Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Stets ist et noch Pünktlich nach Geschäftsschluß heim gekehrt. -- Wenn Du mal zu Abraham hin wolltest, Moritz —" „Von dem habe ich eben Nachricht erhalten!" unterbrach sie der-Sohn ungeduldig. „Seit gestern vormittag schwänzt er, der nichtswürdige Bengel, läßt Geschäft Geschäft sein! Aberwarte, wenn der Herr Bummler nach Hause kommt! Eine riesige Tracht Prügel ist ihm gewiß!" Die Großmutter war ganz außer sich. „Dys ist ja gar nicht möglich, Moritz! Mein Gott, mein Gott, es ist ihm sicher etwas passiert— überfahren worden Unsinn! Er hat irgend etwas ausgefressen, das ist meine Meinung!" fiel .ihr Sohn höhnisch ein. „Darum traut er sich nicht heim. Mit dummen Streichen sängt das Lotterleben an und mit Lastern hört es auf. Aber ich will meinem Sohn beizeiten das Handwerk legen. Totschlägen will ich ihn eher, als zum Verbrecher werden sehen!" schloß er wütend. „Denk" nur nicht immer gleich das Schlimmste von Deinem eigenen Kinde!" verwies ihn die alte Frau. „Erst mußt Du von ihm selbst den Grund hören,' bevor Du ihn kurzerhand verurteilst und zu den Verbrechern wirfst." „Du nimmst natürlich sofort seine Partei! Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Mutter; sie kämen leider zu spät; aber Deine blinde Liebe und Verzärtelung sind für den Jungen vom Uebel gewesen. Er brauchte eine straffe Hand. Es war unüberlegt von mir, daß ich ihn Dir gab, anstatt ihn bei mir zu behalten." * „Ein so junges und zartes Kind bedurfte, da seine Mutter so früh starb, dringend weiblicher Liebe und Fürsorge!" verteidigte sich die alte Dame eifrig. „Ich habe Ludwig, trotzdem ich ihn von ganzer Seele liebe, nicht verwöhnt, sondern nach den Gesetzen der Moxal und Gottesfurcht erzogen. Jetzt sprichst Du so! Damals, nach Nettchens Tode, warst Du mehr als zufrieden, daß ich ihn zu mir nahm. Du hattest Dir leider nie viel aus dem Kinde gemacht. Er war Dir eine Last und wäre Dir heute, in Deinem ungebundenen Witwerleben, ein noch viel größeres Hindernis. Ist das etwa nicht wahr?" „Ich hätte ihn eben in eine strenge Pension tun sollen, wo er knapp Essen und reichlich Hiebe erhielt!" antwortete er, ohne aus ihre letzte Frage einzugehen. „Das war mein Fehler. Weibererziehung für Knaben, dabei kommt niemals etwas heraus!" „Bei übermäßiger männlicher Härte und väterlicher Lieblosigkeit erst recht nichts!" entgegnete seine Mutter erregt. „Kinder sind verschieden und durchaus nicht alle über einen Kamm zu scheren. Unser Ludwig ist gut und fügsam und leicht mit Liebe zu.leiten; warum da unnötig streng sein, wo er ohnehin mit seinen fünfzehn Jahren sehr schwächlich ist und sorgsame Wege braucht? Fehler hat er, wie schließlich jeder Junge seines Alters, das ist gewiß; aber schlecht ist er nicht und wird es auch nie werden; dafür lege ich meine Hand, ins Feuer!" Die alte Dame war ganz rot geworden in ihrem warmen Eifer um ihren Liebling. Hastig stieg sie jetzt, auf den Holztritt vor dem Fenster und spähte die Straße hinunter; fast fürchtete sie nun den so sehnlichst Erwarteten zu erblicken. Der ihm hier bevorstehende stürmische Auftritt sollte ihm, wenn irgend möglich, erspart bleiben. Kahnheim hatte sich aus das altmodische Sofa gesetzt und trommelte mit den Fingern nervös auf dem Tische. Wiederholt sah er nach der Uhr. Seine Stimmung wurde immer reizbarer, und seine Mutter, die ihn sehr genau kannte, hütete sich wohl, jetzt noch weiter mit ihm von Ludwig zu sprechen, trotzdem sie die innere Unruhe verzehrte und zum Ausdruck drängte. Leise ging' sie daher hinaus und machte sich in der Küche zu schaffen. Nach einer bangen Stunde hörte sie den schweren Tritt des Sohnes im Korridor. „Ich hab> nicht länger Zeit, Mutter!" rief er ihr zu. „Heute abend bin ich verhindert; aber morgen komme ich wieder, um mit dem Burschen abzurechnen. Dann gnade ihm Gott! Und daß Du nicht etwa nachher Polizei läufst; da könnte es erst Gestank geben! Ruhig abwarten!" Damit ging er. Frau Kahnheim verlebte einen schrecklichen Nachmittag. Trotzdem sie ihren Enkel so warm und überzeugt verteidigt hatte, warihr Herz voll trüber Ahnung, beklommen und schwer. Aus welchem Grunde konnte er, der als Lehrling in einem Engrosgeschäft angestellt war, plötzlich aus demselben fortgeblieben sein? Wo mochte er die Nacht zugebracht haben? Ach, warum hatte er sich ihr, der Großmutter, die ihn so innig liebte, nicht anvertraut und bereitete ihr nun solchen Kummer? Wenn er nur endlich käme, damit sie alles erfahren, ihn ausforschen, ihm ins Gewissen reden könnte! Die Stunden wurden ihr zu Ewigkeiten bei ihrem' Grübeln, ihrer Unruhe und Sorge. Wie sestgebannt verharrte sie am Fenster, angstvoll auf die dunkler und dunkler werdende Straße starrend, die er kommen mußte. Ihr war, als vermöchte ihre Sehnsucht ihn herbeizuziehen. Wie, wenn er auch diese Nacht nicht heimkehrte? Das Herz stand ihr still bei dem Gedanken. — Als sie den furchtbaren Zustand der Ungewißheit nicht länger ertragen zu können meinte, zündete sie die Lampe an, nahm ihr altes Gebetbuch aus dem Schube und suchte Trost und Aufrichtung in der, ihr nie versagenden Quelle göttlicher Verheißung. Erst nur halb mit ihren Gedanken bei den herrlichen Worten, versenkte sie sich all- , mählich tiefer und tiefer hinein und vergaß in ihrer Andacht endlich ganz ihre quälenden Sorgen. „Guten Abend, Großmutter!" klang es da leise und bedrückt. Unbemerkt war er, der den Drücker zu der kleinen Wohnung besaß, hereingekommen. „Ludwig!" Fast respektlos flog das heilige Buch zur Seite. Im Nu/ war sie aufgesprungen und, beide Arme um den schmächtigen Knaben geschlungen, küßte sie ihn viele Male mit heißer Inbrunst, als käme er nach jahrelanger Trennung unverhofft zu ihr zurück. Nach der ausgestandenen Pein war das Glück, ihn wiederzuhaben, überschwenglich groß. Er ließ es stumm geschehen, ohne ihre Zärtlichkeiten zu erwidern. Dies war so ganz gegen seine sonstige liebevolle Gewohnheit, daß sie ihn betroffen freigab. Und jetzt gewahrte sie die ausfallende Veränderung, die mit ihm vorgegangen. Schmal Und blaß war sein Gesicht ja immer; heut aber schimmerte es geradezu Unheimlich grau. Die Lippen, blutleer und fahl, bebten wie im Krampf, und die braunen, sonst so klaren offenen Augen vermieden ihren Blick und blieben gesenkt. Das Aussehen eines Kranken oder eines Schuldbewußten. Das Herz zog sich der alten Frau zusammen. Die Anklagen ihres Sohnes fielen ihr schwer auf die Seele. „Was ist Dir, mein Kind?" forschte sie flehend. „Was bedrückt Dich? Sage es mir, Deiner Großmutter, die Dich mehr liebt als ihr Leben!" Der Knabe vor ihr begann am ganzen Leibe zu zittern; aber er schwieg. ~; „Wo warst Du die ganze Zeit, Ludwig?" drängte sie abermals. „Warum gingst Du nicht ins Geschäft?" J ■M M -H