Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228870--65493-3277621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
viel größere ist; , Im größten Teil der konfessionellen Ärmen- und Wohlfahrtspflege haben die Prediger dort den Vorsitz; vielfach stehen ihnen größere Mittel von seiten der Gemeinde zur Aushilfe zur Verfügung; eine Anzahl hervorragender Stiftungen ist ihrer Verwaltung unterstellt, und die Zinsen werden durch sie oder durch ihre Mitbesteuerung verteilt. Dadurch hat ihre soziale Beteiligung einen realen Boden; sie können helfen und können durch ihre Hilfe wirken, und deshalb sind sie vielfach die Freunde der Armen und Bedrückten. Die Voraussetzung für eine solche Arbeit unserer Rabbiner ist aber die Sicherung ihrer Stellung, die Stärkung ihres Ansehens.' Und da muß ich wieder an einen Fortschritt anknüpfen, den die Landeskirche, im Interesse des geistlichen Standes sowohl, wie auch im Interesse der Gemeinden vollzogen hat: die Aufhebung persönlicher Der gütig ung für die Casualien. ... . Heute werden gerade unsere, besten Kräfte im Rabbinat durch diese doch immerhin äußerliche Betätigungen so sehr in Anspruch genommen, daß ihnen wenig Zeit für geistige Tätigkeit, für ihre wissenschaftliche Fortbildung und Arbeit, für die Armen bleibt.. Wer aber will es ihnen verdenken, daß sie es mehr mit den Reichen halten, in einer Zeit, die die Macht und das Ansehen der Person nach seinem Einkommen einschätzt. Dieses ist durch die heutige Art und Weise der freien Bezahlung der Casualien bei einigen zu großer Höhe angewachsen, und der Unterschied zwischen dem niedrigsten und höchsten Rabbiner- Einkommen hier in Berlin soll ein recht großer sein. Wie ist dem abzuhelfen?; Ich habe schon vorhin darauf hingewiesen, daß durch Landesgesetz für die christliche Kirche hier Abhilfe geschaffen ist. Wollen und können nicht auch wir von selbst diesen Weg gehen? . / Die Gemeindeverwaltung erhebt für die Mitwirkung eines Rabbiners bei Beerdigungen einen bestimmten Betrag, welcher der Gemeindekasse zufließt. Und zwar bei Beerdigungen für alle diejenigen, welche III. Klaffe Staats-Einkommensteuer bezahlen 10 Marky II. „ „ „ „ “50. „ I. . „ 100 „; Für Trauungen, Einsegnungen usw. werden auch bestimmte Sätze in Anrechnung gebracht. Da wir jährlich zirka 1300—1400 Beerdigungen und zirka 800 Trauungen in Berlin haben, so würden die Gemeindeverwaltungen hierdurch eine Einnahme erzielen, die es derselben ermöglicht, die Gehälter der Rabbiner nach Altersstufen so bedeutend zu erhöhen, daß sich alle in gesicherter Lebensstellung befinden und nicht mehr nötig haben werden, ihrem Erwerb nachzugehen. Es wird dann nicht mehr Vorkommen können, daß der Rabbiner vor die Wahl gestellt ist, einen minder Begüterten abzuweisen, weil ihm aus anderer Tätigkeit ein größerer Gewinn zufließen würde; es wird auch nicht im Volke heißen, die Rede sei beeinflußt durch die hierfür aufgewendeten Mittell Denn der Rabbiner wird bei Beerdigungen und Trauungen, bei all den Anlässen, da ihn fein Amt ruft, nur der Sache dienen, nicht der Person. Ich weiß wohl, so lange der Rabbiner in der Gemeinde nicht seine Gemeinde, hat, so lange sein Wirkungskreis nicht beschränkt ist auf einen bestimmten Kreis von Personen, wird es zu keinem innigen Vertrauensverhältnis zwischen Geistlichen und Gemeindeh Es ist nur eine beliebige Zahl als Beispiel angenommen. . Mitglied kommen, wird ihre soziale Arbeit ihrer besten Kraft beraubt: der Kenntnis des Einzelnen. Aber die Verwaltung soll unsere religiösen Führer frei machen von der Sorge nach Erwerb, das wird den Rabbinern, ihrer Stellung^ und dem Ganzen dienen. Eska. einiger Zeit rüsten sich die Politiker sowohl, als auch die Orthodoxie innerhalb unserer Religionsgemeinschaft, die interessanten jüdischen Ostmärker für ihre Ziele^dienstbar zu machen; zum Teil ist ihnen das ja auch — wenigstens den Politikern — schon gelungen. Ihre Zeitung brachte, seinerzeit zuerst die Nachricht über den Anteil der ostmärkischen Juden an dem Wahlsiege des konservativen Reichstagsabgeordneten Graf Westarp, der im harten Kampfe gegen die vereinigte Polen- und Zentrumspartei stand. Gern und freudig hat der Gewählte den Anteil der Juden an feiner Wahl anerkannt, und wir hoffen, daß er durch seinen Einfluß in der konservativen Reichs- und Landtagsfraktion dazu beitragen wird, so manche Vorurteile gegen unsere Glaubensgenoffen, die dort herrschen, zu zerstören. Ja, diese Hoffnung hat sich zum Teil schon erfüllt, wie die Beratungen des Abgeordnetenhauses und der dabei tätigen Kommissionen über das Lehrerbesoldungsgesetz und die Petition des Verbandes der Deutschen Juden um Unterstützung der leistungsunfähigen jüdischen Gemeinden und der von ihnen angestellten Rabbiner beweisen. Hat doch selbst ein so rassenreiner Abgeordneter wie Dr. Hahn und andere konservative Abgeordnete, ja die betreffenden Minister, beziehungsweise ihre Räte, dieBerechtigung einer solchen Forderung anerkannt, bei der Besoldungsfrage durch Anrechnung der Dienstzeit an jüdischen Gemeindereligionsschulen, bei der Unterstützungsfrage durch Gewährung der 40 000 Mark. Allerdings kann nach dem klaren Wortlaut der bestehenden Gesetze augenblicklich im Rahmen des Staatshaushaltes leider der Petition keine'Folge gegeben werden. Allein das hat selbst unser jüdischer Abgeordneter Geheimrat Cassel, den man sicher keine Voreingenommenheit und keine besondere Zuneigung für die Konservativen nachsagen kann in offener Sitzung des Abgeordnetenhauses dankbar anerkannt, daß die konservative Partei bei diesen Beratungen durchweg das größte Wohlwollen gezeigt hat. Deswegen brauchen die ostmärkischen Juden noch lange nicht in das konservative Lager überzugehen und das werden sie auch nie tun, über unter solchen politischen Verhältnissen, wie sie in der Ostmark herrschen, wo nicht Parteigegensätze, sondern nationale Kämpfe zum Austrage kommen, wo wir Juden uns nicht den Luxus mehrerer Parteien bei den politischen und kommunalen Wahlen leisten können, sondern nur zu wählen haben: Hie Deutsch, hie Polnisch, da müssen wir mit gebundener Marschroute unseren Weg gehen. Nur Doktrinäre oder solche, welche die hiesigen Verhältnisse nicht kennen, werden uns aus unserem Verhalten einen Vorwurf machen. „Dies ward schon oft gesprochen, doch spricht rnan^s nie zu oft." Trotz dieser unanfechtbaren Stellung der jüdischen Ostmärker gibt es leider selbst hier noch Glaubensgenossen, die jede offene Stellungnahme fürchten, ja sich sogar nicht scheuen, öffentlich von ihren Glaubensg'enoffen abzurücken, sobald einer von ihnen den Mut hat, den konservativen Kandidaten. zu fragen: Wie stehst du zur Jüdenfrage? Unglaublich, aber