Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228870--65495-3277623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

gr*^ ~~' w^v"p«|r?^ WM ' : lMldem Stücke iEsehu mekömorr ^über die Stätten/an . denen die Opfer im' Tempelgeschlachtet wurden) mit dem anlgehängten Abschnitt Lahhi JisehrnoA (Regeln für die Aus-' legung der Thora) bemerkt Berliner: / . »Sollte man wirklich in alter Zeit schon das unverständliche Hersagen dieser talmudischen/Teile als verdienstlich, bezeichnet haben? -Die 13 Middoth. die' wichtigsten Grundlagen für die halachische Tradition, welche für einen böüständig geschulten Kenner des Talmuds geschrieben sind,.sollten von einem Laien, der keine Ahnung hiervon hat und haben kann,- abgeleiert werden! Will man diese Partien in unserem Siddur noch fortführenso sollte man sie als für den Gelehrten von Fach kennzeichnen und unpunktiert sie abdrücken!" (S. 17.) . ' 3^ Bei dem Stücke Llu .äehorim zeigt Berliner die Verschiedenheiten von der Quelle im Talmud auf, „welche das eigenmächtige Vorgehen des Redaktors für die im Siddur vorliegende Rezension illustriert." (S. 17.) 4. Hervorragenden Wert legt Berliner mit Recht auf die in das Gebetbuch aufgenommenen Psalmen :... . „Wir haben ein gewaltiges Mittel zur Befestigung des frommen Sinnes und der Erhöhung der Gemütsruhe verloren dadurch, daß wir. immer mehr das köstliche Psalmbuch aus Händen gegeben haben, Es giltein. verlorenes. Gut auch für gebildete Kreise von neuem zu gewinnen." (S. 20.) ' Aus den einzelnen Bemerkungen zu den mehr als 50 im Gebetbuch enthaltenen Psalmen ist hervorzuheben: Der Psalmen für Sabbatmorgen sind es eigentlich zwölf, von denen jedoch nur neun, und diese' nicht in der richtigen Reihenfolge, bei uns Aüfnahme gefunden haben. Eigentümlicherweise legt Berliner die „Gedankenlosigkeit" beim Abdruck einzelner Psalmen nicht den Redaktoren der älteren und neueren orthodoxen Gebetbuchausgaben (wie Mich. Sachs, S. R. Hirsch, Bleichrode, Levy), sondern den unschuldigen Druckern zur Last; diese, nicht jene, .fordert er zur Beseitigung der Mängel auf. „Willkürlich" und /ohne eigentliches Recht" sindauch die Psalmen nach dem Abendgebete an den Wochentagen angefügt. (S. 22 bis 26.) 5. Pittum hakketores wurde 1589 eingeführt, „als die Pest wütetezu deren Abwendung man gern in. Erinnerung an Ärön mit dem Räucherwerk während der Plage im vierten Buche Mosis 17, 12 die Abschnitte über das Räucherwerk zitierte". (S. 28.) 6. Die Formel ose hascholom cm den 10 Bußtageir ist nach Berliner eine ganz unbegründete, aus einer kabbalistischen Regung (Zahlenwert des häscholom gleich dem des Safriel, des Engels für die himmlischen Einzeichnungen) hervorgegangene Abweichung, „die bei uns noch immer sich erhalten hat trotz, aller Proteste aus verschiedenen Zeiten". „Wer hat dieses erlaubt?" fragt Berliner. „Hier liegt doch eine Uebertretung der sonst bei jeder anderen noch so geringfügigen Veranlassung flugs herbeigeholten Verwarnung, an der Prägung, die'die Weisen geprägt, nichts zu ändern, sicher vor." (S. 34.) 7. Mit Nachdruck wendet sich Berliner, gegen die zuerst durch den kabbalistischen Siddur eingeführten „Eingangsformeln beim Beginn einer jeden Mznoh (religiösen Uebung), Nämlich L’schem jichud, Hareni m’chawen oder Hinneni muchon, die noch heute vielen in ihrer Praxis bekannt geblieben sind", ferner gegen verschiedene Jehi rozon, „hott denen einst der berühmte Talmudgelehrte Wolf Hamburger in Fürth gesagt haben joll: Jehi rozon (es sei dein Wille), daß man kein Jehi rozon sage!" Hierzu führt Berliner noch folgenden Ausspruch des berühmten Josef Benporat an: „Vorzüglich ist die Andacht beim Gebete erforderlich. In unserer .Zeit glaubtman, daß man bereits mit dem bloßen Hersagen genügt habe. Daher häuft man Gebete und Jehi rozon. Jeder hält sich berechtigt, hinzuzüfügen nach-seinem-'Wissen, er 'betrachtet - das GebeL. als eine Art Amulet." „ ' - * Noch andere rabbinische Autoritäten. „haben sich gegen alle diese unverständlichen Formeln, gewendet, aber vergebens". (S. 36.) Dem ebenfalls in die Heidenheimsche (Rödelheimer) Tefilla übernommenen Linnen! lehisattek. beim Anlegen des', Tallis stellt Berliner eine ältere, wirklich schöne Fassung gegenüber. Auch kann er Heidenheim den Vorwurf nicht ersparen, daß er in feiner Machsor-Ausgabe die verschiedenen Engelnamen zwischen den Thekioth-Ordnüngen für das Schofarblasen beibehalten hat, „darunter auch der sehr verdächtigte Joschua sar happonim", der daher in der neuen Auflage von 1888 durch eine Abbreviatur ersetzt wurde. (S. 37.) 8. Mit der Anerkennung für Heidenheim, daß er den Siddur „von dem kabbalistischen Ballast befreit" habe/ geht das Bedauern Berliners Hand in Hand/ daß jener „auf halbem Wege stehen geblieben" sei: „Die Rücksicht auf die unwissende Menge legte noch manche Fesseln an. Ließ ja Heidenheim sogar eine. . . Taschenausgabe der Psalmen erscheinen, welche am Schlüsse das famose Zohimnsäh 1'hilllm (Gebrauchsanweisung für die Psalmen), welches Psälmenstellen für . therapeutische Zwecke und abergläubische Fälle empfiehlt, enthält". (Seite 38.) Ja, noch in der 137. Auflage des Heidenheimschen Siddurs „erscheint Psalm 21 (Herr, .Deiner Macht freut sich der König), als tägliches Gebet in vielen Gemeinden — es ist derselbe Psalm, den die'Anhänger Säbbatai Zebis ihm zu EhUn in. das Gebetritual ausgenommen hatten!" (Seite 39.) . 9. Es folgen weitere bemerkenswerte Beanstandungen: „Die kabbalistisch gefärbten Jehi rozon für den Eintritt in die Laubhütte und das Nehmen der vier Fruchtarten fehlen bei Heidenheim nicht, natürlich auch nicht Jehi rozon beim Verlassen der Laubhütte, mit dem Schlüsse: „möge ich einst gewürdigt werden, zu wohnen in einer Hütte aus Haut des Liwjathan".^ Möchte doch ein Buchdrucker hier so vernünftig sein und dafür setzen: „zu wohnen im kommenden Jahre in einer Hütte zu Jerusalem". Dann brauchte man nicht die sernliegende Allegorie (im Midrasch) anzurufen, um den talmudifchen Hinweis aufden Liwjathan für uns in Anspruch zu nehmeü. Ebenso wäre es verdienstlich, in dem sonst so herrlichen Akdomus^) die anstößigen Stellen von teluleh liwjathan an bis pi navoso („Nun beginnt eine Lusthetze zwischen Liwjathan und dem wilden Bergstier, sie greifen einander tapfer an und führen einen belustigenden Kampf. Mit den Hörnern führt der Bergstier seine tödlichen Stöße; des Meeres Ungeheuer schnellt ihn tot mit seinen ehernen Flossen. Sie erliegen und werden durch des Schöpfers umgehendes Schwert zergliedert und zubereitet zum köstlichen Mahle für die Seligen. Hier sitzen sie in Reihen um Tische von Jaspis und Karfunkel neben, balsamströmenden Bächen. Unb zechen entzückt aus vollen Pokalen des köstlichen Weins, der seit dem Anbeginn in Beeren aufbewahrt, ist!") wegzulassen, wenn auch hierdurch das Akrostichon gestört wird." (Seite 39.) 10. Einem weitverbreiteten und durch die Tefilla geförderten Brauche geht Berliner mit folgenden Worten zu Leibe:, „Auch das Lapporah-Umschlagen, welches noch immer im Siddur figuriert, müßte endlich wegfallen. Der erste, der dies bereits getan hat, ist Dr. M. Sachs in seinem Siddur. Es sei n«r erlassen, hier auf ältere Erwähnungen zurückzugehen. Es muß genügen, daß es im Schulchan Aruch selbst, nämlich in den ersten Ausgaben Venedig 1560 und Krakau 1580, in der Ueberschrift und in der folgenden Ausführung von Josef Karo, wie ich aus Autopsie versichern kann, als eine törichte Sitte (Minhag schel schtuss) bezeichnet wird. Aber noch mehr ist darauf zu halten, daß dieser Mißbrauch beseitigt werde, seitdem Professor Franz Delitzsch in seiner Abhandlung über das Sühneleiden in Israel daraus Material für das christliche Dogma *) Sagenhaftes Meerungeheuer. s) Am Wychenfest.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.