Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 197

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228870--65494-3277622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wahr! Andere, freilich* nur wenige, erzählen- — ohne danach gefragt zu sein — in Gesellschaft von Deutschen, daß sie. für den Polen gestimmt haben, obwohl bekanntlich die Reichstagswahlen geheim sind. Dieselben Glaubensgenossen agitieren bei den öffentlichen kommunalen Wahlen für polnische Kandidaten und warum das alles? Nun einfach aus geschäftlichen Rücksichten/ obwohl ihnen das bei der überhand nehmenden polnischen Konkurrenz in Handel und Gewerbe, einen äußerst geringen Nützen bringt! Wie gesagt, es sind gottlob nur wenige, dre eine so geringe politische Einsicht erkennen lassen, aber es ist wieder ein Beweis dafür, wie wenig Würde, Selbstachtung und Soliditarität — trotz der gegenteiligen Behauptung unserer Gegner — bisweilen noch in den Reihen unserer Glaubensgenossen zu finden ist. Sollten an dieser traurigen Erscheinung vielleicht unsere jüdischen „Zwergschulen" schuld sein? — Kann hier der Lehrer, insbesondere wenn ein Rabbiner oder ein sonstiger geistiger Führer nicht am Orte ist, nicht vielmehr segensreich wirken, wenn er aufklärend, konsequent, aber bescheiden und unermüdlich führt und rät? — Ich meine, daß dieser Umstand wohl auch, wenn auch nicht allein, bei der gegenwärtigen brennend gewordenen Frage des Weiterbestehens der jüdischen Zwergschulen sorgfältig erwogen werden muß! Daß aber auch die religiöse Orthodoxie nunmehr unsere interessante Ostmark als Neubund gründlichst bearbeiten will, das haben Sie bereits gemeldet. Wie sehr aber bei der so schwierigen Lage unserer jüdischen Ostmärker völlige Einigkeit unter unseren Glaubensgenossen nottut, das werden die außenstehenden Glaubensgenossen, welche den. Posener Briefen ihre freundliche Aufmerksamkeit schenken, selber erkennen. Bei der stetig zunehmenden Auswanderung unserer Glaubensgenossen aus der Ostmark möchte ich der Orthodoxie an das tägliche Gebet: „Behüte Israel, behüte den Ueberrest Israels, daß nicht zugrunde gehe Israel, die da sprechen: Höre Israel!" eindringlich erinnern, und sie bitten, doch ihr Ziel zu verfolgen, wo die jüdische Bevölkerung noch zahlreicher ist. Denn wenn schon jetzt, wo religiöse Gegensätze noch gar nicht vorhanden sind, weil nämlich durchweg religiöser Jndifferentismus herrscht, die Juden der Ostmark auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete nicht völlig einig sind, wie soll es da erst werden, wenn noch religiöse Gegensätze künstlich hineingetragen werden? Mußte da nicht unsere schon ohnedies geringe Widerstandskraft, die wir in nationalen und gewerblichen Kämpfen dringend brauchen, völlig versagen und unsere bisher so bescheidenen Errungenschaften auf dem Gebiete der Gleichberechtigung völlig in Frage stellen? Das mögen die Führer der Orthodoxie'recht sorgfältig bedenken, wenn sie ein Herz für unsere ostmärkischen Juden haben! Denn nicht das muß gegenwärtig unsere höchste Sorge, in der Ostmark sein, wie wir leben, sondern daß wir leben, mit anderen Worten: Es kommt nicht darauf an, ob wir mit oder ohne Orgel, mit Jozroth oder Jekumpurkan unsere Religion bekennen, sondern daß wir alle unsere geistigen und wirtschaftlichen Kräfte konzentrieren, um unsere Existenz zu behaupten und nicht zwischen den nationalen Kämpfen in der Ostmark erbarmungslos aufgerieben zu werden; daß wir den Boden nicht freiwillig verlassen, den unsere Vorfahren durch ihre jahrhundertlange fleißige Arbeit bebaut und kultiviert haben. Zwi. Orokkllor A. Berliners Lgndbrmerlmnsen -um täglichen Gebetbuch. Von Dr. M. Ehrlich. . II. ^^erliner unterscheidet drei Perioden des gedruckten Gebetbuchs. Die erste gedruckte Testlla, die er erwähnt und die aus. dem Jahr 1513 stammt, hatte den ganzen Anfang bis Loruod sedeomar nicht, da dieser Teil der häuslichen Andacht überlassen blieb. Auch sonst war sie bei'weitem nicht so inhaltsreich als die heutige Tefilla (Seite '9, 10). Im der zweiten Periode (von 1560 an) tritt „eine wesentliche Veränderung des Inhalts ein, indem er eine kabbalistische Gewandung erhält." Diese Periode dauert 240 Jahre (bis 1800); denn „erst in der dritten Periode ersteht uns ein Erlöser aus der Jrrnis und Wirrnis der früheren Periode, nämlich Wolfs Heidenheim," von dem Berliner weiter rühmt, daß er „uns von dem kabbalistischen Banne, in welchem bis dahin alle, andern Ausgaben des Siddur, besonders die von dickleibigem Umfange, standen, fast ganz befreit hat" (Seite 9). An anderer Stelle spricht Berliner von der „Verödung. des Gottesdienstes" durch die „neuen Gebete, ungeheuerlichen Wörter und unverständlichen Meditationen," welche die kabbalistische Richtung in das Gebetbuch hinein*, gebracht habe.^) . Dabei bedauert er, daß zwei wirklich schöne Bereicherungen aus dem kabbalistischen Siddur in den unsrigen nicht herübergenommen worden seien: eine. Formel vor dem Beginn des Gebets, durch die man das Gebot der Nächstenliebe auf sich nimmt, und eine Formel im Nachtgebet, durch die man Verzeihung ausspricht gegen alle die, durch die man' im Laufe des Tages beleidigt sein sollte (Seite 30, 81), Wir müssen es uns versagen, hier auf die sehr interessante Darlegung der Wandlungen, die datz Gebetbuch nach seiner ersten Drucklegung erfahren hat, näher einzugehen. Wir verweisen in dieser Hinsicht auf das Berlinersche Buch selbst und beschränken uns im solgenden wesentlich darauf, die aktuellsten Bemerkungen zu verschiedenen Bestandteilen der gegenwärtigen Tefilla wiederzugeben: 1. Berliner ist für Beseitigung der Benediktion schelo osani goj oder nochri (Gepriesen seist Du . . . der mich nicht als Nichtjuden erschaffen hat) und für den Ersatz derselben durch scheosani Jisroel ( . . . der mich als Israeliten erschaffen hat). Von der. ersteren Formel sagt er, „daß sie Verkennung und Haß zu erzeugen geeignet war und ist." Mird die vorgeschlagene Lesart allgemein akzeptiert, so fallen damit auch die beiden andern Benediktionen sedolo osani isodoli (der mich nicht als Weib erschuf) und sedelo osaiüodeä (der mich nicht als Sklaven erschuf) von selbst fort, und man ist der Mühe überhoben, sie in irgendeiner Weise zu rechtfertigen; ebenso die später aufgenommenen Formeln (für Frauen): sodeosam kirzono (der mich nach seinem Willen erschuf), sodelo osani goja, nochris oder schifcha (der mich nicht als Nichtjüdin/ nicht als Magd erschuf) oder gar sodelo osani Üehema (der mich nicht als Tier erschuf)". Dabei zeigt er aus das Beispiel unserer Weisen hin, welche „um einem etwaigen Mißverständnis zu begegnen", sogar eine Schriftstelle (Jes. 45, 7) rrn Gebetbuch geändert haben. (S. 15, 16.) h Die kabbalistische Umgestaltung des Gebetbuchs war eine Reform nach mittelalterlicher. Art. Professor.'Berliner steht ihr — begreiflicherweise — ablehnend uyd verurteilend gegenüber. Wir können das in der kabbalistischen Produktion sich bekundende Streben nach Bereicherung der Liturgie grundsätzlich nicht -unberechtigt finden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.