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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Änsiedlungsrayön geschaffen (bie Reglements v'öm 3. Mai'k882)^). erscheinen Hunderte' von grieöhischen Bootsleuten Und' MiNtzenk > die und-so eine ganze Reihe -Beschränkungsgesetze veröffentlicht. Gleich einem roten Faden - zieht durch alle diese Maßnahmen -gegen die - Juden eine/ Thesis nämlich diejenigedaß die. Juden keine Glieder des russischen Staates,-und daß sie bloß geduldet sind, solange es der Obrigkeit gefällt.' In vollkommener Uebereinstimmung mit diesem gesetzgeberischen System befindet sich auch die Methode; der Anwendung der Gesetzgebung der jüdischen Bevölkerung gegenüber. Alle Beschränkungen kommentiert die Administration in erweitertem Sinne, und alle Beschränkungen wurden die Quelle kolossaler Einkünfte für die Polizei. Was Wunder, daß im Ansiedlungsrayon : derjenige Beamte als ein guter betrachtet wird, der Bestechung nimmt, denn ohne diese wäre es unmöglich zu existieren. Die Politik unserer Regierung hinsichtlich der Jud^n ist eine Politik der Feindseligkeit und des Menschenhasses. Von der gegenwärtigen Regierung erwarten die Juden nichts. Sie wissen sehr gut. daß die jüdische Gleichberechtigung zusammen mit der russischen Freiheit kommen wird; der Tag des Sieges des Rechtes für Rußland wird auch der Tag des Sieges für die Juden sein! ■•Sn Wie aus verläßlicher Quelle verlautet,- nimmt der Religion stampf in Palästina bedrohliche Formen an. Dazu, kommt die Revolution in Konftantinopel, die natürlich 'auch die Juden bedroht. Die Pforte erfuhr, daß auf Unstiften einer fremden Macht zahlreiche osmanische Griechen unter dem Vorwand einer Wallfahrt über Behrut nach Jerusalem pilgern wollen, üm dort Uriruhen hervorzurufen und eine europäische Einmischurlg zu provozieren. Die Pforte beauftragte den Vali von Beyrut, vertraulich über die Anstifter der Bewegung zu berichten, jedenfalls aber mit allen Mitteln unauffällig die Weiterreise verdächtiger Pilger nach Jerusalem zu verhindern. Ein Gegenstück hierzu bildet eine an die Pforte gelangte Meldung, derzufolge sich in Jerusalem eine revolutionäre Organisation gebildet habe, um eine arabische Nationälbewegung hervorzurufen. Eine ähnliche Partikularistenbewegung macht sich auch in Albanien geltend,^, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die jüngsten Palastrevolten arabischer und albanesischer Garden Folgen der heimatlichen Empörung gegen den türkischen Zentralismus sind. Auch die Massenversammlungen in und vor der. Aja Sofia, bei denen zahlreiche Geistliche aussührten, das Scheriatsrecht des Islams sei durch Neuerungen bedroht, gilt als Vorbote der islamitischen Bewegung. Leider richtet sich diese Bewegung auch gegen die Juden in der Türkei, wie aus verschiedenen bedrohlichen Anzeichen hervorgeht. Im Anschluß hieran dürftet! die folgenden Mitteilungen unseres geschätzten I^.l'.-Mitarbeiters sicher von Jntereffe sein: Die Zeitung ^Kiewer Gedanke" (, Kiewskaja Myslj“) bringt aus Konstantinopel folgende Mitteilung: „Schon im vorigen Jahre begannen die griechischen Kaufleute im Saloniker Vilajet eine antisemitische Propaganda zu führen. Auf der ganzen Linie von Monastir predigten die griechischen Agitatoren der Bevölkerung, bei den Juden nicht zu kaufen und denselben nicht zu verkaufen, und mit ihnen überhaupt nicht in irgendwelche Verbindung zu treten. In manchen Orten kamen sogar Fälle von Bedrohungen vor. In den Städten stellten die Banken und Kaufleute ein Ultimatum ihren Klienten: Mit uns oder mit den Juden? Seit diesem Jahre wurde diese Propaganda planmäßiger und systematischer. - Den jüdischen Klienten wurde jeder Weg abgeschnitten; die Bevölkerung in den mazedonischen Vilajeten ist in erzantisemitischem Geiste verhetzt worden. In der letzten Zeit wurden die Juden systematisch aus dem Gebiete der Arbeit hinausgedrängt. Wie auf den Wink eines Zauberstabes h Der Schöpfer derselben war der bekannte Graf Nikolai Paw° lowitsch Jgnatjew. Die „famosen" Reglements sind unter dem Namen „ pro vi s o rif che" bezeichnet. Seit - der Existenz derselben sind nicht mehr- und nicht weniger-als 27 Jahre-verflössen. - - 7 Kaüfleüte, sie? und nicht die Juden zu nehmen; unbemerkt tvachsen Arbeitergenossenfchäften von Fuhrleuten hervor,- > mit Kredit und Unterstützung von -oben versehen. - Die. Juden waren fast aus allen Positionen herausdrängt.- Erregt und in ihrer Existenz bedroht, begann die jüdische Bevölkerung sich zum. Selbstschutz > zu vereinigen. In diesem.Moment ist dieses Vilajet von einem charakteristischen „Rassenkampf" — einem Kampf des Beutels, der wichtigsten Interessen ergriffen. Die Juden, bei einem konstitutionellen Regime, häben alle Möglichkeiten zur Gegenwehr. Das erste, was sie taten, war, einen entgegenkommenden Boykott zu verkündigen: die Herausnahme der Einlagen aus den griechischen Banken, die Verweigerung von Krediten an Griechen und . dergleichen mehr. Den Beschluß, eine eigene Bank zu gründen, fassend, wandten sie sich an die' zionistische' Bank in London um Unterstützung. Gleichzeitig damit, vereinigten sich die jüdischen arbeitenden Klassen zu einer Nätionalorganisation) um die griechischen Aeberfälle zurückzuweisen." — Soweit die Kiewer Zeitung: Soviel wir wissen, find die Türken nicht nur keine Antisemiten,-sondern gerade im Gegenteil — Judenfreunde. Mit den Griechen aber herhält es sich ganz anders. Sie sind — zum großenteils wenigstens —- grimmige Judenfeinde. In Odessa z. B., wo es eine sehr) große jüdische Bevölkerung und auch sehr viele Griechen gibt, herrschte vor ungefähr 40 Jahren ein großer Antigonismus Unter diesen 'Nationalitäten und namentlich auf dem Gebiete des Handels.-' Seit der Begründung der Stadt, unter der großen Käthrma, — im Jahre 1794 — also.feit mehr als einem Jahrhundert, war lange Jahre hindurch der Handel fast ausschließlich in den Händen der Söhne Hellas. Als aber die Juden in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in großen.-Massen sich in der blühenden Hafenstadt, an den Gestaden des Schwarzen Meeres ansiedelten, und in den nächsten Jahrzehnten denselben Konkurrenz im Import sowohl, als im Exportgeschäft zu machen begannen, da wurden die Griechen grimmige Antisemiten — und sind es bis heute geblieben. . - - - ----- -- Aus der Lrrlmrr GrmeinÄr. on angesehener Seite wird uns geschrieben: Nachdem in der Stadtverwaltung Berlins lange Zeit mit der Schulspeisung armer Kinder Versuche gemacht worden find, ist diese segensreiche Einrichtung jetzt zu einer dauernden geworden. Da habe ich es wieder lebhaft bedauert, daß unsere Rabbiner so wenig Einfluß auf die Verwaltung der jüdischen Gemeinde Berlins haben, denn sonst wären sie gewiß dafür eingetreten, daß auch den jüdischen Kindern, denen zu Hause nur trockenes Brot gereicht werden kann, von seiten der Gemeindeverwaltung ein warmes Mittagbrot zuteil wird. Gerade in der ärmeren Bevölkerung unserer Gemeinde werden die Speisegesetze noch gehalten, gerade hier gibt es noch Eltern, die das Hungern dem Bruch mit der Vergangenheit und seinen Institutionen vorziehen, und da glaube ich, erwächst der Gemeindeverwaltung eine Pflicht, der sie sich nicht wird entziehen können. Da eigene Speiseanstalten der Gemeinde hierfür leider nicht existieren) sollte ein Anschluß an die Kinderheime gesucht werden, die in den verschiedenen Stadtteilen Vorhänden sind und gern diese Pflicht übernehmen werden, wenn die Gemeinde die Kosten trägt. So wichtig ist diese Angelegenheit, daß ich bestimmt-geglaubt habe, unsere Rabbinerwürden den sozialen Forderungen der Bibel folgend, hierfür eintreten, aber es fehlt ihrer Stellung leider jene Höhe, die dem Stande entsprechen würde; es fehlt ihnen und dev jüdischen Gemeinde Berlins die seelsorgerische Tätigkeit überhMtzL, Es ist keine angenehme Pflicht für ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, bei einem Vergleich mit der Stellung, welche die Geistlichen der Andersgläubigen einnehmen, konstatieren zu müffen,- daß der Einfluß und die Wertung dort eine

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