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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-23 · Heft 17 (23.4.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73., Jahrgang;. , Kr. 17. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenrents-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philixpson. VerlSLS-kxxeWim: Berlin, Jßrusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Dir Juden in Kullllch-Kvirn. Berlin, 21. April. eit der Niederwerfung der Revolution ' im russischen Reiche hat sich die wirtschaftliche Lage der Juden in den Polnischen Landesteilen besonders verschlechtert; sie ist jetzt geradezu trostlos geworden. Außer der wirtschaftlichen Krise, die gegenwärtig in ganz Rußland zu spüren ist, haben die Juden in Polen auch sehr stark von dem zunehmenden Judenhaß zu leiden. Die polnische Gesellschaft sucht, seitdem ihre Hoffnung auf eine weitgehende politische Autonomie sich als trügerisch erwiesen hat, ihr Mütchen an den Juden zu kühlen, obwohl sie doch ganz gut weiß, daß die Juden gerade durch ihre Teilnahmean den politischen Bestrebungen der Polen den Haß der russischen Bureaukratie auf sich gelenkt haben. Es ist wahr, die Pogrome, welche in Rußland in den Jahren 1903—06 gegen die Juden veranstaltet worden sind, haben in Russisch-Polen keine Nachahmung gefunden. Denn selbst der Pogrom in Siedler im Spätsommer des Jahres 1906 ist nicht von der heimischen polnischen Bevölkerung, sondern von dem russischen Militär in Szene gesetzt worden. Mit^ solchen Ausschreitungen haben die Polen bloß gelegentlich gedroht, als die Juden anläßlich der Wahlen zur Reichsduma einen Anteil an den Mandaten beanspruchten, aber zu Tätlichkeiten ist es doch nicht gekommen. Jndeffen ahmen jetzt die Polen in Rußland die Maßregeln ihrer Volksgenossen in Galizien getreulich nach; sie haben einen permanenten wirtschaftlichen Pogrom gegen die Juden eingerichtet. Mit einer wilden Energie, die einer besseren Sache würdig wäre, suchen sie den Juden jede Nahrungsquelle zu verstopfen, jeden Weg zu einer wirtschaftlichen Existenz zu verlegen. Es ist selbstverständlich, daß jüdische Handwerker und Gewerbetreibende von der Teilnahme an öffentlichen Kreditanstalten. völlig ausgeschlossen sind. Aber auch der Versuch der Juden, ihre wirtschaftlichen Kräfte selbst zu organisieren und Institute zu gegenseitiger Hilfe zu errichten, erweist sich infolge des über sie verhängten Boykotts als zwecklos. Denn die Polen haben nach den Mustern in Galizien über das ganze Land ein Netz von nationalen Konsumvereinen und kleinen Handelsgeschäften gespannt. Der katholische Klerus wirkt unter der'Bevölkerung agitatorisch dafür, daß bei keinem jüdischen Handwerker etwas bestellt und bei keinem jüdischen Kaufmann etwas gekauft werde. In den Fabriken,. selbst in solchen, die jüdischen Kapitalisten gehören, dulden die polnischen Arbeiter keine jüdischen Kollegen. In den kleineren Ortschaften haben sich die Dinge so bösartig gestaltet, daß, die jüdische Bevölkerung den Kampf, die Gegenwehr gegen die ihnen - drohende wirtschaftliche Vernichtungals aussichtslos! aufgegeben hat. Die Juden suchen zunächst Hilfe durch eine massenhafte Abwanderung nach den größeren Städten mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung. , Aber es ist selbstverständlich, daß damit niemandem geholfen wird. Es heißt dies nur, das Elend von Ort zu Ort - spazieren führen. Als radikales Mittel wird die Massenauswanderung nach überseeischen Ländern bezeichnet. Eine solche hat. auch bereits begonnen, und für den nächsten Frühling wird sie in großen Dimensionen erwartet. Allerdings haben die Juden in Polen den Zeitpunkt für eine Emigration so schlecht wie möglich gewählt. In England wird jetzt das Gesetz gegen die Fremdeneinwanderung sehr streng gelandhabt, und in Amerika herrscht noch immer eine schwere wirtschaftliche Krisis, unter der die dortige Arbeiterbevölkerung empfindlich leidet. Von jenseits des Ozeans kommen abratende Warnungen vor einer Emigration im großen Stile. Die neuen Ankömmlinge können auch auf nur halbwegs lohnende Arbeitsgelegenheit nicht rechnen; sie würden die ohnedies sehr reduzierten Löhne noch mehr drücken. Aber so vernünftig auch diese Warnungen sein mögen, scheinen sie doch ihren Zweck zu verfehlen, weil ein großer Teil der Juden in Polen, in der Heimat nichts mehr bleiben kann. Man hört da allgemein die Meinung äußern, daß die boykottierten Juden in Polen, wenn sie nicht zum Wanderstab greifen, mit Bestimmtheit dem wirtschaftlichen Untergang, dem sicheren Hungertode verfallen seien. Leute, die noch einige Mittel zur Auswanderung besitzen, befürchten mit Recht, daß sie, wenn sie noch länger warten, diese Mittel allmählich verbrauchen würden. Dann wären sie in der traurigsten Weise an die Scholle gebunden. - Was ist da zu tun? Gegen den latenten Judenhaß, der sich auf dem wirtschaftlichen Gebiete so empfindlich bemerkbar macht, ist nicht anzukämpfen. Es ist bereits bemerkt worden, daß die Organisierung der eigenen wirtschaftlichen Kräfte der Juden, die Unterstützung durch Verbefferung der Kreditverhältnisse, keinen Erfolg verspricht. Denn alle Produktion hat keinen Zweck, wenn der Konsument ausbleibt. Auch die Fabrikarbeit für das innere Rußland, welche früher ziemlich lohnend war, 'hat jetzt fast völlig aufgehört. Die Polen steuern auch rücksichtslos auf das Ziel hin, einen Teil der Juden zur Auswanderung zu zwingen. Und die russische Regierung, weit davon entfernt, die Juden gegen diese wirtschaftliche Verfolgung zu schützen, fördert sie noch. Sie trägt auch das ihrige reichlich dazu bei, den Juden, den Aufenthalt im Lande so gründlich als möglich zu verleiden. - Das besorgt sie ihrerseits durch die bekannte und „bewährte." Schulpolitik.; Während der revolutionären Bewegung wurden die' Beschränkungen bezüglich der Zulassung jüdischer Schüler in den

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