Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Emil Cohn über den Rechnungsabschluß der Gemeindehauptkasse pro 1907/08. Danach betrug die Jsteinnahme 2 672 113,44 Mark und die Jstausgabe 2 421016,59 Mark, so daß sich die Kapitalsvermehrung auf 251 096,85 Mark beziffert. Der Wert der Liegenschaften wird' auf 8 932 820,41 Mark berechnet, wobei noch die Synagoge Fasanenstraße (637 869,47 Mark) und das neue Krankenhaus (1'008 462,68 Mark) unberücksichtigt sind. An Steuerbeträgen sind 227 858,97 Mark eingegangen. . Die Zahl der Zen fiten hat sich um . 8120 Mitglieder von 29 297 auf 37 417 erhöht. Auf den Kopf des Steuerzahlers entfällt also durchschnittlich etwa der Betrag von 59,54 Mark. Der dritte Amortisationsfonds beträgt 356 460,86 Mark, der Pensionsfonds 265,280,64 Mark, der Reliktenfonds 67 832,45 Mark. *** Berlin, 2. April. Gestern fand im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde die ordentliche Mitgliederversammlung der Gesellschaft Hachnassath - Kallah statt. Der Vorsitzende, Herr Emil Pincus, eröffnete die Sitzung und konstatierte mit Genugtuungdaß es dem Vorstand in der außerordentlichen Generalversammlung vom 29. November vorigen Jahres gelungen ist, die seit vielen Jahren angestrebte Statuten-Aendernng herbeizuführen. Auf Grund der neuen Satzungen, die am 12. Februar dieses Jahres vom Vorstande der jüdischen Gemeinde genehmigt wurden, sei die Gesellschaft nunmehr in der Lage, in geeigneten Fällen wirksamer helfen zu können, als bisher; auch Nichtmitgliedern eine Höchstunterstützung von 300 Mark — bisher 150 Mark — zu gewähren. Die Gesellschaft verfolge den Grundsatz, nicht nur zu geben, sondern auch zu helfen, das heißt armen aber würdigen Bräuten die Möglichkeit zu bieten, sich eine tunlichst sorgenfreie Zukunft zu sichern. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Bestrebungen in weiteren Kreisen der Gemeinde gebührende Anerkennung fänden, damit die finanziellen Verhältnisse der Gesellschaft die jetzt so dringend notwendige Erstarkung erführen. Es folgte hierauf der Kassenbericht und im Anschluß hieran die Entlastung, wobei der Vorsitzende die beifällig aufgenommene Mitteilung machte, daß seit dem Jahre 1908 der Gesellschaft 54 neue Mitglieder sowie 8 immerwährende beigetreten feien. Bei den Wahlen wurde der bisherige Vorstand, bestehend aus den Herren Emil Pinkus, Julius Cohn, Martin Fernbach, Ernst Fiegel und Gustav Sachs wieder und Heinrich Fränkel und Siegfried Sachs neugewählt. Ebenfalls wiedergewählt wurde die Nevisionskommission, bestehend aus den Herren Nathan Cohn, D. Davidsohn und Emil Urh. Mit einem warmen Appell an die Mitglieder, in ihren Kreisen für eine gedeihliche Fortentwicklung der Gesellschaft zu wirken, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Berlin, 5. April. Das Jubiläum der 25 jährigen Amtstätigkeit Dr. M. Levins, des Predigers der jüdischen Reform gemeinde, wurde gestern in der schlichten Weise gefeiert, die dem zurückhaltenden, bescheidenen Wesen des Jubilars entsprach. Von früh an brachte der Tag eine große Fülle von Glückwunschdepeschen und Blumengaben. Ein kleiner Kreis von nächsten Freunden und Berufsverwandten fand sich zum Festakt in der Wohnung des Gefeierten ein. Als Vorstand der Reformgemeinde richtete Herr Rudolf Mosse eine herzliche Ansprache an den Jubilar, dessen reiche Verdienste und dessen echt priesterliches Wesen er würdigte. Dir. Dr. Minden verlos hierauf die kunstvoll ausgestattete Adresse, in der der Gemeindevorstand dem Prediger Dank und Festgruß darbrachte. Konsul Friedh eim richtete einige feinempfundene Worte an den Jubilar, der nun seinerseits der Gemeinde und ihren Vertretern Dank und Treugelöbnis widmete. Bei dem Festmahl, das die kleine Jubiläumsgesellschaft vereinte, wurde noch in mancher Rede der Verdienste Dr. Levins gedacht. Die Annahme irgendeiner ihm zugedachten Jubiläumsgabe hat Dr. Levin abgelehnt. Dagegen hat er seinerseits seiner Gemeinde ein gehaltvolles Festgeschenk gewidmet, indem er jedem einzelnen Gemeindemitglied eine Sammlung seiner soeben erschienenen trefflichen Festpredigten „Harfe und Posaune" in Prachteinband übersandte. 8. Berlin, 31. März. In der Synagoge Lützowstraße fand heute vormittag eine vom Vorstand der jüdischen Gemeinde veranstaltete Trauerfeier für den Justizrat Dr. Edmund Lachmann statt. Das Gotteshaus hatte sich in ein Trauerhaus gewandelt und in ein düsteres Gewand gehüllt. Vor dem Allerheiligsten stand inmitten eines Lorbeer- und Palmenhaines der Sarg aufgebahrt, auf den nmstbrte Kandelaber ihr mattes Lickt ergossen. Der Gemeindevorstand hatte zur Trauerfeier gerade diese Synagoge bestimmt, weil sich der Verstorbene um ihr Zustandekommen und ihre Erbauung große Verdienste erworben und sie regelmäßig besucht hatte. Das Gotteshaus war in allen Räumen dicht gefüllt. Die hier weilenden Gemeindevertreter, Rabbiner und Kantoren waren vollzählig zur Stelle. Die Ehrenbeamten der verschiedenen Verwaltungskommissionen ‘ hatten sich in großer Zahl eingefunden; auch die angestellten Beamten waren zahlreich vertreten, um ihrem Chef die letzte Ehre zu erweisen. Vom Reichsversicherungsämt erschien der Präsident Geheimrat Kaufmann mit mehreren Senatsvorsitzenden, der Verband der deutschen B.erufsgenossenschaften war durch den Vorsitzenden Baumeister Gerst ardt, durck den Kommerzienrat Tonne und Geheimer Kommerzienrat Jacob vertreten. . Vom. Verband der Deutschen Juden, vom Hilfsverein der-Deutschen Juden und von vielen Wohltätigkeitsvereinen waren Deputationen anwesend. Nachdem der Shnagogenchor die Feier mit einem Gesang: Lnauseb keeborir (Der Mensch, wie Gras sind seine Tage) eingeleitet hatte, hielt Rabbiner Dr. Weisse die Gedächtnisrede. Er entwarf ein Lebensbild des Verewigten und schilderte seine Treue, Wahrhaftigkeit und . strenge Pflichterfüllung, die sich auf alle Angelegenheiten ausdehnte, auf große und geringe, private und öffentliche, rechtliche und humanitäre.. Aus dem Entwicklungsgang. des Verblichenen hob der Redner hervor, wie er früb befähigt war^ die verschiedenärtigsten Rechtsbegriffe zu beurteilen und zu erfassen, die allgemeinen Beziehungen des öffentlichen Lebens in Rechtskategorien einzuordnen, und mit einer ganzen Reihe von Eigenschaften und Kenntnissen ausgerüstet war, um an die Spitze großer Organisationen zu treten, für die er von Anfang an Begeisterung empfunden hatte. Als die Fürsorge für die arbeitenden Klassen eingeleitet war, hat sich der Entschlafene als einer der ersten in den Dienst dieser sozialen Aufgabe gestellt; bei der Schaffung eines Arbeiterversichernngsgesetzes wurde sein Rat von den höchsten Behörden eingeholt, seine Gutachten wurden wiederholt beachtet. Der Verklärte war auch einer der Begründer der Berussgenossenschaften, in deren Vorstand er bald gewählt wurde. Mit besonderer Liebe hat er sich den großen Aufgaben und Zielen der jüdischen Gemeinde gewidmet, die ihn bereits in jungen Jahren mit dem Ehrenamte eines Aeltesten bekleidete. In den religiösen Gegensätzen war er treu und frei; er war modern, fortschreitend, dabei aber treu gegen die ererbten Heiligtümer, gegen dasjenige, was jüdische Ueberzeugnng, jüdischer Gottesgedanke, jüdisches Leben bedeutete. Nachdem der Redner noch das Wirken des Verstorbenen im Familienkreise geschildert, schloß er mit dem Wunsche, daß unserer Gemeinde immer Männer erstehen mögen, die gleich dem Verstorbenen neben dem Sinn für die Zeit auch die Empfänglichkeit für die geschichtlichen Aufgaben unserer Glaubensgemeinde besitzen, die, wie er, aufopfernd und hingebend, gerecht und würdig sich unseren Angelegenheiten weihen. Nachdem die von Fräulein Vera Goldberg gesungene Trauerhymne: „Ach, was ist Leben doch so schwer" verklungen, folgten mehrere Ansprachen. Justizrat Timendorfer rief namens des Gemeindevorstandes dem verstorbenen Kollegen .herzenswarme Worte des Dankes, der. Verehrung und der Liebe nach; er hob hervor, daß während der letzten zwei Dezennien keine der Nenschöpfungen der Gemeindeverwaltung ohne die Mitarbeit Lachmanns ins Leben getreten ist. Geh. Regierungsrat Professor Geiger sprach als eines der älteren Mitglieder der Gemeindeverwaltung über die umfassende Tätigkeit Lachmanns in zahlreichen Abteilungen und Kommissionen des weitverzweigten Verwaltungsbetriebes, seine gesegnete Wirksamkeit besonders in der Bauverwaltung und im Schulvorstande. Für ihn stand am Anfang nicht das Wort, das allerdings knapp und sachlich ihm zu Gebote stand, nicht ausschließlich die Kraft, weil er mit ihr Milde zu paaren wußte, für ihn stand am Anfangs die Tat. Das Wort kann hinreißen, die Kraft imponieren, aber nur die Tat ist es, die fortwirkt.- Namens des „Verbandes der Deutschen Juden" dankte der Stellvertretende Vorsitzende Justizrat Horwitz dem Verstorbenen für die verständnisvolle und glänzende Leitung des Verbandes und legte für die Vorstandsmitglieder das Gelöbnis ab, daß sie bestrebt sein wollen, würdig zu sein dessen, der der erste Vorsitzende des Verbandes