Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1909)
- Date
- 1909-04-23
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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'L öffentlichen Mittelschulen nicht strenge innegehqlten. .4Mav> nahm in' den Gymnasien und in den Handelsschulen jüdische Schüler auch über die festgesetzte prozentuale Norm aus. -Mit dieser' „Milde" chab nunmehr die Schulverwaltung gebrachen. Me Fratze ist jetzt;^wohinmitd er männlichen jüdischen Jugend?, -Jri^deN^ größeren. Städten Polens wollten die- Juden aus ' eigenen Mitteln Schulen errichten. In RuUand ist dies mit -Schwierigkeiten verbunden, aber doch immerhin erreichbar. In Polen hingegen werden die Versuche durch die leidige Sprachenfrage gestört. Die Polen haben, um" ihre Kinder nicht in die russischen Schulen schicken zu müssen, Privatlehranstalten mit - -polnischer. Unterrichtssprache errichtet. Pis jetzt herrschte, die Praxisdaß auch in diesen Schulen die Zahl der jüdischen Schüler beschränkt sein müsse.- Wollten die Juden eigene Schulen eröffnen, so meinte die Regierung, die Juden seien keine Polen- und dürfen die polnische Unterrichtssprache nicht einführen. Gegen die Errichtung jüdischer Schulen mit russischer Unterrichtssprache auf polnischem Boden lehnen sich die 'Polen mit aller Macht auf und drohen mit Mord und Totschlag. Die Juden befinden sich so recht zwischen Hammer und Amboß. Da nun vorauszusehen ist,daßfürdienächsteZeitausRussisch- Polen unter leider zu ungünstigen Umständen eine Massenemigration einsetzen wird — zum Teil hat sie bereits begonnen, so wäre es sehr zu wünschen, daß sich die. großen jüdischen Organisationen rechtzeitig der Sache annähmen. Die Emigration muß wenigstens durch Errichtung von Auskunftsbureaus geregelt und nach Möglichkeit in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Sonst kann dies zu großen Unzuträglichkeiten öder sogar zu einer Katastrophe führen. Es hat schon Zeiten gegeben, wo die jüdischen Auswanderer als Frachtgut hin und her geschickt wurden. Solches darf sich nicht mehr wiederholen. Eingehendes Studium der Verhältnisse an Ort und Stelle und rechtzeitiges zweckmäßiges Eingreifen tut deshalb dringend not.; ' i Dir Wochk Berlin, 21. April, o dankenswert der im vorigen Jahre ergangene k riegsministerielle Erlaß auch sein mag, wonach Zurücksetzungen in der Beförderung aus konfessionellen Motiven nicht statthaft sind, so stehen , seiner praktischen Verwirklichung, wie es scheint, nicht nur die traditionelle antisemitische Strömung in den Offizierkorps, sondern auch eine unglücklich gewählte Fassung in der noch immer in Geltung befindlichen Kabinettsortzer vom 29. März 1890 entgegen, welche die Vorschriften für' die Ergänzung der aktiven Offiziere enthalten. In dieser Kabinettsorder, auf die sich Generalmajor z. D. v. Ditfurth auch jetzt wieder in einem Artikel der „Tägl. Rundschau" Beruft^ welcher dem Nachweis dienen soll, daß eine Bevorzugung des Adels nicht stattfindet, heißt es nämlich: „Die Heranziehung eines ausreichenden und geeigneten Offizierersatzes ist eine ernste Pflicht der Truppenkommandeure. Die Fahnenjunker, müssen aus Kreisen genommen werden, in denen der Adel der. Gesinnung zu Hause ist, der das Öffizierkorps zu allen Zeiten beseelt hat. Neben den Sprossen der adligen Geschlechter, neben den Söhnen Meiner braven Offiziere und Beamten erblicke Ich die Träger der Zukunft Meines Heeres auch in den Söhnen solcher ehrenwerter .bürgerlicher Häuser, in denen die Liebe zu König und Vaterland, ein.warmes Herz für den Soldatenstand und christliche Gesittung gepflegt werden. J.. . Ich werde die Kommandeure wesentlich danach beurteilen,. ob es ihnen gelingt, einen geeigneten und ausreichenden Nachwuchs heranzuziehen." .- - Nach hiessn Grindsätzen, die ursprünglich für den Ersatz - der aktiven Offiziere bestimmt waren, wird aber auch, vom den' Landwehroffizierkorps,. die, an „Korrektheit" keineswegs.' hinter den aktiven Öffizierkorps. zurückstehen wollen-Pei den Wahlen der Reserveoffiziere verfahren. Die Bedingung des Vorhandenseins einer „christlichen Gesittung" —übrigens eine sehr^änfechtbare4 und wandelbare Terminologie — bietet, ihnen den erwünschten Vorwand .zur Ablehnung. Ehe nicht diese zu willkürlicher Interpretation geradezu herausfordernde' Kabinettsorder sinn- < gemäß revidiert ist,, werden die widerspenstigen Offizierkorps immer eine bequeme Ausflucht für die Ablehnung jüdischer , Offiziersaspiranten haben. Der Minister sollte also zunächst allen seinen Einfluß nach der Richtung geltend machendaß der im Vorjahre ergangene Erlaß nicht durch ^eine noch in Geltung befindliche, zu Mißverständnissen anreizende Kabinettsorder illusorisch gemacht wird. * Dem Reichstage gehen im Laufe der Zeit eine ganz er- ' hebliche Menge von Petitionen zu. Die meisten sind gut begründeten d liefern brauchbares Material für die Regierungen und die Beratungen der verschiedenen Kommissionen. Andere wieder sind gänzlich unverständlich oder werfen auf die Gemütsverfassung ihrer Urheber ein seltsames, nicht eben günstiMs-. Licht. Da tritt ein edler Pole Sylvester Wyssogota v. Zatz^ zewski aus Bromberg mit der dringenden Bitte an den hohem Reichstag heran, doch für die Verbreitung von — Houston Stuart Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" zu sorgen. Sollte der polnische Edelmann etwa zu Chamberlains Verleger pekuniäre Beziehungen haben? Dann wäre sein Wunsch verständlich. Man kann neugierig sein, ob die Rassenfexe im Reichstage, besonders die mongolischen, sich für die Petition ins Zeug legen werden. . Aber in Geldsachen hört ja bei den Antisemiten noch viel früher als bei anderen Menschen ' die Gemütlichkeit auf. Man würde dem Raffen-Bruder Chamberlain den geschäftlichen Vorteil nicht gönnen. Und dann haben ja die Herren. meist selbst noch verschiedene „Produkte" in staubigen Ecken lagern, „Lieder ans deutsche Volk" und was dergleichen Scherze mehr sind. — Weiter tritt noch ein Charlottenburger mit dem schönen Namen Pieske an das Parlament mit dem Wunsche heran, es möge die Gründung einer „judensreien Presse" bewirken. Herr Pieske ist also mit den jetzt „wirkenden" antisemitischen Preßorganen derart unzufrieden, daß er den Reichstag mobil machen will, um für sie Ersatz zu schaffen. Das-ist kein schönes Urteil eines Antisemiten über die antisemitische'Tagesliteratur. . - .. . ■. * In der sechzigsten Sitzung des russischen Parlaments hielt der Deputierte Fried mann, der äußerst selten spricht, folgende kurze, aber ungemein inhaltreiche und sehr interessante Rede: „Die Politik des Ministeriums des Innern, oder was dasselbe ist —die Negierung in der jüdischen Frage, ist der beste Barometer des allgemein politischen Kurses. Wenn man der jüdischen Bevölkerung eine besondere Aufmerksamkeit zuwendet, so bedeutet dieses, daß die wesentlichen Bedürfnisse des Landes ohne Beachtung bleiben; wenn , aber die Regierung fordert, daß die. Gesetze hinsichtlich der Juden in Anwendung gebracht werden sollen, so heißt es, daß im Lande die vollkommenste Gesetzlosigkeit herrscht. ' Im Gegenteil, in jenen seltenen Jahren, als die Regierung fortschrittlich war, ließ man die Juden entweder gänzlich in Ruhe oder man offenbarte sogar einige Sorge für dieselben. Nehmen wir zum Beispiel die Epoche der großen Reformen des Kaisers Alexander II. und die Epoche der 80 er Jahre. In der ersten Epoche wurden Maßregeln ergriffen, den Anschluß der Juden an die allgemeine russische Bürgerschaft zu fördern, und in der zweiten wurde ein Ansiedlungsrahon im ffelben