Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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fe €:;: , mit denen das religiöse Denken der Gegenwart kämpft, sind völlig anderer Art. Seitdem die Metaphysik ihren wissenschaftlichen Kredit verloren hat und ihre Subjektivität erwiesen ift,; . handelt es sich für uns nicht darum, die Glaubenslehren des Judentums mit den leitenden Gedanken eines geltenden philosophischen Systems zu identifizieren, also verschiedene: Lösungen derselben Aufgabe einander gleichzusetzen, sondern wir suchen die theoretischen Feststellungen der empirischem Einzelwissenschaften -bei der Konstruktion unserer religiösen ' Weltanschauung zu berücksichtigen, also die Lösungen verschiedener' Aufgaben zu einem Ganzen zu verbinden. Dabei wird nur der variable, nicht religiöse Bestandteil des Juden-, tums geändert, seine Eigenart bleibt unberührt, weil ja die. - Einzelwifienschaften Problemen nachgehen, die außerhalb der Welt des Glaubens liegen. DK r- W: ff: U i - M i-'- - fc'-- Ludwigs Mb Eine Erzählung von M. Herzberg. II.;; / L^estern morgen war^s," begann er stockend, „da befandich mich zufällig mit Herrn Silberstein, dem Kassierer, im Kontor allein. Ich war mit dem Registrieren des Kopierbuches beschäftigt, und er trug verschiedene Posten in das Kassabuch ein. Plötzlich wurde er abgerufen, und zwar so eilig, daß er, zum erstenmal, die Schlüssel der kleinen Kasse, vor der er gesessen, abzuziehn vergaß. .Großmutter, ich weiß nicht, was da über mich kam! Mit aller Macht, mit förmlicher Gewalt zog es meine Hände zu der Kasse hin! Mich packteeine blinde Gier, eine Stehlwut.'. Ich hatte nur einen Gedanken: Hin, ein Goldstück nehmen. Ich mußte es; es war ein innerer, unwiderstehlicher Zwangs der mich dazu trieb! Und ich tat es, Großmutter! Ich Unglücklicher tat es! . Blitzschnell schlich ich herzu, schloß aus und nahm ein, Zwanzigmarkstück heraus, schob das Fach wieder hinein und eilte aus meinen Platz zurück. Kaum aber war das geschehen., da erwachte ich aus meinem bösen Rausche. Ich kam zum Bewußtsein meiner Tat und fühlte die heftigste Reue. Im Augenblicke aber, wo ich aufstand, um das Geld wieder in die Kasse zu legen, trat Herr Silberstein herein und der Weg, mein Unrecht gut zu machen, wurde mir abgeschnitten. Was sollte ich tun, Großmutter? Ich wagte ja nichts meinen Diebstahl einzugestehen; dazu fehlte mir aller Mut! Ach, Großmutter, von Stunde an habe ich furchtbare Qualen erduldet. Meine Schuld brannte mir auf dem Gewissen und die Unmöglichkeit, sie wieder gut zu machen, erhöhte meine Pein. Dazu gesellte sich die gräßliche Angst vor der Entdeckung. Ich wußte ja, vielleicht am Abend bereits, spätestens aber in einigen Lägen mußte mein Verbrechen entdeckt werden, und was würde dann mit mir geschehen? Mit der äußersten Anstrengung verbarg ich meine schreckliche Erregung bis endlich die Tischzeit kam. Nach Hause wagte ich nicht zu gehen. Ich hätte Dir nicht gegenübersitzen. Dir nicht antworten können, wenn Du mich, wie sonst, nach meiner Tätigkeit im Geschäft gefragt hättest. So lief ich planlos durch die Straßen, gejagt und verfolgtvon den Furien meines bösen Gewissens, meiner , nagenden" Reue. Bis zum Abend irrte ich so umher. Da traf mich ein neues Unglück, die erste Vergeltungsstrafe schon meines' Verbrechens. ' Auf einer Bank im Friedrichshain — ich weiß jetzt noch nicht, wie ich dorthin gelangte — schlief ich ein, den tiefen/ bleiernen Schlaf äußerster Erschöpfung. Die ganze Nacht mußte darüber vergangen sein; denn als ich, von einer rauhen Hand am Arme aufgerüttelt, fröstelnd erwachte/ waren die Laternen bereits verlöscht und die Morgendämmerung lag über dem Parke. Ein Schutzmannstand vor mir. - In meinem sinnlosen Schrecken war mein erster Impuls, mich loszureißen und davon zu laufen, so schnell mich meine Füße trugen; ich glaubte nicht anders, als daß er gekommen sei, mich meines Diebstahls wegen festzünehmen. Doch er beruhigte mich bald. - „Ich wollte fragen, ob Ihnen etwas fehlt? An Geld oder Wertsachen, meine ich. Bei meinem Nahen ergriffen nämlich zwei verdächtige Kerle, die hier bei Ihnen auf der. Dank gesessen, eiligst die Flucht. Leider habe ich sie nicht ernholeN können." Entsetzt griff ich in die Tasche.. . Das Goldstück war fort. Nun konnte ich es nicht mehr zurückerstatten, selbst wenn ich es gewollt hätte. Und ich wagte nicht einmal, dem Schutzmann den Verlust einzugestehen, aus Angst, dann mit zur Wache, meine Personalien angeben zu müssen. So leugnete ich denn und sagtet mir fehle nichts. „Na, dann hat mein Anblick die Fledderer rechtzeitig verjagt," bemerkte er. zufrieden. Sie sollen aber hier nicht schlafen, junger Mann! Haben Sie kein Obdach?" . Ich beeilte mich, ihm zu antworten,'daß das wohl der Fall fei, daß ich nur unversehens von der Müdigkeit hier übermannt wurde Und nun. schleunigst nach Hause wollte. Ich dankte ihm noch und wankte weiter. Sehnsüchtig verlangte ich nach Dir, teure Großmutter, nach dem Trost und Frieden Deiner Nähe, nach Aussprache, Erleichterung meines Herzens, doch wagte ich nicht heimzukehren. Du würdest mir ja nie, nie verzeihen, mir in meinem Unglück nicht helfen, mich vor.den Folgen meiner Tat nicht retten können! So bin ich denn wieder gewandertgewandert bis zum Abend, bis ich es nicht länger aushielt, von Dir getrennt zu sein, und fast zusammenbrechend vor Hunger, Elend und Müdigkeit, habe ich mich nach Hause geschleppt. Und wie ich wieder bei Dir war, Großmutter, da konnt^ ich nicht sprechen, da empfand ich erst den ganzen Umfang meiner unseligen Verirrung. Wie ich vor wenigen Tagen noch so glücklich, ein ehrlicher Mensch gewesen und heute ein, gemeiner Verbrecher. : „Ach, Großmutter, Großmutter! Diese Angst, diese Angst, die mich, verzehrt, und diese brennende Reue!" Er schluchzte herzbrechend. „Man wird mich holen, ins Gefängnis bringen! Die Schande, Großmutter, die Schande! Ach. Gott, sei barmherzig, laß mich sterben, laß mich sterben!" Der unglückliche Junge rief es verzweiftungsvoll! Er zitterte am ganzen Körper und die Zähne schlugen ihm wie im Fiebersrost aneinander. Der alten Frau schnitt sein- Jammer in die Seele. „Hör^ auf zu weinen, Ludwig," bat sie, trotzdem sie selbst Tränen in den Augen hatte. „Antworte mir vor Gott! Hast Du mir die reine Wahrheit gesagt?" „Ja, Großmutter!" „Das Goldstück ist Dir wirklich gestohlen. worden?" „Ja, Großmutter!" „Ich will Dir glauben; denn Du hast mich ja noch nie belogen."