Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Er warf ihr einen entsetzten Blick zu, den sie sofort verstand.^ „Ja, Dein Vater weiß es; Abraham hat es ihm mitgeteilt.- Er war heute hier. Ludwig!" rief sie, die Hände ringend, „was ist denn mit Dir geschehen? Was hast Du begangen?" Stumm und kraftlos sank er aus einen Stuhl. . Rasch erkannte ihre scharfsichtige Liebe, daß es Hunger und Erschöpfung waren, die ihn einer Ohnmacht, nahe brachten. / „Nein, kein Wort jetzt!" beschwichtigte sie daher sich selbst. „Erst mußt Du etwas essen, Kind, damit Du ordentlich reden, mir erzählen kannst!" In wenigen Minuten standen Fleisch, Eier, Butter, Brot und Tee vor ihm. Sie legte ihm reichlich vor. ' Aber trotz aller ihrer Bitten genoß er fast nichts als eine Tasse Tee. „Vertraue Dich mir nun an, mein Liebling!" flehte sie wieder. „Erleichtere Dir Dein Herz! Ich will mit Dir beraten, und, wenn ich irgend kann. Dir helfen. Sprich, Ludwig! Ich bitte, bitte Dich!" „Ich kann nicht. Großmutter! Jetzt nicht!" stammelte er. : „Morgen — morgen! Laß mich zu Bette gehen — schlafen — nur schlafen — ich bin tot — totmüde!" Bekümmert gab sie nach. In dem Zustand, in dem er sich befand, war doch nichts aus ihm herauszubringen. Und daß er Schlaf vor allem dringend nötig brauchte, sah sie selbst nur zu gut. Er hatte sein Lager in einem kleinen Kabinett, das dicht an ihr Schlafzimmer stieß. Eine Stunde nachdem er zur Ruhe gegangen, schlich sie leise zu ihm hinein, um, wie allabendlich, den Segen über ihn zu sprechen. Er hatte das Gesicht der Wand zugekehrt und verhielt sich regungslos, so daß sie glaubte, er schliefe bereits. Als sie aber die welken Hände über ihn breitete und halblaut betete: -„Es segne Dich der Ewige und behüte Dich. Es lasse leuchten der Ewige sein Antlitz zu Dir und begnade Dich. Es wende der Ewige sein Antlitz zu Dir und gebe Dir Frieden. Zu Deiner Rechten Michael, zu Deiner Linken' Gabriel, vor Dir Uriel, hinter Dir Raphael und über Deinem Haupte die Herrlichkeit Gottes. Amen!" Da hörte sie ihn bitterlich weinen. Es zerriß ihr das Herz. Sie kniete bei ihm nieder, ergriff seinen Kopf, wandte sein tränennasses Gesicht ihr zu und bettete es an ihre Brust, wie sie oft, oft mit ihm als kleines Kind getan. „Wein' Dich aus, mein Kind, wein' Dich aus. Deine Schuld kann so groß nicht sein, da Du noch Tränen hast!" Und schluchzend, die Arme fest um sie geschlungen, beichtete er: \ „Ich bin nicht wert, Großmutter, daß des Ewigen Schutz und seiner Engel Wacht über mir sind. Ich Hab' gestohlen, Großmutter, ich bin ein Dieb!" Sie erschrak so heftig, daß ihr der Atem verging. „Ein jüdisch Kind!" jammerte sie dann schmerzlich. „Ein jüdisch Kind, das die Gebote des Ewigen kennt und unter ihrem heiligen Wahrzeichen des morgens aus den: Hause tritt und des abends hineingeht! Ein frommes jüdisches Kind hat so sündigen, mein Ludwig, mein Ludwig mir solches antün können? Ich kann's nicht sassxn!" Er weinte von neuem bitterlich. „Ich bereue es ja so furchtbar, liebe Großmutter. Mein Leben gäbe ich darum, es ungeschehen zu machen; aber es ist ja zu spät — zu spät dazu!" , „Erzähle mir,' wie alles gekommen!" v - (Fortsetzung folgt.) —Das Lied des Mutes. u Bruder im Dunkel, was drängt mich zu Dir, Und drängt auch Dich, ich fühl' es, zu mir? .Dü kennst mich nicht; und ich kenn' Dich nicht, Doch etwas in unseren Herzen spricht: Der ist Dein Bruder! Ihn liebe! Und das kann nichts von gestern und heute sein, Ich würd' nicht so Sieger und Beute sein! Von Hugo Salus. Ist anders' als Freundschaft und Liebe und Treu, Wie von Uranfang her und doch wieder neu! Dein Blut und mein Blut sind Brüder! Vor fünftausend Jahren, besinne Dich doch! Trug mein Ahn und Deiner ein Sklavenjoch, Und vor dreitausend Jahren in Qual und Not, Denkst Düs nicht mehr? Dein Urahne bot Meinem den Labetrunk der Liebe! > Bruder, wie dunkel mein Herzblut rauscht! Ich fühl's wie Dein Ohr seinem Raunen lauscht, Und hören beide das gleiche Lied, Wie damals, da Ahn bei Ahn gekniet: Ein Gott drohte. Beiden vom Himmel! Und der Sturm verweht, es lischt die Glut, Und Leid wird Lust: doch Blut bleibt Blut! Und ein Tropfen in mir und ein Tropfen in dir Wissen: Brüder, Brüder sind wir, Brüder aus einem Dunkel. Litrrsrilchr Mitteilungen. Dr. M. Rosen mann: Der Ursprung der Synagoge und ihre allmähliche Entwicklung. Berlin 1909, Meyer ck Müller. Die Frage nach dem Ursprung der Synagoge ist identisch mit der Frage: Wann; wo und wie ist die opferlose Kultstätte des Judentums entstanden? 'Jüdische und christliche Gelehrte haben verschiedene Hypothesen hierüber ausgestellt. Die Mehrzahl der Forscher neigt zu der Anschauung, . die Synagoge sei im babylonischen Exil (586 a bis 538 a) entstanden. Der Verfasser vorliegender Schrift sucht auf Grund eingehender Quellenstudien nachzuweisen, daß der Ursprung der Synagoge in dem Zeitraum zwischen der Rückkehr der Exulanten aus Babylon und dem Anfänge des dritten vorchristlichen Jahrhunderts zu suchen sei (538 a bis 300 a). Beim Darbringen der Opfer im Tempel zu Jerusalem waren die Juden, die an dieser feierlichen Handlung nicht teilehmenkonnten, durch Delegierte, die sogenannte „Standmannschast", vertreten. Zu diesen Delegierten zählten aber nicht bloß Priester und Leviten, sondern auch Laien. Da aber letztere am Opferdienste sich nicht beteiligen durften, so wurde für die „Standmannschast" unmittelbar nach dem Darbringen des Opfers ein eigener Gottesdienst in der Nähe des sogenannten „Vorhofes für Laien" abgehalten, der jedoch nur aus Gebet, Thoravorlesung und Priestersegen bestand. Auf diese Institution der Standmannschaft ist. der Ursprung der Synagoge nach Rosenmann zurückzuführen. Die Beweisführung für diese Hypothese ist klar, sachlich und einleuchtend. Bei einer Neuauflage der , Jewish Encyclopaedia“ wird diese Hypothese Rosenmanns sub voce „Synagoge“ zu berücksichtigen sein, denn die vor kurzem erschienene Enzyklopädie verlegt den Ursprung der Synagoge „in the period of tlve Babylonian captivity“. Professor Dr. Biach. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.