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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-16 · Heft 16 (16.4.1909) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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Dieser Auffassung der Religion entspricht rn der Neuzeit der Standpunkt Schopenhauers und Hegels, die im Glauben eine Metaphysik, fürs Volk sehen. Was der Philosoph begrifflich erkennt und syftem-atisch begründet, lehrt die Religion in der Formensprache der Kunst, in Mythos und Symbol. Eine solche Identifizierung von Glauben und Wissen dürste heute kaum noch versucht werden. Erkenntnis der Wirklichkeit wird unserer Ueberzeugung gemäß nicht durch rein, logische Operation, sondern durch exakte Beobachtung gewonnen. Alle Wahrnehmung aber ist durch die Organisation unserer Sinne und Seele bedingt. Demzufolge hat Metaphysik, die die von uns unabhängige Beschaffenheit der Welt aufzeigen will, für uns nicht den Wert einer Wissenschaft. Daraus folgt, daß auch die Religion nicht wissenschaftliche Erkenntnis in unwissenschaftlicher Form bietet. Glaube und Wissen unterscheiden sich nicht nur der Form, sondern ihrem Wesen nach. Das ergibt sich schon aus der Verschiedenheit ihres Ursprungs. Alle Wissenschaft wurzelt im Denken, Religion entspringt dem Gefühl. Ebensowenig wie die Identifizierung, ist die völlige Trennung von Religion und Wissenschaft berechtigt, wie sie Simmel in feiner Untersuchung „Die Religion" vornimmt. Für ihn sind Kunst, Religion und Wiffenschaft drei voneinander unabhängige Gebiete. Sie repräsentieren verschiedene Darstellungsweisen der einen Wirklichkeit. Neben die verstandesmäßige Betrachtung des Forschers und die ästhetische des Künstlers tritt als gleichberechtigt die. religiöse, die ihren selbständigen Wert durch die Eigenart , des religiösen Gefühls erhält. Ihre Kreise berühren sich demnach an keinem Punkte. Ueb ersieht die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters den gefühlsmäßigen Charakter des Glaubens, so ignoriert Simmel die intellektuellen Bestandteile der Religion. Sie entsteht durch ein Erlebnis, das an die letzte Tiefe unseres Fühlens rührt', aber sie bleibt nicht Stimmung, sondern wird ein System von Lehren, die mehr sein wollen als der subjektive Ausdruck menschlicher Empfindung. Religiosität ist nur ein Teil der Religion. Glaubenssätze erheben den Anspruch auf Gültigkeit, Gott soll die absolut herrschende Macht in aller Wirklichkeit sein. Alle Kunst aber begnügt sich mit schönem Schein. Auch die ästhetische Betrachtungsweise der Welt nimmt die Naturerscheinung als Bild, genießt die Form und fragt nicht nach Ursache und Folge. Daraus beruht ja ihre befreiende Kraft, daß sie jenseits der Frage nach Wirklichkeit fragt. Für Wissenschaft und Religion hingegen ist gerade diese Frage die entscheidende. Alle Wiffenschaft will Wahrheit, also Wirklichkeit, und jede Religion lehrt Gottes Existenz und Wirken. Der Kausalbegriff, der der Kunst fehlt, ist ihnen gemeinsam. Daraus ergibt sich, daß sie in engerer Beziehung zueinander stehen als zur Kunst. Um so notwendiger aber ist es, sie zu unterscheiden. Einen Anhalt bietet die Differenz ihres Ursprungs. Der Verstand erfaßt Tatsachen, das Gefühl Worte. Damit sind die entscheidenden Begriffe gefunden. Gegenstand der Wiffenschaft ist alles Tatsächliche, die Wirklichkeit in ihrem vollen Umfang ohne Rücksicht auf ihren ästhetischen oder moralischen Wert. Das Schöne ist nur eine Erscheinung neben anderen und von gleichem Rang. Das Gebiet der Religion ist ausschließlich die Welt der Werte, das Schöne und Gute. Der Glaube begnügt sich indes nicht mit der Feststellung ihres Vorhandenseins, sondern fragt nach ihrer Stellung in der Wirklichkeit. Religion sagt niemals: es existiert Sittlichkeit, sondern Sittlichkeit ist das Höchste, dem sich alles andere dienend unterordnet. Die Welt ist das Werk eines absolut sittlichen Willens, die Moral das oberste Weltgesetz, Sinn und Bedeutung alles Vorhandenen. Sie gibt also eine Deutung der Wirklichkeit. Die Wissenschaft hingegen beschreibt alles Tatsächliche und fragt nach dem Gesetz, das das Werden und Vergehen der Erscheinungen erklärt. Sie hat die breitere Basis, die unbegrenzte Weite des Horizonts. Eine religiöse Weltanschauung ist in wenigen Sätzen zu fixieren; die Aufgabe der Forschung weist ins Unendliche, ihre Leistung ist niemals abgeschlossen. Aber eine Frage läßt sie notwendig offen, das Problem des Zweckes der Welt, des Ziels aller Bewegung. Die Metaphysik, die diese Frage wissenschaftlich zu lösen sucht, scheitert daran, daß sie eine Antwort, die nur das Gefühl geben kann,, auf dem Wege des Denkens zu finden glaubt. Der Sinn der Welt kann nur in einem Wert liegen. Was wertvoll ist, verrät aber nur das'Gefühl. Demnach ist das Verhältnis von Religion und Metaphysik so zu fassen: Metaphysik ist Religion für die Denkenden, in die Sprache des Verstandes gekleidetes Fühlen, also keine Wissenschaft. Soweit das Erkennen sich seiner Grenze bewußt bleibt, läßt es die Frage nach dem Sinn der Wirklichkeit offen. Demnach ergänzen sich Glaube und Wissen. Ihr Verhältnis ist' ein harmonisches. Das bedeutet nicht, daß sie sich inhaltlich decken, sondern sich miteinander vertragen. Die Wissenschaft kann die .religiöse Deutung der Welt, der Glaube die von der Wiffenschaft gefundenen Gesetze der Wirklichkeit anerkennen. Woraus aber erklärt sich der Kampf, den sie seit Jahrhunderten miteinander führen? Religion und Wissenschaft ergänzen einander, aber sie sind .nicht voneinander unabhängig. Wohl kann die Wissenschaft ohne den Glauben bestehen, aber nicht die Religion ohne die Resultate der Forschung. Sie will die Wirklichkeit deuten. Dann muß sie ein Bild der Wirklichkeit haben. Das theoretische Weltbild aber entwirft die Wissenschaft. So ist in jeder Religion neben dem Gedanklichen, das ihrem Wesen anhaftet. Wissenschaftliches enthalten. 'Damit ist die Möglichkeit des Kampfes zwischen Glauben und Wissen gegeben. Die religiösen Lehren verbinden sich mit theoretischen Gedanken. Die Forschung aber verändert das Weltbild und kämpft gegen den Glauben, der an ihren früheren Resultaten festhält, ihre Weiterbewegung hindern will. Die Orthodoxie übersieht dabei, daß es sich gar nicht um Fragen des Glaubens, sondern der Wissenschaft handelt, und daß sie die alte Wissen-, schaft gegen die neue ausspielt. Im Grunde ist also ihr Kampf überflüssig und tragikomisch, umsomehr, als die Religion ihre Aufgabe, die Deutung der Wirklichkeit zu geben, gar nicht erfüllen kann, wenn ihr Weltbild nicht als richtig und objektiv' anerkannt wird. Demnach besteht nicht nur die Möglichkeit, sondern die Pflicht, die überlieferten Lehren des Judentums mit den Resultaten der Forschung auszusöhnen. Eine Synthese zwischen Glauben und Wissen, wie sie der denkende Jude der Gegenwart erstrebt, hat die jüdische Religionsphilosophie zu allen Zeiten gesucht. Aber ihre Aufgabe war, genauer betrachtet, von der unserigen völlig verschieden. Die jüdische Religion fand sich einer philosophischen Weltanschauung gegenüber, die aus einer anderen Kultursphäre stammte und auf die Fragen des Glaubens ihre selbständigen und eigenartigen Antworten gab. Mit dieser fremden und differierenden Denkweise sollte die Weltanschauung des Judentums in Einklang gebracht werden. Das war eine unlösbare Aufgabe, die ihre scheinbare Lösung nur dadurch fand, daß entweder die Eigenart des philosophischen Systems oder der Sinn der jüdischen Glaubenslehren ignoriert würde. Man bemühte sich vergeblich, zwei dissonierende Töne zum harmonischen Zusammenklang zu bringen. Die Schwierigkeiten,

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