inklusive Beköstigung, ist bezahlt. Ich habe die Karte für das Schiff schon in Berlin gelöst. . Ludwigs Augen, die sich bei dieser völlig unerwartetem niederschmetternden Mitteilung in namenlosem Entsetzen auf seinen Vater gerichtet hatten, senkten sich sofort wieder, als sie, dessen unbewegtem, entschloffenem Blick begegneten und, ohne eine Silbe zu antworten, steckte er mechanisch Brief-und Geld zu sich. - .... (Schluß folgt.)

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