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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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' " Nun wurde dieses angenehme, sorglose- Ruhe' mit einemmal unliebsam gestört Nun zwang ihm die'Schande des' -Knaben, die auf ihn zurückfiel, ihn über die Maßen--erbitterte und empörte und mit wildem Haß gegen diesen erfüllte/noch - andere verabscheute Sorgen auf. Dem Jungen mußte eine neue Stellung verschafft werden. Das gab Laufereien, Werbungen und sonstige Lasten. Und selbst wenn sich/nach dem Vorgefallenen, noch ein Posten fand/wer garantierte ihm denn, daß/ nun einmal der böse Anfang gemacht war, so etwas sich nicht wiederholte, der Bengel sich ' nicht verleiten ließ, abermals einen Griff in die Kasse zu tun? Denn er war nicht so einfältig wie die Mutter, sich durch Heuchelei düpieren zu lassen; er glaubte an keine Reue; er, der erfahrene Menschenkenner nicht l Der Junge war überhaupt nicht offen, war stets heimtückisch und verstockt ihm gegenüber. Daß seine herrische, lieblose Art, die dem Sohne nie ein gutes, ermutigendes Wort gönnte, nur Schärfe/Befehl und Tadel kannte, an der Verschüchterung und Schweigsamkeit Ludwigs, die er also benannte, schuld war, fiel ihm nicht im entferntesten ein. Tiefere Gedanken widmete er ihm überhaupt nicht. Wie hätte er da ahnen sollen, daß die Seele seines Kindes auch Schätze barg, welche der Tau warmer Mutterliebe zu reicher Entfaltung brachte, die sich ihm aber ängstlich verschlossen? Die kälte Strenge, die er für den Sohn empfand, erzeugten in diesem für ihn nur Abneigung und Furcht. Aber hätte er es auch besser gewußt; es hätte ihn wenig gekümmert. Des Jungen Liebe brauchte er nicht! Der sollte nur tüchtig arbeiten, seine Pflicht tun, seinen Weg machen, um dermaleinst auch ihm geschäftlich nützen zu können. Nun hatte dies unvorhergesehene, störende Ereignis durch diesen Plan einen groben Strich gemacht.' Pessimistisch sah er im Geiste schon voraus, wie Ludwig tiefer und tiefer auf abschüssige Bahn geriet. In ■ ewiger Angst würde er von jetzt an schweben müssen vor der Kunde eines neuen Diebstahls, eines vielleicht noch größeren Verbrechens. Und die bisherige ruhige Behaglichkeit seines Daseins wäre dahin! Nein, das hielt er nicht aus! ^Dem mußte bei Zeiten ein Riegel vorgeschoben, ein Ende gemacht werden. Aber wE wie, wie? Er grübelte und grübelte. Jetzt glaubte er die Lösung gefunden zu haben! Ludwig mußte fort von Berlin. Ja, das war das Sicherste! Fort, so weit fort, daß von feinem Tun und Treiben, keine Nachricht mehr zu ihm geklungen, sein friedliches Leben hier stören konnte. So wars am besten auch für den Jungen selbst. Die Welt, gezwungene Selbständigkeit, ein nötigendes, eisernes Muß, sie waren schon manchem Strauchelnden vorzügliche Zuchtmeister geworden/ sehr geeignet, krankhafte Diebesgelüste und sonstige Auswüchse abzuschleisen und auszutreiben. Sie schufen die tüchtigsten Kerle. Und wenn einem, so waren sie diesem verweichlichten verzärtelten Muttersöhnchen notwendig'. Gewiß, er tat damit dem Jungen selbst den allergrößten Dienst und wurde auf diese Weise das Gespenst drohender künftiger Schande mit ihm für immer los. Freilich, er war noch sehr jung; Geldopfer würde es daher kosten! Aber nur zuerst; dann mußte er sich selbst durchhelfen, wie tausende vor und nach ihm in ähnlicher Lage. — Und seine Mutter? Mit ihr würde es einen harten Kampf setzen, das sah ' er voraus. Gutwillig fügte sie sich nicht in eine Trennung von ihrem Enkel, das stand fest. Nun, man machte ihr eben alles möglichst plausibel, schwächte ab, schwindelte ihr etwas vor usw., bis sie vor eine unabänderliche Tatsache gestellt, sich darin'finden müßte. In seinem rachsüchtiger^ Gefühl ge'ge n die Mutter wegen ihres heutigen trotzigen Widerstandes gönnte er ihr die Lektion. Mochte/ sie dann sehen, daß e r und nicht 's i e Herr über den Jungen war, daß er zu verfügen und jener ihm zu gehorchen hatte! " Immer vertrauter machte er sich mit diesem,seinem /,genialen- Einfall", wie er ihn nannte; immer tiefer redete er sich in diese „erzieherische, zwingende Notwendigkeit" ' hinein/ bis er, einige letzte, ihm aufsteigende Bedenken ' rasch zum Schweigen bringend, sich fast wirklich als ein uneigennütziger' Wohltäter seines. Sohnes vorkam. - Es folgten zwei Wochen stillen, ungestörten -Beisammenseins für Großmutter und Enkel. Für erstere bedeuteten sie ein großes Glück. Sie hatte ihren Liebling um sich, von morgens bis abends, konnte ihn hegen und pflegen und, nach ernsten, innigen Gesprächen, wie sie so gern tat, Hand in Hand in der Dämmerung mit ihm sitzen, in langen stummen- und doch so beredten Schweigen. Diese Stünden waren Ludwitz die liebsten. / So hätte er immer verharren mögen! Es tat ihm wohl, der Großmutter Nähe, ihre. Liebe fühlen und schweigen, seine erdrückende Scham in dem Schatten der Dunkelheit verbergen zu dürfen! Denn er litt unbeschreiblich unter den nimmermüden Anklagen und Vorwürfen seines Gewissens. Unter ihnen wurde er still und stiller und zog sich, mehr noch als es sonst seine Gewohnheit, in sich selbst zurück. Wie von einer unerträglich schweren Last bedrückt, ging er umher, und frühreife Linien schmerzlichen Grübelns, wie sie zu dem jungen Gesicht so gar nicht paßten, legten sich um Augen, Stirn und Mund/ Sein Vater hatte sich seit jenem Tage nicht wieder sehen. lassen. Er hätte aber inzwischen geschrieben, daß er für Ludwigs Zukunft tätig sei und weiter Nachricht geben würde, sobald er eine neue passende Stellung für ihn gefunden. Eines Tages kam er. denn auch in Abwesenheit Ludwigs, der war von der Großmutter, trotz seines Sträübens, auf eine Besorgung geschickt worden, um frische Lust zu schöpfen; denn seither scheute er sich auch auszugehen, und brachte die Mitteilung, daß es ihm gelungen sei, für den Jungen einen Posten als Lehrling bei einem Bekannten in Hamburg zu erwirken. In drei Tagen müsse er dort sein, ihn anzutreten. Er selbst wolle ihn hinbringen. Das sagte er alles in trockenem, bestimmtem Ton als etwas Selbstverständliches. Die alte Frau geriet außer sich. Ihr Kind, ihr Herzblatt sollte fort von Berlin, fort von ihr, die mit allen Fasern ihrer Seele an ihm hing, sollte aus ihrer zärtlichen, wachsamen Obhut zu Fremden, die den sanften, schwächlichen Knaben nicht verstehen, keine Liebe, keine Nachsicht mit ihm haben konnten? Sie sollte ihn morgens nicht mehr wecken, ihn mit Segenssprüchen entlassen, sollte abends ihn nicht mehr küssen, des Ewigen und seiner Heiligen Schutz nicht mehr auf seine Lagerstadt herabflehen dürfen? Und in drei Tagen wollte man ihn von ihr reißen! Nein, nein, sie ließ ihn nicht fort! Er mußte hier bleiben. In dem ganzen, großen, weiten Berlin, wo Hunderttausende Stellung finden, würde auch für Ludwig wieder etwas Passendes zu haben sein. Mußte einfach. Das sagte sie ihrem Sohne mit leidenschaftlicher Energie! „So?" entgegnete der, gereizt durch ihren entschiedenen Widerspruch, trotzdem er im voraus voll damit gerechnet hatte. „Wird ohne Zweifel hier etwas finden? Vielleicht auch, nachdem, was er begangen? Wer wird dem Jungen denn nach

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