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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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und Vater kommt immer noch nicht zurück. Größmütterchen sitzt am Ofen, sie streckt die zitternden Hände nach dem Feuer aus, um sie zu wärmen. Und verlassen kauert in der Ecke der Greis — alle haben ihn verkästen, es ist öde um ihn her; kummervoll senkt er das silberweiße Haupt und träumt von vergangenen, längst entschwundenen Tagen. Das Ergreifendste und Großartigste aber, was Israels geschaffen, eines der gewaltigsten Gemälde der modernen Kunst überhaupt, ist sein „Sohn des alten Volkes". Israels, selbst ein treuer Sohn dieses Volkes, schildert hier das Judentum von seiner packendsten Seite: ein armer Jude sitzt in stumpfer Resignation vor seinem Trödelkram. Das Elend, die Not, der Kampf und die Qualen tausendjähriger Erniedrigung sprechen^ aus diesen Zügen; Armut nichts als Armut — aber kein Laut des Unmutes oder der Verzweiflung, denn der Gott der Väter wird weiter helfen — das Bild des schweigenden Duldens! Das ist Israels der Künstler, Israels der Jude. Vom Herzen kommend sind seine Werke zu Herzen gehend, die Niederschriften einer fühlenden Brust. Wollten alle, die ergriffen vor seinen erhabenen Werken gestanden, dem greisen Künstler zum sünfundachtzigsten Geburtstage ihre Grüße darbringen, - es wäre eine unübersehbare Schar. An ihrer statt mögen diese Zeilen dem großenverehrüngswürdigen Jubilar nachträglich die Glückwünsche vieler tausender Verehrer bringen. fjguiiiLego^ Ludwigs fall. Eine Erzählung von M. Herzberg. III. ährend die Aufwärterin öffnete, eilte Frau Kahnheim zu Ludwigs Kammertür, schloß diese ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Ihr Herz pochte -zum Zerspringen; doch zwang sie sich, ihrem Sohne möglichst ruhig entgegenzutreten. Da war er schon in furchtbarer Aufregung, das ursprünglich hübsche Gesicht wutverzerrt. „Ist der Junge hier?" Sie nickte, nicht zu lügen wagend, da ihn das geringste Geräusch jeden Augenblick verraten konnte. „So schick' die Auswärterin fort, Mutter! Sie braucht es nicht zu hören, daß wir einen Dieb unter dem Dache haben!" stieß er zornerstickt hervor. Die Großmutter gehorchte in banger Eile. Als sie wieder in ihr Schlafzimmer zurückkehrte, sah sie ihn mit nicht mißzuverstehender Geberde seinen dicken, knotigen Bambusstock schwingen. „Ehe ich mit dem Buben abrechne, mußt Du hören, Mutter, was er uns beiden angetan hat, damit Dil mich nicht abhältst von meinem Strafgericht. Er hat —" „Ich weiß alles Moritz!" flüsterte sie erregt, die Hand abwehrend aufhebend. „Von ihm selbst?" fragte er erstaunt. „Ja. Gebrochen an Leib und Seele kehrte'er.gestern Abend heim und hat mir unter heißen Reuetränen seine Verirrung gestanden. Ich komme soeben von Herrn Abraham, Moritz, dem ich seinen Verlust wieder gebracht. Er hat, Ludwigs Jugend und die leidige Stehlmanie bei Kindern berücksichtigend, leinen Fehltritt gütig verziehen." f „Das insinuirst Du mir ganz sein damit auch, meinst Du> nicht wahr?" war die höhnisch gereizte Antwort. „Das wäscht wohl nun auch die Schande ab von dem niederträchtigen Jungen, und von mir, was? Mag ihm. Abraham verzeihen soviel er will; von . mir soll er so exemplarische Hiebe kriegen, daß ihm das Mausen für ewige Zeiten vergeht. Ich schlag, ihn tot, den Buben!" Den Stock in der erhobenen Rechten stürzte er sich auf Ludwigs Kammertür; aber die alte Frau, in ihrer Voraussicht und Mutterangst hurtiger als er, war ihm züvorgekommen und deckte sie mit ihrem Körper. „Weg da, Mutter! Weg. sägeich, öder ich weiß nicht, was ich tue!" knirschte er. Sie blieb und sah ihm unerschrocken in das zornentstellte Gesicht. „Ich leide nicht, daß Du ihn züchtigst; ich kenne Deine erbarmungslose Hand von früher her, Moritz. Bestraft ist er genug durch die Qualen der Reue, die er duldet." „Mutter!" rief er wild. .! Rauh faßte er sie beim Arm und versuchte sie beiseite zu zerren. Doch die zarte kleine gebrechliche Gestalt wich nicht. „Erst mußt Du mich zu Boden reißen, oder die Tür, die. ich vor Dir verschlossen habe, einschlagen, bevor Du zu ihm hineinkommst!" Durch ihren Widerstand zu sinnlosem Grimm gereizt, erhob er mit einem Fluche den Stock gegen sie. Aber der fest auf ihn gerichtete, eigentümliche Blick ihrer grauen Augen ließ ihn wieder sinken. Ein unterdrückter Klagelaut drang jetzt aus der Kammer.. „Steck Dich nur hinter Deine Großmutter, Du Heuchler, s Dü erbärmlich feiger. Du Dieb!" schrie sein Vater, schäumend vor Wut. „Wir sprechen uns später noch und gründlich! Du entgehst mir nicht!" Darauf stürmte er hinaus und schlug die Dür schmetternd hinter sich ins Schloß. - Zum erstenmal schmeckte Moritz Kahnheim das Gabelfrühstück nicht, welches er seit vielen Jahren alltäglich in einer bekannten Weinstube in der Königstraße einzunehmen Pflegte. Zorn und Groll vergällten ihm den vorzüglichen alten Portwein, der ihm sonst immer ausgezeichnet gemundet und alle geringeren Verdrießlichkeiten glatt hinweggespült hatte. Das Nebel saß heute zu tief. Der Sohn hatte ihm bisher eigentlich wenig Sorge und Ungelegenheit bereitet. Seine Mutter hatte recht gehabt. Nur zu froh war er damals bei dem Tode seiner Frau gewesen, daß sie ihm das Kind und damit eine große Unbequemlichkeit und Last abgenommen. Auch alle materiellen Bedürfnisse des Knaben, außer .dem Schulgeld und der Kleidung, wurden von der Mutter aus ihrer bescheidenen Witwenrente bestritten, und er hatte sich es gern gefallen lassen. "War' die Mitgift seiner Frau doch in seiner kurzen Ehe schon verbraucht, und der Verdienst, den er selbst, durch Vermittlungsgeschäfte bei sehr mäßiger Arbeitszeit erwarb — denn er liebte es durchaus nicht, sich zu überanstrengen, trotzdem er in dieser Hinsicht sehr anspruchsvoll gegen andere war — reichte kaum für seine eigenen zahlreichen, verwöhnten Bedürfniffe. Sein harter, egoistischer Charakter kannte Vatergefühle nicht. Kinder, selbst das eigene, waren ihm von jeher unausstehlich gewesen. Zu seinen Junggesellen-, respektive Lebemannneigungen völlig zurückgekehrt, hatte er sich sehr wohl dabei befunden, fern von seinem Sohne und möglichst unbehelligt von allem, was ihn betraf, zu leben. ■:$ J -JSfesJSiCVAv. » vJh V «ft» t, V "" - -r\ P

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