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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-16 · Heft 16 (16.4.1909) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
Seite 192 (sequence 12)
Language
German
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Herr Abraham drehte sich plötzlich um, und an seinem Gesichtsausdruck, der ein ganz anderer war als zuvor, sah die Großmutter, daß sie ihn besiegt hatte. >• „Ich will aus Ihre Bitte hin von einer Anzeige Abstand nehmen, Frau Kahnheim," sagte er milde. „Ihnen mag der Junge es ,danken, daß er diesmal mit einem blauen Auge davonkommt, und Ihr Eivfluß wird hoffentlich dafür sorgen, daß sein Fehltritt, wie Sie es zu nennen belieben, sein einziger bleibt. Seinetwegen und Ihretwegen wünsche ich es; denn in meinem Geschäft kann ich ihn nicht mehr behalten. Wenn ich auch die Sache vor dem Personal als ein Mißverständnis, einen Irrtum hinstelle, und ich verspreche Ihnen, das. zu tun, — Silberstein, der mein ganzes Vertrauen besitzt, ist der einzig Eingeweihte und absolut verschwiegen — so bleibt der Verdacht doch jedenfalls auf dem jungen Kahnheim, schon seines unklugen Davonlaufens wegen, haften, und das wäre für ihn sowohl als die übrigen Angestellten nachteilig und schädlich." Sie sah das ein und mußte sich mit diesem Ergebnis bescheiden und zufrieden sein, soviel erreicht zu haben; trotzdem sie im geheimen gehofft hatte, daß man Ludwig im Geschäft behalten würde. „Weiß mein Sohn, Ludwigs Vater, von dem allen?" fragte sie noch besorgt. „Ich hielt es für meine Pflicht, ihm gestern abend noch zu schreiben, daß Geld aus der Kasse fehle und daß der Verdacht eines Diebstahls sich aus den Lehrling Kahnheim lenke; weiter nichts." Diese Nachricht. trieb die Großmutter eilends fort. Sie dankte Herrn Abraham vielmals für die Erfüllung ihrer Bitte, seine Schonung des Enkels, und verließ, von ihm respektvoll geleitet, das Geschäft. Hieß es doch jetzt so rasch wie möglich nach Hause fahren, ihrem Sohne, beffeu Begegnung mit Ludwig sie unendlich fürchtete, zuvorzukommen. ' Glücklicher-, weise liebte ersterer, wie sie wußte, das Frühaufstehen nicht- Nachts erst pflegte er aus seinem Stammlokal heimzukehren, und die mit der Morgenpost eingelaufenen Briefe lagerten in der Regel bis zu seinem sehr späten ersten Frühstück. Da konnte sie vielleicht doch noch, ehe er von Ludwigs Schuld erfuhr, bei diesem sein, ihn zu schützen. „War jemand hier?" war denn auch ihre atemlose Frage an die ihr öffnende Auswärterin. - „Kein Mensch, Frau Kahnheim." „Gott sei Dank!" seufzte sie innerlich, sehr erleichtert. „Schläft mein Enkel noch?" forschte sie weiter, laut. „Muß doch wohl; es hat sich wenigstens nichts drin bei ihm gerührt." Beruhigt ging sie in ihr Schlafzimmer. Aber noch hatte sie ihr Staatskleid nicht abgelegt, da erscholl schon das bekannte rücksichtslose Klingeln. In ihm verriet sich deutlich die gereizte Stimmung des Einlaßheischenden. (Schluß folgt.) Mulikslilche Literatur. — Hans Koessler: Kol nidre für eine Singstimme mit Klavierbegleitung. Kol nidre für eine Solostimme mit Begleitung eines gemischten Chores. Beide Bearbeitungen dienen dazu, die alte ehrwürdige Melodie im Konzertleben zu allgemeiner Geltung zu bringen und sind geschickt gesetzt. Die Chorbegleitung der zweiten Bearbeitung entspricht genau dem Klaviersatz der ersten, und es wird nur eine Frage der zur Ausführung zur Verfügung stehenden Mittel sein, zu welcher der beiden Bearbeitungen Reflektanten greifen sollen. Die Melodie präsentiert sich in der allgemein bekanntesten Weise; auch ist ihre Harmonisierung die zumeist übliche. Albert Kellermann: Hebräische.'Gesänge für Harmonium übertragen op, 54 und 55^ Verlag von Paul Koeppen, Berlin SW. 48. Einige, am Sabbat, den großen und kleinen jüdischen Festtagen gebräuchliche Melodien hat der Bearbeiter in geschickter Weise auch der Hausmusik durch seine Uebertragung für Harmonium zugängig gemacht und sich damit den Dank derer verdient, die diese einfachen, schlichten und rührenden Weisen auch in ihren Räumen für sich zur Erbauung genießen wollen; besonders erwähnenswert ist die genaue Registrierung, die allen/ denen das Harmonium kein so ganz geläufiges Instrument ist, das Spiel darauf bedeutend erleichtern wird. Weniger könnet! wir uns mit den im gleichen Verlage erschienenen Tranungsgesängen op. 37 und op. 46 von Albert Kellermann befreunden zwar weisen sie auch die Vorzüge einer durchwegs kunstgerechten Harmonisierung, Stimmführung, und Begleitung auf, sind aber in melodischer Hinsicht in etwas stark verwässertem Mendelssohnschen Stile gehalten, zeigen wenig originale Empfindung und können deshalb die in diesem Genre entschieden vorhandene Lücke, trotz ihrer Verwendbarkeit im allgemeinen, kaum äusfüllen. nr — M. Heule: a) eine deutsche Keduscha für gemischten Chor, Solo, Orgel Op. 14; b) Holoch wekoroso Op. 12, für Solo, gemischten Chor, Orgel; e) der 14. Psalm Op. 13, für gemischten Chor und Orgel. Verlag von Anton I. Benjamin, Hamburg. Op. 14 ist ein für den Gottesdienst entschieden verwendbares Merkchen. Die verschiedenen Stimmungen in der Keduscho sind treffend charakterisiert, wenn auch zuweilen die Gegensätze zu scharf herausgearbeitet sind und dann etwas ans dem Nahmen der Einheitlichkeit fallen, wie an der Stelle: „Ob der Tod uns bedroht, ob das Leben uns lacht". Melodik und Harmonisierung sind frisch und dabei doch der feierlichen, ernsten und großen Gesühlsweise der Heiligung angepäßt, namentlich in dem kleinen iugierten Teil: „wir nennen dich" und im Hallelnjah am Schluß. Der Autor scheint sich Haendels großartige Chortechnik zum Muster genommen zu haben; dies tritt sowohl in den größeren Chorstellen der Keduscho, als besonders in seinem Op. 13 dem 14. Psalm zutage, dessen Hauptthema ganz in Haendelscher Manier gehalten und mit großer wirksanler Steigerung durchgeführt ist;, nur bei den Worten: „da ward Juda sein Heiligtum" hat sich der Verfasser wohl zu einer dern Inhalt nicht ganz entsprechenden Umkehrung des Themas verleiten lassen. Auch der liturgische Gesang (Op. 12) zeigt das kontrapunktische Geschick des Komponisten, wenn es auch hier bei der würdevollen Einfachheit des Inhaltes besser bei einer etwas weniger polyphonen Stimmführung geblieben wäre, und eine homophonere Haltung des Ganzen angebrachter erschiene. Emanuel Kirsch ner: Synagogen-Gesänge, Heft II: Sabbat- Gesänge, Verlag von Josef Aibl, München. Die im Vornwrt ausgesprochene Absicht des Verfassers, auch dem reformierten jüdischen Gottesdienst die Eigentümlichkeiten des alten Ghasonus zu erhalten, die Gemeinde- und Ehorgesänge den altertümlichen Responsorien des Vorbeters entsprechend zu gestalten, muß im ganzen als trefflich durchgeführt betrachtet werden; in dem ganzen Hefte zeigen sich keine jener durchaus stilwidrigen modernen Chorsätze, an denen unsere heutigen gottesdienstlichen Gesänge häufig kranken. Joachim Kurantmann. The Hebrew national Hyran „Hüter. Israels", für eine Gesangstimme mit Klavierbegleitung, Verlag von A. Goldberg, New Aork. Die alte Melodie in ein flottes modernes Marschgewand gekleidet, das derselben wohl zu der vom Verfasser gewünschten Popularität verhelfen kann. David Rubin: Psalm 130 „Aus tiefer Not ruf' ich zu Dir", Selbstverlag des Komponisten. Psalm 121 „Ich hebe meine Augen zu den Bergen". Psalm 67 „Gott sei uns gnädig", für gemischten Chor Drei aus inniger Empfindung hervorgegangene melodisch, und harmonisch einfach und schlicht konzipierte Kompositionen, wie sie gerade jüdischer Gefühlsweise am besten entsprechen, und vom musikalisch - technischen Standpunkt nicht uninteressant und ein-' wandsfrei. Druck und Verlag vvn Nudalf Masse in Berlin. DeranlworUich für die Redaktion Max Dauckrwiv.in Berlin.

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