Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Könnte ich esjetzt mit dieser Verzweiflung im Herzen?" rief er unter erneutem Weinen. „So lege dem Ewigen Deine Seele' bloß, mein Kind!"; sagte sie feierlich. „Demütige Dich vor ihm, flehe ihn an um Vergebung Deiner Sünde, auf daß er Dir die Uebertretung . seines heiligen. Gebots um Deiner schwachen reuigen Menschlichkeit willen in seiner großen Güte und Barmherzigkeit nicht anrechne. Und dann versuche zu schlafen; denn morgen ist noch ein schwerer Tag für uns. Ichgehe hin, um mir auch Rat und Trost bei ihm zu holen; vielleicht daß er mir eingibt, wie ich Dir helfen kann.,, , * Sie küßte ihren Enkel, deckte ihn warm und ging ins Wohnzimmer zurück, um länger, inniger noch als sonst bei ihrem Gebetbuch zu verweilen. Noch einmal, ehe sie sich selbst niederlegte, leuchtete sie behutsam zu Ludwig hinein. Er schlief jetzt tief und fest. Aber der Ausdruck des jungen Gesichts war verstört und gramvoll und die Wimpern glänzten eucht von Tränen. Nein, sie hatte keine Anklage für ihn, nur Liebe und heißes Mitleid. Zeitig am anderen Morgen stand sie auf; denn über Nacht hatte sie ihren Entschluß gefaßt. Leicht war er ihr nicht geworden. Sie war im Grunde eine schüchterne Natur und, in jahrelanger Abgeschiedenheit nur für sich und ihren Enkel lebend, des Verkehrs mit der Außenwelt entwöhnt. Aber was hätte sie, Ludwig zuliebe nicht Schwereres noch getan! — Vor acht Uhr schon war sie fix und fertig zum Ausgehen angezogen. Ungeduldig schaute sie nach ihrer Aufwärterin aus, die' für einige Vormittagstunden täglich kam, und die sie erst hereinlassen mußte, - bevor sie die Wohnung verließ. Endlich langte die Frau an. Die alte Dame befahl ihr, ihren Enkel, der unwohl sei, nicht zu stören und machte sich dann auf den Weg nach dem Geschäft von M. S. Abraham. Das Herz klopfte ihr sehr, als man sie in dessen Privatkontor führte. Herr Abraham, ein großer, starker Mann mit energischen Zügen und gemessenen Bewegungen, erhob sich artig, aber er staunt bei ihrem Eintritt; denn Damen waren hier ein seltener Besuch. „Sie wünschen?" „Herr Abraham", begann die alte Frau zaghaft, „ich komme in einer sehr peinlichen Angelegenheit zu Ihnen. Mein Enkel, Ludwig Kahnheim, hat sich vorgestern, in Abwesenheit Ihres Kassierers, verleiten lassen, ein Zwanzigmarkstück aus dessen Pult zu entwenden. Er hat mir unter heißen Reuetränen die ihm selbst unbegreifliche Verirrung gebeichtet, bittet Sie durch mich herzlich um Vergebung und sendet hiermit das Geld zurück. Die Qualen, die er durch-Angst und Reue erduldet, sind ihm eine harte Strafe gewesen und werden ihn für immer vor ähnlicher Versuchung bewahren. Das glaube ich Ihnen versichern zu können!" Dabei hatte sie mit bebender Hand ein Goldstück aus ihrem altmodischen Beutelchen genommen und es auf den Schreibtisch, neben dem sie saß, gelegt. Sowie der Name des Jungen genannt worden, war die bisher verbindliche Haltung und Miene des Chefs strenger ZurückhaltungItzewichen. . : - „So leicht läßt rsich ein derartiges Vergehen denn doch nicht wieder gut machen, werte Frau!" versetzte er scharf. „Ihr Enkel wird für seinen Diebstahl — oder vielmehr Einbruch, da er in einen verschlossenen Behälter drang — einen ernsten Denkzettel erhalten und empfindlich büßen. müssen. Als bei der gestrigen Kassenrevision, nach Geschästsschluß, sich der Fehlbetrag ergab, siel der Verdacht sofort auf Kahnheim, der vorgestern morgen mit Silberstein im Kontor allein anwesend und seitdem verschwunden war. Ich habe, da es gestern Abend bereits zu spät, nach der Polizei nicht mehr schicken können. Heute werde ich ihn aber unweigerlich zur Anzeige bringen, schon als abschreckendes Beispiel für bie anderen!" > Der alten Dame stand das Herz still vor Schrecken; aber nur einen Augenblick. Dann gab ihr die drohende Gefahr für ihren Liebling einen ungeahnten Heldenmut. „Das wollen Sie tun, Herr Abraham?" rief sie, sich erhebend mit leidenschaftlicher Entrüstung. „Ein unglückliches sonst rechtschaffenes und frommes Kind, einen Ihrer Glaubens" genossen, wollen Sie, weil er der Versuchung eines Augenblicks erlag, vor Gericht bringen und ihm damit fürs ganze Leben das Brandmal der Schande aufdrücken?" „Gefühlsduselei ist bei solchen Dingen unter uns Geschäftsleuten nicht Mode, werte Frau. Einbruch bleibt Einbruch!" erwiderte er kalt. „Meinen Sie, daß er in dem verwirrenden Moment der Tat der Ueberlegung fähig war, ob er einen Diebstahl oder einen Einbruch beging?" entgegnete sie bitter. „Wissen Sie denn nicht, daß. fast in jedem Kinde in gewissen Jahren ein krankhafter Hang zum Stehlen liegt, der bei sonst normaler Veranlagung und vernünftiger Behandlung sich bald von selbst wieder verliert? Viele junge charakterschwache Leute, die einst ähnliches begingen, sind durch die weise Nachsicht, Humanität und richtige Erkenntnis ihrer Eltern, Erzieher oder Lehrherren vor der Schande gerettet und heute zu geachteten nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft geworden, dankbar derer denkend, die sie vor dem entehrenden Gefängnis, einem schmachvollen Leben bewahrten! Und viele andere dagegen sind bei ihrem ersten Vergehen, durch verständnislose 'Härte und unüberlegte hitzige Anzeige, im Gefängnis erst, in der grauenhaften Umgebung alten erfahrenen, ihre Jugend vergiftenden Lasters, zu wirklichen Verbrechern und ewig Verlorenen geworden! Und so wollen Sie auch handeln? Wollen grausam dieses Kind, das ich, die es großgezogen, als brav und gottesfürchtig schildern darf, bei seinem ersten, heiß bereuten Fehltritt ohneweiteres öffentlich bestrafen und in diese entsetzliche Schule von Verbrechern bringen lassen, damit es moralisch und physisch für immer zugrunde gehe? In welches jungen Menschen Seele hätte nicht einmal die Versuchung über das Recht gesiegt? Haben Sie selbst, mein Herr, in Ihrer Jugend nie gefehlt?" Herr Abraham hatte sich bei dieser kühnen Rede der vor Aufregung bebenden Großmutter Ludwigs abgewendet und spielte gedankenvoll mit einem auf dem Schreibtisch vor ihm liegenden Papiermesfer. Ihre letzten Worte besonders trafen ihn empfindlich. Längst begrabene. Erinnerungen lebten unter ihnen auf. Er, der weltgewandte, überlegene Mann wußte nicht gleich, was er der einfachen alten Frau erwidern sollte. Sie mißdeutete fein Schweigen und fuhr mit bewegter Stimme fort: - „Mein Enkel wartet in Todesangst zu Hause auf Ihr Urteil, Herr Abraham. Von ihm hängt sein ferneres Leben, seine Ehre ab. Ich flehe Sie an, seien Sie barmherzig! Machen Sie Ludwig, machen Sie mich alte Frau, die bereits mit einem Fuß im Grabe steht, für die wenigen Jahre ihres Lehens.nicht so unglücklich. Wie viel Schwereres muß der Ewige uns Menschen verzeihen, und Sie können den Fehltritt eines armen Knaben nicht vergeben,, wollen ein härterer Richter sein als Gott. .." Die zitternde alte Stimme brach. ■ :>