Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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W Sy. W 6!' V | Er- , I Wy Verlangen nach gänzlicher Abschaffung des Vortrages jeden Grund - genommen." . (S. 64, 65.) 18, Zu den Üekum purkon bemerkt Berliner, daß das Beten für die längst nicht mehr existierenden babylonischen Exilarchen, „vielfach mit Recht ,• bemängelt" werde und daß beide Formeln sehr gut in eine vereinigt werden könnten wie im Llaodsor Vitr^.? ’ »Diese Aenderung ist um ,fo mehr zu empfehlen, da auf die Frage wegen dieser Jekum purkon keine rechte Antwort erfolgen kann, was so oft. zu anderweitigen Konsequenzen führt, die vermieden werden sollten." (S. 66.)' 19. Einen besonderen Abschnitt widmet Berliner dein Naedsor, wobei er den Satz an die Spitze stellt: „Kürzungen * in allen Teilen des deutschen Gottesdienstes schreiben bereits Taschbez und die Rabbinen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vor". Daran schließt sich folgende Bemerkung: „Um Zeit am Dersöhnungstage für eine würdigere Ausgestaltung des Gottesdienstes zu gewinnen, hat man schon früh angefangen, Kürzungen im Ritual vorzunehmen." (S. 54.) Berliner, weist dies im einzelnen nach und präzisiert dann seine eigene Meinung dahin: „Möge man, wo die Notwendigkeit eintritt, Streichungett an den Pijutim vorzunehmen, die Okan-Stücke mit den uns fremden Engelnamen („Die Namen der Engel brachten bitt Israeliten von Babel mit", bemerken unsere Weisen im JeruM Rosch-Hasch. 1) und die Liluk-Piecen mit fremd haggadischem Inhalt -oder in ganz prosaisch gehaltenem Ausdruck streichen, aber dafür die herrlichen Poesien unserer gefeierten Klassiker im Gottesdienste erhalten. Vergleichen wir einmal die ganz simple Aufzählung der 613 religiösen Pflichten in unseren: Ritual des Wochenfestes mit den unvergänglich schönen Ikaros in den anderen Riten, von denen unser Ritus leider unberührt geblieben ist! Dann wird man auch erwarten dürfen, dafl ' die Abneigung gegen die Pijutim, wie sie in manchen Synagogen sich zeigt, weniger Platz greife." (S. 56 bis 57.) Professor Berliner hat durch seine offene Aussprache dem wahrhaft konservativen Judentum nicht geschadet. Man kann nur bedauern, daß eine solche nicht schon vor Jahrzehnten erfolgt ist. Viel Streit und Unsegen wäre verhütet worden. Aber es ist auch jetzt noch nicht zu spät zum Einlenken. Darum sind wir Professor Berliner aufrichtig dankbar für seine aus prominenter Gelehrsamkeit, reichster Erfahrung und vor allem aus treujüdischem Herzen hervorgegangene mutige Initiative! Ein gewichtiges Wort spricht er noch am Schluffe seiner hochverdienstlichen Arbeit aus: „Selbst bei der Lehre von der heiligen Inspiration*) steht noch nicht fest, ob nur der gedankliche Inhalt oder auch der sprachliche Ausdruck inspiriert sei." (S. 85.) Dieser bedeutsame Ausspruch gibt der schönen Hoffnung Raum, daß die Vertreter der verschiedenen theologischen Richtungen im Judentum allmählich, wenn auch nicht zu vollständiger Einigung, so doch zu gegenseitiger Anerkennung und friedlichem, heilvollem Zusammenwirken gelangen werden. ' Io?ek Israels. Von Karl Schwarz. 7 V^or kurzem feierte der Senior der holländischen Kunst, ^/ Jozef Israels, sein sünfundachtzigstes Wiegenfest. Rüstig führt er noch heute den Pinsel und die Radiernadel, und schafft freudig fort in seinem stillen Atelier im Haag. h Göttliche Eingebung, Offenbarung. ' - Sein achtzigster Geburtstag wurde in Holland derart von Regierung und Volk gefeiert, daß man allgemein.nur von der ,)Jsraelswoche" sprach. Ehrungen wurden dem Jubilar dargebracht, wie sie noch nie in gleicher Weise einem lebenden Künstler zuteil wurden. Und eine Ehrensumme wurde, ihm überreicht, die er nicht würdiger anwenden zu können vermeinte, als zum Andenken an seinen großen Landsmann ' Rembrandt, zum Bau eines besonderen Saales für die „Nachtwache" im Rijksmuseum. Die Wogen dieser Festeswoche sind längst verrauscht, die offiziellen Anerkennungen der Jubeltage verklungen; unentwegt schuf der greise Künstler weiter an den hohen Aufgaben, und'Zielen seiner Kunst, und wieder ist seitdem ein halbes Jahrzehnt dahingegangen. Israels entstammt einem streng orthodoxen Hause und sollte anfangs Rabbiner werden. Bald aber nahm ihn der . Vater in sein kleines Effektengeschäft in Groningen, erkannte jedoch das künstlerische Talent des Sohnes und gab ihn- 1846s zu Jan Krusemann nach Amsterdam in die Lehre. Der allgemeine französische Geschmack der Zeit zog. unseren jungen Künstler nach Paris, das er Mitte der vierziger Jahre mit 500 Gulden in der Tasche betrat. Zwei Jahre lebte ex hier von diesem Kapital und kehrte 1848 beim Ausbruch der Revolution nach . Holland zurück. In Amsterdam, wo er sich niederließ, hatte er trotz eifrigsten Bemühens mit seinen italienisierten und theatralischen Bildern, die er der Ermahnung seines Lehrers Krusemann gemäß, ja keine häßlichen Menschen zu malen, ausführte, keinen Erfolg und war froh, wenn sie ihm mit zehn oder zwanzig Gulden abgenommen wurden. Angestrengte Arbeit und Entbehrung warfen ihn aufs Krankenlager. Zur Erholung ging er nach dem Fischerdorfe Zandvoort; hier sah er die ärmlichen Fischerhütten, die schwere Arbeit ihrer Insassen und die charakteristischen, durchfurchten Gesichter der Seeleute in ihrer einfachen Kleidung. Das geheimnisvolle Dunkel der niederen Räume, deren kleine Fenster nur selten einen Sonnenstrahl eindringen lassen, das spärliche Lichtchen am Abend, das die Gegenstände kaum erkennen läßt, die öden Strandhügel mit den ausgebreiteten Fischernetzen und die dürren Gräser der Dünen, die der Wind leise fächelt, begleitet von dem ewig dumpf brausenden Getöse der an das User spülenden Wellen — das alles ergriff seine Seele und ließ ihn die Poesie erkennen, die hier in der geschäftigen Armut des niederen Volkes und der einsamen Natur steckt, und hier ward er der große Künstler, der erhabene Künder dessen, was tief im Innersten des Gemütes schlummert, ' hier ward er der große Nachkomme seines großen Landsmannes. Das folgende Dezennium führte Israels von Erfolg zu Erfolg. Seine Werke, anspruchslos in ihrem Aeußeren, wenig, ja fast gar keine Handlung darstellend, sprechen unmittelbar zu unserem Gemüt. Alles gewinnt in ihnen Leben: Das flackernde Licht, der aus einem brodelnden Kessel aufsteigende Dampf und das verstohlen in die Kammer eindringende Sonnenlicht. Und die Menschen, die sich schwerfällig in den . dumpfen Räumen und auf der öden Heide bewegen oder regungslos in sich versunken dasitzen, erzählen von Kummer und Leid, von Sorgen und Plagen und schwerer Arbeit. Die Kleinen wiffen noch nichts von alledem, sie spielen heiter am Sterbebette der Mutter und am Strande herum,-sie erfreuen sich an dem Plätschern der Wogen und ahnen nicht, daß draußen, weit draußen der Vater auf schwankem Kahn mit den Elementen kämpft und vielleicht nicht wieder heimkehrt. Neben dem Kinde steht die Mutter, die hinausstarrt auf das unendliche Meer, bange Ahnung im Herzen, denn der Gatte.