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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-09 · Heft 15 (9.4.1909) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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die Schuld an dem ganzen Jammer? Die Juden natürlich , die allgemein gehaßten Juden. Sie hatten die Brunnen vergiftet und einen Krankheitsstoff in Form von Pulver in die Luft gestreut. So glaubte die blöde Menge und handelte dementsprechend. Verfolgung und Tod war das Schicksal der armen Verfolgten. Die Scheiterhaufen lohten auf zur Ehre Gottes, und in Schlesien sind damals unzählige Anden dem blinden Haffe und Fanatismus des Volkes zum Opfer gefallen. Zwar ließ Karl IV., der damalige Kaiser und Oberherr der schlesischen Gebiete, die Schuldigen und Aufwiegler zu diesen Gräueln einziehen und bestrafen, — doch'das Blut war geflossen und die Scheite hatten gebrannt. Hundert Jahre des Friedens folgten diesen grausigen Szenen, und die Juden in Schlesien' atmeten auf von dem härten seelischen Drucke, der bei der Erinnerung an die vergangenen schlimmen Tage auf ihnen gelastet hatte. Doch wieder drohte dem religiösen Leben eine heftige Erschütterung, eine Katastrophe. Die Hussitenkriege trugen die Kriegsfackel bis ins Herz von Schlesien und erregten auch hier die Gemüter. Auch hier gerieten, wie die Hussiten in Böhmen, freideukende Köpfe mit der katholischen, Kirche über die Auslegung einiger Lehren in Konflikts Diese Abgesallenen zu bekehren, machten sich viele strenggläubige Katholiken zur Pflicht. Auch Johann Capistrano, aus Unteritalien gebürtig, war von solchem Bekehrungseifer ergriffen worden und auf seinen zahlreichen Reisen auch im Jahre. 1453 nach Breslau gekommen, nachdem er vorher schon in Görlitz und Lauban gepredigt hatte, und der Ruf seiner Beredsamkeit ihm vorausgeeilt war. Er eiferte hauptsächlich gegen den herrschenden Aufwand und das Spiel, gegen die Eitelkeit und die Putzsucht der Frauen. Gegen alles, was ihm unchristlich schien, wandte er seine Rede. Und die Breslauer, von religiösem Eifer beseelt, verstanden ihn nur zu gut und verfielen wieder wie zur Zeit Karls IV. aus die Juden. Diese waren ohnehin schon vielen rechtgläubigen Christen ein dauernder Gegenstand des Hasses. Die alten Fabeleien, die schon manchem Israeliten das Leben gekostet haben, kamen wieder in Schwang. Da hatten diese verruchten Juden von gottlosen Christen Hostien gekauft, um sie mit Nadeln zu durchstechen und so die Christen und ihre Religion zu verspotten. Auch mit Ruthen sollen sie sie gepeitscht haben. Das empörte Volk glaubte diese Schmach blutig rächen zu müssen. Nur das Blut der Juden konnte diese Schande von den Christen abwaschen. Auf den Rat des Capistrano wurden daher in Breslau alle Juden zunächst ins Gefängnis gesetzt. Nur wenigen gelang es, vorher zu entkommen. Beim Verhör konnte man natürlich kein Geständnis der. schrecklichen Freveltaten erhalten. Aber dem konnte leicht abgeholfen werden. Man spannte sie eben auf die Folter und marterte sie so lange, bis sie, um die Qualen für einen Augenblick los zu werden, alles bekannten, was man habM wollte! Fiat justitia et pereat mundus! Auf Grund dieses erpreßten Geständnisses wurden an einem Tage auf dem Ringe zu Breslau 41 Juden öffentlich verbrannt; die übrigen alle aus der Stadt getrieben und ihrer Güter beraubt. Die Kinder * unter sieben Jahren dagegen wurden zurückbehalten, getauft und als Christen erzogen. Aehnliche Verfolgungen erfuhren die Juden in Schweidnitz, Jauer und Striegau, so daß in diesem Jahre Hunderte von Juden in Schlesien ums Leben kamen. Im Jahre 1480 wurden sie aus Glogau und im Jahre 1505 aus Oels und Münsterberg für immer verbannt; aber schon nach> wenigen Jahren bestand dieses Verbot nur noch, dem Namen nach. . Aber der alte Haß des Volkes blieb leider und machte sich bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit Luft. So pflegte man M jener Zeit am Sonntag Lätars zum Andenken an die Bekehrung Schlesiens zum Christentum eine aus Holz und Stroh angefertigte Puppe in den einzelnen Dörfern herumzutragen und dann ins Wasser zu stürzen. Dabei sang man die schöne Strophe: Nun treiben wir den Tod hinaus. Den alten Juden in das Haus, Den Reichen in den Kasten. Morgen wollen wir fasten, oder in etwas umgeänderter Form: Nun treiben wir den Tod hinaus. Den alten Juden in seinen Bauch. Den jungen in den Rücken. Das ist ihr Ungelücke. Alle diese Schmähungen und Verfolgungen gingen fast ausschließlich von fanatischen Geistlichen und dem verführten Volke aus, während Fürsten und Magistrate die Juden inhumanerer Weise behandelten. Daß sie auch als durchreisende Kaufleute im 16. Jahrhundert viel in Breslau verkehrt haben müssen, zeigt eine in der Elisabethkirche befindliche marmorene Tafel, die von einem 1566 verstorbenen Lehrer der Elisabethschule verfaßte Inschriften, die zur Wohltätigkeit auffordern, enthält, und die,, neben elf anderen Sprachen, der griechischen, altrussischenarabischen, lateinischen, französischen, englischen, schwedischen, ungarischen, böhmischen, polnischen und. deutschen, auch in hebräischer Sprache abgefaßt ist. Auch in Oels, wo die Juden im Jahre 1505 vertrieben worden waren, hatten sie sich wieder angefiedelt und waren, da sie bescheiden ihren Geschäften lebten und in keiner Weise hervortraten, stillschweigend geduldetworden, obgleich in anderen, selbst benachbarten Städten die Vertreibungen und Verfolgungen ihren weiteren Verlauf genommen hatten. Wieder war es der Aberglaube, der sie auch von dieser Stätte vertrieb, ihnen Hab und Gut entriß und sie ins Elend hinausjagte. . . ' ' Ein Ungewitter war nämlich im Jahre 1535 am 1. September über das Städtchen Oels niedergegangen und hatte mit Sturm, Blitzschägen.und Hagelschauern viel Unheil angerichtet. Der rasende Sturm hatte viele Dächer abgedeckt UNd zahlreiche leichtgebaute Gebäude von Grund aus zerstört.' Der Aberglaube sah darin natürlich sogleich ein Werk des Satans, dem Gott diese verderbliche Macht gegeben hatte, um die Stadt für die Duldung der Juden dafür zu bestrafen. Den Beweis dafür fand man besonders darindaß die jüdische Buchdruckerei völlig zerstört wurde und die Bogen des alten Testaments, das eben gedruckt wurde, vom Winde fortgeführt waren. Dazu kam noch, daß einige Gläubige den Satan sogar in der Luft hatten dreimal rufen hören: „Soll ich?" (nämlich Oels ganz zerstören), worauf jedesmal eine Stimme antwortete: „Laß es bleiben!" Dieser Aberglaube hatte zur Folge, daß die Juden auch Aus Oels vertrieben wurden. Ihre Synagoge wurde ihnen weggenömmen und in ein Zeughaus verwandelt. Schwer lastete auch die folgende Zeit mit dem Dreißigjährigen Kriege auf den schlesischen Juden. Kriegskontributionen und Drangsalierungen" der^ Soldaten brachten auch sie an den Rand des Bettelstabes. Die Macht der Städte, in die sie sich vornehmlich zurückgezogen hatten, war gebrochen. Handel, und Wandel lagen danieder. Die Handelsstraßen tvaren zerstört; die kaufmännischen Beziehungen zu anderen.

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