Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Staaten schon längst abgebrochen. Kredite wurden nicht mehr gegeben. Das wenige bare Geld, das etwa noch vorhanden war, wurde ängstlich im Kasten gehütet. Nur langsam wurden die allgemeinen Schäden geheilt. Erst unter der Regierung der nächsten Kaiser wurde die Prosperität allgemeiner, und als Friedrich II. Schlesien, diese Perle, aus der österreichischen Kaiserkrone brach, hatten sich die Juden schon wieder völlig erholt und trieben einen blühenden Handel. Allerdings hinderten sie noch viele Fesseln in ihrer freien Bewegung, Fesseln, die selbst der freidenkende König, in dessen Staate jeder nach seiner Fayon selig werden konnte, nicht lösen wollte oder konnte. . Verschiedene Ausnahmebestimmungen -für die Juden blieben daher bestehen. Die Grundherrschafien durften kerne Juden ausnehmen, und diese selbst wurden unter die königlichen Kammern gestellt. Ferner wurde im Jahre 1761 das Gesetz erneuert, daß von jeder jüdischen Familie nur ein Sohn die Erlaubnis haben sollte, sich im Lande zu verheiraten, wofern er nämlich ein Vermögen von 500 Talern Nachweisen konnte. Auswärtige Juden erhielten nur bei einem Vermögen von 2000, später sogar von 3000 Talern, die Vergünstigung, sich im Lande niederzulassen. Das W ohnen in Gebirgsstädten wurde in den Jahren 1776 und 1785 allen Juden untersagt. Auf der linken Oderseite durften sie nur in Breslau, Glogau und Brieg wohnen; doch waren hierbei Ausnahmen gestattet. Auf der rechten 'Oderseite war ihnen der Aufenthalt freigegeben, mit Ausnahme von einigen kleinen Städten. In Oberschlesien durften sie sogar das Schlachten, Branntweinbrennen und Backen betreiben; an der polnischen Grenze auch das Bierf brauen. Sie haben sich also auch schon in jener Zeit mit wirklicher Handarbeit abgegeben und nicht nur Handel getrieben. Alle Pachtungen von Privatzöllen, Viehnutzungen und Bauerngütern waren ihnen jedoch untersagt, ebenso der erbliche Besitz von Grundstücken. Auch im Handel waren ihnen einige Beschränkungen auferlegt. Alle diejenigen Handelszweige, zu denen die Innungen berechtigt waren, wie zum Handel mit Tuch, Wolle usw., waren, ihnen vorläufig noch verboten. Kramladen durften sie nur in Oberschlesien anlegen. . Schärfere Bestimmungen bestanden für sie «hei der Bestrafung des Schmuggels. Wurden siebeim Schleichhandel ertappt, so hatten sie viel strengere Strafen als die Christen zu gewärtigen. Außer den allgemeinen Abgaben mußten sie noch ein Schutzgeld zahlen, und. wenn sie auf dem Lande wohnten, eine , Nahrungssteuer. Nur in Breslau erhielten etwa zwanzig jüdische Familien, die sich durch ihre Bildung auszeichneten, Generalschutzprivilegien für sich und ihre Nachkommen. Auch wurden ihnen alle Rechte christlicher Kaufleute gewährt und ebenso die Erlaubnis, alle ihre Kinder im Lande ansässig zu machen. Die Nachfolger Friedrichs II. erweiterten die den Juden in Schlesien verliehenen Privilegien und gewährten ihnen selbst , Beihilfen zum inneren Ausbau der Gemeinden. So wurde in Breslau für die jüdische Gemeinde eine eigene Schule teils auf königliche Kosten, teils auf Kosten der Gemeinde erbaut und unter dem Namen Wilhelmsschule am 15. März-1791 eingeweiht' Doch der Beschränkungen und Hindernisse gab es noch gar viele, bis in den Freiheitsjahren die Schranken mittelalterlicher Vorurteile fielen, und ein frischer Hauch der Gleichberechtigung durchs Land ging. Im Jahre 1812 war es, als im ganzen preußischen Staate, als auch in Schlesien, diese denkwürdige Veränderung in den Verhältnissen der Juden vor sich ging und endlich die läng herbeigesehute Emanzipation ihnen erblühte. Durch einen königlichen Befehl vom 11. März 1812 wurden alle im preußischen Staate lebenden Juden für Staatsbürger erklärt unter der Bedingung, daß sie bestimmte Familiennamen annehmen, ihre Handelsbücher, Verträge und Erklärungen in deutscher Sprache abfassen und ihre Unterschriften in deutscher oder lateinischer Schrift leisten sollten. Von nun an sollten sie gleiche Lasten mit allen Staatsbürgern tragen, sich auch dem Kriegsdienste unterziehen, aber auch mit allen übrigen Untertanen nach gleichen Gesetzen behandelt werden. Durch diese wichtige Verordnung wurden die schon gelockerten Fesseln des Ghettos völlig gesprengt und auch den Juden freie Bahn zum Kamps ums Dasein, zum strudle ot life, geschaffen. * MD Ludwigs fall. Eine Erzählung vonM.Herzberg. I. ft2% klingelte so stark an der Eingangstür zur Wohnung der Frau Kahnheim, daß die alte Dame, die auf ihrem Lehnstuhl am Fenster eingeschlummert war, jählings in die Höhe fuhr. Wenn das Ludwig wäre! Ach nein, der Junge, den sie seit vierundzwanzig Stunden in qualvoller Sorge und Unruhe erwartete, hatte eine viel .sanftere Hand; auch führte er ja den Korridorschlüssel mit sich. „Moritz, Du?" rief sie erschrocken, beim Oeffnen ihren Sohn erkennend. Der gab keine Antwort, sondern stürmte erregt an ihr vorüber ins Zimmer. Beklommen folgte sie ihm. Seine Besuche bei ihr waren selten und hatten fast immer dann eine unangenehme Ursache. Heute besonders hätte sie ihn um alles in der Welt nicht bei sich sehen mögen. Suchend blickte sich Moritz Kahnheim in der gemütlichen kleinen Wohnstube um. Der Tisch, sauber gedeckt, harrte noch des Mittagmahls, trotzdem die eigentliche Essenszeit der Frau Kahnheim längst vorüber war. „2tzo ist Ludwig?" fragte ihr Sohn hastig. „Ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, Moritz!" beeilte sich seine Mutter zu erwidern. „Er ist also nicht hier!" „Nein, noch nicht. Er muß sich verspätet haben!" „War er gestern zu Tische da?" Die alte Dame schwieg verlegen. Lügen konnte sie, die Wahrheit sagen wollte sie aber nicht. Ihr Sohn erriet sie leicht. " „Also auch, nicht! Ist ja schön! War er gestern abend nach Hause gekommen?" „Nein, Moritz," gestand Frau Kahnheim nun ein, „und ich ängstige mich halbtot darum. Bis vier Uhr wollte ich noch warten, dann hatte ich mir vorgenommen, im Geschäft nachzufragen und auf der Polizei recherchieren zu lassen. Wenn ihm nur kein Unglück geschehen ist!" „Unglück! Er treibt sich Umher, der infame Vagabund!" erwiderte er zornig. „Du weißt, daß er das nicht tut, Moritz. Das unverdorbene stille Kind findet keinen Gefallen an den häßlichen nächtlichen Vergnügungen, hätte ja auch kein Geld dazu. \ fl