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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-16 · Heft 16 (16.4.1909) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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Kein ernsthafter Mensch hat Adolf Sonnenthal diesen Titel jemals, bestritten, den er'sich in jahrzehntelanger Arbeit, die von kleinen Anfängen aufwärts führte zur /Ruhmeshöhe deutscher Schauspielkunst, errungen hat. An universaler Durchbildung, an Reichtum der geistigen und technischen Elemente, durch die zähe und nie ausgesetzte Arbeit am Material seiner Persönlichkeit, ist er den stärksten Männern der deutschen Bühne überlegen gewesen: Adolf Sonnenthal war der, große Humanist der deutschen Schauspielkunst, der mit dem Wiener Burgtheater gewachsen ist, seine repräsentative Persönlichkeit wurde und als der Inbegriff der Burgtheaterkunst in Deutschland, Rußland und Amerika bewundert wurde. Nicht seine Bedeutung für die Schauspielkunst, so groß sie auch gewesen ist, würde es rechtfertigen, daß auch an dieser Stelle, wo die Betrachtung sich den allgemeinen Fragen der kulturellen, sozialen und' religiösen Entwicklung zuwendet, von dem großen Aoten gesprochen wird. Aber Adolf Sonnenthal ist nicht nur ein großer Schauspieler gewesen, bewunderungswürdig durch die Wärme seines Wesens und die theatralische Durchbildung seiner physischen und seelischen Kräfte, seine Kunst war auch von einer solchen Beschaffenheit, daß sie aus der Gemeinschaft, aus der er hervorgegangen, ihre beste Kraft schöpfte. Sucht man den Kern seiner Persönlichkeit, streift man alles ab, was Nimmermüdes Lernen und künstlerisches Versuchen hier anMetzt hat, so stößt man doch auf das 18. Jahrhundert und seinen Ausklang im Vormärz. Er kam von Lessing und Schiller, den Hohepriestern der Humanität und den Aposteln der Menschenverbrüderung. Er glaubte bis an sein Lebensende an die Botschaft der Liebe, der Versöhnung, an das „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut". Für das Pathos der Distanz, für den Uebermenschen, für die evolutionstrunkene Grausamkeit gegen das Minderwertige hatte er kein Verständnis. Und die Zeit, die diese Ideale aufstellte, flößte ihm tiefes Grauen ein. Daß ein unbarmherziges, unerbittliches Ringen um das Recht auf das Leben bevorstehe, aus dem erst ein wirklich befreites Menschengeschlecht mit ungeahnten Möglichkeiten hervorgehen kann, begriff seine weiche Seele nicht. Ihn schauderte nur vyr der Verwüstung und Zerstörung. Er war eben ein Jude. Und noch ein anderes deutet auf seine Abstammung hin. Das Handwerk des Schauspielers will gelernt sein und es ist nicht das leichteste Handwerk. Schon die Technik des Sprechens, die Sättigung der Worte mit geistigem Gehalte ist mühevoll zu erwerben, und Speidel hat die Arbeitstreue Sonnenthals tiefdenkend aus der Jugendübung seines Schneiderhandwerks erklärt: „Wessen Hand in den Sinn und den Eigensinn, eines gegebenen festen Stoffes einzudringen gewohnt ist, der/ wird auch ein geistiges Material mit Klugheit, Ehrlichkeit und Treue zu bemeistern gewillt sein." Dieser Fleiß, diese unermüdliche Arbeit sind ein Erbe seiner großen Familie. So wurde Sonnenthal, so wuchs er, so klomm er zur Höhe, keine der geistigen Strömungen seiner Zeit hat ihn unberührtgelassen, immer lauschte er hinaus in das Leben, in die Stadt, in die Gesellschaft, umj das, was sich hier regte, künstlerisch zu verarbeiten, so daß es ganz selbstverständlich erschien, als bei' seinem sünsundzwanzigjährigen Bürgtheater- Jubilämn die ganze Stadt Wien ein Fest beging, der Bürgermeister ihn im Namen der Stadt beglückwünschte und der Kaiser ihn in den Adelsstand erhob. Damals schrieb er sein Testament. Und in diesem findet sich der folgende Passus: „Mein Leichenbegängnis soll natürlich nach jüdischem Ritus vollzogen werden. Ich habe als Jude gelebt und will als solcher auch begraben werden. Sollte mich der Tod irgendwo außerhalb Wiens ereilen, so möge meine Leiche jedenfalls nach Wien überführt werden. Ich habe Wien als meine zweite Vaterstadt über alles geliebt und möchte auch in dieser Stadt, und zwar auf dem Döblinger Friedhose begraben werden. . ' -■ Meine geliebten Kinder mögen mir einen Palmenzweig auf den Sarg legen, alle übrigen Kranz- und Blumenspenden von Freunden und Bekannten lehne ich dankbar ab/ Wir haben es schon gesagt: Sonnenthal war ein guter Jude. Wer ihn am Versöhnungstag in der Synagoge gesehen hat, in seinen Tallit gehüllt, der mochte wohl nicht ahnen, daß er den größten deutschen Schauspieler vor sich habe. Wer ihn aber am folgenden Abend im Burgtheater als Wallen stein gesehen, dem ging diese Erkenntnis sehr klar auf. So hat Sonnenthal auch innigen Anteil genommen an allen Angelegenheiten seiner Glaubensgemeinschaft. Er war im Vorstand vieler Vereine, vor allem der jüdischen Museumsgesellschaft in Wien, und widmete seine Kunst gar oft der jüdischen Wohltätigkeit. Das Judentum hat der deutschen Schauspielkunst seit einem Jahrhundert viele und bedeutende Üräfte geschenkt. Die bedeutsamste war wohl Adolf Sonnenthal. Und von seinen künstlerischen Erfolgen fällt ein Heller Strahl auf die Gemeinschaft, der er entstammte, Und der er treu blieb bis zum Tode. ■ Orokellor % Berliners Nsndbkmerkmrgen?um täglichen Gebetbuch?' Von Dr. M. Ehrlich. I. iner der bekanntesten und liebenswürdigsten Führer und . wissenschaftlichen Vertreter der zeitgenössischen Orthodoxie ist der Dozent am orthodoxen Berliner Rabbinerseminar, Professor Dr. Adolf Berliner. Er ist ein begeisterter Verehrer des täglichen Gebetbuchs (Siddur öder Tefilla), das er, wie wenig andere, in seiner historischen Entwicklung und in allen seinen Gestaltungen vermöge seiner jahrzehntelangen Durchforschung der bedeutendsten Bibliotheken Europas gründlichst kennt, wie er auch mit den verschiedenen Formen des Gottesdienstes nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Synagogen anderer Länder genau vertraut ist. Zu Nutz und Frommen der orthodoxen Kreise ist er nun dazu geschritten, einen Teil seiner wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungen hinsichtlich des täglichen Gebetbuchs in einer Schrift zu veröffentlichen, die zwar keine hundert Seiten umfaßt, gleichwohl aber die größte Aufmerksamkeit aller religiösen Richtungen des Judentums verdient. Denn das tägliche, Gebetbuch hat, wie Professor Berliner richtig bemerkt, in gewisser Beziehung eine größere Bedeutung erlangt als selbst die Bibel, weil es mehr als diese auf die praktisch-religiöse Lebensweise in den jüdischen Häusern eingewirkt hat und, während man in vielen Familien kein Exemplar der heiligen Schrift findet, die Tefilla ziemlich allgemein verbreitet ist. Und es muß, so bemerkt er weiter, die ernste und eifrige Aufgabeunserer Religionsschule bleiben, den Unterricht im Siddur in allen Kläffen derselben durch korrektes Lesen und richtiges Verständnis zu fördern (Seite 2. 3). Dabei . i) Verlag von M, Poppelauer, Berlin 1909. Nach der kritischen, vorzugsweise den wissenschaftlichen Stoff des Buches behandelnden Besprechung von Albert Katz in Nr. 10 dieser Zeitung bringen wir hiermit ein hauptsächlich die praktischen Bestandteile der sehr interessanten Schrift berücksichtigendes Referat. Die Redaktion.

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