Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen sind, und, getreu unseren Überlieferungen, Elend lindern, wo immer es uns entgegentritt, ohne Rücksicht auf Abstammung und Bekenntnis. Im Geiste des Judentums liegt es daher auch sicherlich, wenn die Wiener Kultus-Vertretung den Beschluß gefaßt hat, der armen Mutter des,' infolge eines unerhörten, sagen wir, Justizirrtums, verurteilten, österreichischen ^)rehfus, des unseligen Schustergehilfen Hilsn er, ein Plätzchen in ihrem Wiener Versorgungshause zu gewähren, trotzdem dieses nur für Wiener Arme errichtet wurde. In einem solchen Falle muß jedes bureaukratische Bedenken schweigen. Die kleine, arme mährische Gemeinde, in der das unglückliche Mütterchen schmachtet,' und von wo aus sie vergebliche Hilferufe nach Befreiung ihres Sohnes sendet, ist nicht imstande, die alte, kranke, elende Frau zu erhalten; daher war es eine Ehrenpflicht der Großgemeinde Wien, dies zu tun, ohne die grausamen Paragraphen irgend welchen Statuts sprechen zu lassen. Die Wohltätigkeit und Barmherzigkeit soll nicht an amtliche Bestimmungen sich halten, und am allerwenigsten die jüdische. Den jüdischen Wohltätern wäre aber doch zu Gemüte zu führen, daß sie bei ihren - wohltätigen Handlungen immer früher bedenken, wem sie diese zuwenden. Zu dieser Bemerkung veranlaßt uns ein nicht sehr erbaulicher Vorgang, der sich, nach Berichten jüdischer Zeitungen, im Spital der „Barmherzigen Brüder" zu Wien ereignete. Erwähnen wir zunächst, daß dieses Spital nicht am wenigsten erhalten wird durch hochherzige Zuwendungen jüdischer Wohltäter, an deren Spitze der verstorbene Baron Königswarter sich befindet. Ein jüdischer Student wurde in dieses Haus der Barmherzigkeit gebracht, und, als sich der arme Kranke über einen kalten Luftzug beklagte, wurde er, nach Berichten von Ohrenzeugen, von dem im Saale anwesenden Svitalmeister beschimpft, der sich auch zu den Worten hinreißen ließ: „Mit einem Juden werden wir noch fertig werden". Kein Zweifel, „barmherziger" Spitalmeister, mit Juden ist man immer schnell fertig geworden.' Man hat mit ihnen nie viel Federlesens gemacht. Aber die Herren, welche die „Charitas" gepachtet zu haben vorgeben, sollten doch bedenken, daß man, wie es schon im Leben geht, Menschenliebe ohne Geld nicht üben kann. , Nicht nur zum Kriege, sondern auch zur Barmherzigkeit braucht man Geld, Geld und wieder Geld. Wie nun, wenn die jüdischen Menschenfreunde ihre Taschen verschließen werden? Wird man dann auch fertig werden können? Hat doch ein jüdischer Querkopf eine große Summe Geldes diesem Spitale der Barmherzigkeit testamentarisch verschrieben unter der Bedingung, daß die „Barmherzigen" an seinem Jahrzeittage in der Synagoge ersch.'men und ihre Gebete mit denen der anderen „Andächtigen" für sein, wie es scheint, sehr gefährdetes Seelenheil vereinigen. Da muß. man schon, wenn man manche Erscheinungen unserer Zeit betrachtet, dem Lessingschen Ausspruche zustimmen: Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat auch keinen zu verlieren. . Den Satz können wir auch zitieren, wenn wir hören, wie die christlich-sozialen Machthaber mit den Steuergeldern der Bevölkerung umgehen. Wurde da in Niederösterreich, diesem Sitze der antisemitischen Despoten, eine Irrenanstalt gebaut. Und bei diesem Baue wurde eine Ueberschreitung der Baukosten im Betrage der Kleinigkeit von zehn Millionen Kronen begangen. Wie einträglich muß doch dos Geschäft der Antisemiten, sein! Wundert man sich darüber, daß der Zulauf zu dieser Partei ein massenhafter ist? Da gibt es Geld undPerorgungen. Die Neffen der christlich-sozialen Herrscher haben jetzt gute Zeiten. Diese Partei des schwärzesten Rückschrittes ist ein großes Versorgungshaus geworden für geldbedürftige Parteigänger und stellensüchtige Agitatoren. Und wie lendenlahm ist die Opposition geworden, der die christlich-soziale Wirtschaft begegnet? Kleinlaut opponieren die Herren Liberalen und nicht allzu mutig die sozialdemokratischen Genossen. Sie werden doch nicht am Ende selbst antisemitisch angekränkelt sein! Wir wollen es nicht hoffen, können aber den Gedanken schwer abweisen. Es ist immer mehr zur Notwendigkeit geworden, daß die Juden, aus die altersschwache Unterstützung ihrer sogenannten Freunde, zu denen man die Fortschrittlichen und Sozialdemokraten so gern zu rechnen pflegt, verzichten und immer entschiedener für ihr Recht den Kampf auf allen Linien selbst aufnehmen. Denn die Fortschrittlichen sind lange nicht mehr unsere Freunde, da ihr Liberalismus vor den Toren des Judentums Halt macht, wie wir dies erst jüngst wieder im Parlamente erlebten, wo ein solcher sonderbarer „Fortschrittsmann" erklärte,, er schenke den Tschechen die Juden. Und, was die internationale Sozialdemokratie anlangt, so wissen wir, wie sehr sie, und namentlich die konfessionslosen Juden, in ihrer Mitte, sich dagegen nicht genug verwahren zu können glauben, für eine jüdische „Schutztruppe" gehalten zu werden. Wir verzichten auf den Schutz dieser Herren, möchten sie aber daran erinnern, daß bei den Wahlen die jüdischen Wähler von ihnen durchaus nicht zurückgewiesen werden. Gar mancher dieser „Genossen" säße nicht im Reichsrate, wenn nicht Inden für ihn eingetreten wären. Doch wir sind im Punkte der Dankbarkeit.nicht verwöhnt, und wollen nur mit der Bemerkung nicht zurückhalten, daß diese Herren, welche den Freisinn als ihre Domäne betrachten, nicht besser sind^ als ihre Kollegen von der liberalen Partei seligen Angedenkens, wenn es sich „nur" um Juden handelt Wie sagte doch der „barmherzige" Spitälmeister: „Mit Juden wird man noch fertig werden." . Wenn wir nun von dem Kampfe der Juden reden, denken wir insbesondere an den wirtschaftlichen Boykott, durch den sie allenthalben zu leiden haben. Solange es sich bei diesem nur um Juden handelte, schwieg die Regierung. Vielleicht sagte sie sich auch: „Mit den Juden wird man noch fertig werden." Es ist aber eine oft beobachtete Tatsache, welche sich in die Worte kleiden läßt: Mit den Juden fängt man an, aber, was man den Juden gegenüber sich erlaubt, kann man gelegentlich auch gegen Nichtjuden als. Kampfesmittel gebrauchen. Und, da wir in Oesterreich am nationalen Kampfe leiden, so trat nun der Boykott auch auf diesem Gebiete in die Erscheinung. Die Deutschen in Böhmen wissen eine Geschichte davon zu erzählen, was der wirtschaftliche Zwist bedeutet. Jetzt entdeckte die Regierung ihr Herz. Was man stillschweigend den Juden gegenüber duldete, dagegen rückte man mit gesetzlichen Paragraphen bewaffnet aus, da es sich um Nichtjuden handelte. Der Ministerpräsident gab einen Erlaß heraus, in welchem er seine Ünterorgane aufmerksam machte, ihre Pflicht zu tun gegen die „neuestens" zutage tretende Erscheinung des Boykotts. „Neuestens"? fragen wir, ist diese wirtschaftliche Erscheinung erst zutage getreten? Und, was bedeuten die, seit Jahren schon, durch den Boykott vernichteten jüdischen Existenzen? Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Mit denen wird man noch fertig werden. Ist es aber nicht Pflicht des Staates, allen seinen Bürgern seinen mächtigen Schutz zu gewähren? Wie nun, wenn die Juden einen Wohltätigkeitsboykott — man verzeihe das harte Wort — veranstalteten, und schön ihre Taschen zuhielten, wenn man zu ihnen für gar nicht jüdische Zwecke „schnorren" kommt?