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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-09 · Heft 15 (9.4.1909) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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Es würde allerdings schwer gelingen, die Urheber des Wirt- . schastlichen Kampfes zu fassen, aber die Hetzer wird man schon zu ergreifen vermögen, wenn man nur will. Auch das Straf-- gesetz würde eine genügende Handhabe bieten, sie der gesetzlichen Bestrafung zuzuführen, wenn auch gewisse -Volkswirtschafts- ' lehrer der Meinung sind, man müsse die Freiheit der Person wahren und es jedem überlasten zu werkehren, mit wem er will. Ist der Boykott aber, entgegen den Anschauungen dieser Volkswirtschaftslehrer, strafbar, so ist er es in jeder Form, sei es nun, daß er sich national oder konfessionell nennt. Es ist daher notwendig, daß die Juden den Rechtsschutz, welchen der Staat, im Falle des Boykotts, gewährt, auch für sich in Anspruch nehmen. In dieser Richtung sollten alle Juden einig sein und sich auf niemand verlassen, nur auf ihr gutes, durch die Gesetze des Staates gewährleistetes Recht. Von der Hilfe ' des Staates sprach man - auch in jener Sitzung des Kultusvorstandes Wiens, in welcher das Budget vorgelegt wurde, das, überflüssig zu sagen, ein stattliches Defizit aufwies. Es ist dies auch nicht anders möglich, bei den jährlich sich steigernden Anforderungen, welche namentlich Unterricht und Wohltätigkeit an, den Gemeindesäckel stellen. Das sieht jeder Vernünftige und billig Denkende ein. Es ist nur eine gerechte Forderung, wenn man verlangt, der Staat möge für jüdische, kulturelle Zwecke ebenso beitragen, wie für die der anderen Konfessionen. Auch eine neue Entdeckung einer lange bestehenden Tatsache hat man erst jetzt gemacht. Die jüdischen Kultusangelegenheitenbesorgt im Ministerium ein Nichtjude. Es war einem jüdischen Abgeordneten Vorbehalten, auf diese ungeheuerliche Tatsache hinzuweisen. „Mit den Juden wird man bald fertig." — Wie man sieht, gibt es viel für uns zu tun. Es ist höchste Zeit, daß uns wieder jemand aus unserer Lethargie erwecke, aber der Erwecker soll ein guter Freund sein, nicht der Lärm unserer Gegner. Die schlummern und schlafen leider nicht. ' Jwri. Die Juden in Schlesien uor der Linsnsipstirm. Von Hugo Frenz. chon im zwölften Jahrhundert; als Schlesien noch unter freien Herzögen stand und Deutsche aus allen Teilen des Reiches nach den Niederungen der Oder strömten, um sich dort anzufiedeln, waren auch Juden mit der Schar deutscher Einwanderer in Schlesien eingezogen. Sie bezahlten den Herzögen, unter deren Obhut sie sich begeben hatten, ein angemessenes .Schutzgeld, und bedeuteten so für die mit ihren Einkünften selten ausreichenden Fürsten eine ergiebige Geld quell e. Zur Zeit Heinrichs I., des Bärtigen, der am Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts' als Herzog von Breslau die Zügel der Regierung führte, werden schon zwei Juden erwähnt, die str der Nähe von Breslau Landgüter besaßen. Auch eine jüdische Schule und eine Synagoge bestanden schon in der alten Odersladt. Frühzeitig zogen , sich aber schon die Juden, die damals von allen bürgerlichen Lasten befreit waren und durch Regsamkeit und emsigen Fleiß Wohlstand erlangt hatten, den Neid und den Haß der breiten Masse zu, die weniger glücklich und rührig in ihren geschäftlichen Unternehmungen die ökonomischen Erfolge der Eingewanderten mit scheelen Augen ansahen und sie noch obendrein ihrer Religion wegen haßten. Infolgedessen fühlten sich die Juden schon damals nicht recht sicher -in dieser feindseligen Umgebung und -suchten daher mit Vorliebeihre Wohnungen in der Nähe, der herzoglichen Residenzen zu nehmenwo die Autorität des Landesherrn jede Ausschreitung des Pöbels verhinderte. Auch , Heinrichs I. Nachfolger folgten dem Beispiele ihres Vorgängers und gewährten ihnen Schutz und mancherlei Privilegien.. Heinrich. IV. von Breslau, der Mildtätige genannt, und Heinrich III, von Glogau waren ihnen günstig gesinnt, und Bolko I. von Löwenberg und Heinrich von Jauer gaben ihnen gegen Ende des. dreizehnten Jahrhunderts verschiedene Schutzbriefe, so daß sie wie die Christen des Schutzes der Gesetze teilhaftig wurden und in mancher Hinsicht sogar Vorrechte vor den anderen Untertanen hatten. . . Die schlesischen Juden hatten sich, da ihnen fast alle anderen Berufe verschlossen waren, hauptsächlich-dem Handel zugewandt und viel dazu beigetragen, daß Schlesien mit seinen Nachbarländern Polen und Ungarn in blühendem Handelsverkehr stand und Breslau Zentralstapelplatz der drei Länder wurde. Lembergische Juden zogen mit Tüchwaren durch Schlesien und Polen bis nach Rußland und an die Ukraine hinein und kehrten von der gefahrvollen Reise mit. reichem Gewinnst zurück. In Breslau selbst wohnten reiche Geldmakler und Bankiers, die ihre Wechsel in den größten und entlegensten Handelsplätzen herumlaufen ließen. Ein reges Wechselgeschäft blühte in der alten Oderstadt, wo besonders Dukaten und Kreuztaler zu gewissen Jahreszeiten mit großem Agio eingewechselt wurden. Dies war vornehmlich nach dem großen polnischen Ochsenmarkt in Brieg der Fall, wenn die polnischen Gutsbesitzer für ihr Vieh bedeutende Summen eingenommen hatten und nun das erhaltene Silber in Gold umwechseln wollten. Bei allen diesen Geschäften waren die Juden tätig und rührig und scheuten selbst weite Reisen in die polnischen Wälder und russischen Steppen, wo die Wölfe noch ihr Wesen trieben, nicht, um deutsche Waren nach den sarmatischen Provinzen zu bringen. ' So gelaugten sie zu Wohlstand und Reichtum und waren bei den Fürsten wohl gelitten. Doch um so mehr haßte sie die untere Schicht des Volkes, der in Aberglauben und religiösen Wahnvorstellungen befangene Mob, der nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um sich unter religiösem Deckmantel auf die schütz- und wehrlosen Israeliten zu stürzen. Und diese Gelegenheit bot sich gar bald. Auf die Zeit der Gleichgültigkeit gegen die Kirche war eine Periode der religiösen Schwärmerei gefolgt, die auch Schlesien nicht unberührt ließ und auch hier ihren unseligen Einfluß geltend machte. Im Jahre 1349 war es, als eine Schar der Flagellanten oder Geißelbrüder, die schon im dreizehnten Jahrhundert in Italien aufgetreten waren, auch ihren Weg nach Schlesien fand. Das leichtgläubige Volk schloß sich sogleich begeistert ihren Lehren an und verbrachte von nun an die Zeit, in Buß und Betübungen. Doch die so lange schon angedrohte Strafe des Himmels schien sich durch diese plötzliche Büßfertigkeit nicht abwenden zu lasten. Ein Sterben ging durch ganz Europa und vertilgte - sich mit unheimlicher Schnelligkeit verbreitend, fast ein Dritte der Menschenzahl der alten Welt vom Erdboden. Die erschreckten und geängstigten Gemüter der urteilslosen Volksmenge konnten sich diese Plage nicht erklären und suchten ihr Heil im Aberglauben. Wer war dann an dem ganzen Elend schuld? Eine Strafe Gottes konnte diese Pest — der schwarze Tod — doch nicht sein. Denn hatte man nicht gebetet und gefastet? Hatte man seinen Leib nicht mit Ruten zerschlagen und zahlreiche andere Bußübungen vollführt. Wer trug also

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