Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228868--65461-3277587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Anders der zweite Abschnitt, der (p. 38 und 39) die Ergebnisse der von den wissenschaftlichen Prüfungskommissionen in dem genannten Zeitabschnitt abgehaltenen Prüfungen mitteilt. Hieraus geht hervor, daß nur vier von den zehn Prüfungskommissionen sich mit jüdischen Schulamtskandidaten zu beschäftigen hatten, und zwar würden in Berlin acht, in Greifswald einer, in Breslau fünf, in. Marburg zwei Kandidaten geprüft. Hiervon bestanden beziehungsweise 4, 0, 2, 1; das heißt von 16 Kandidaten bestanden im ganzen nur sieben, ein Resultat, das um so trauriger wirkt. Wenn man es mit den Ergebnissen der von den christlichen Kandidaten abgelegten Prüfungen vergleicht. Von 950 Evangelischen bestanden 671, von 426 Katholiken 253. oder es betrug der Prozentsatz der erfolgreichen Prüfliüge bei den Evangelischen 70,7; bei den Katholiken 59,4; bei den Juden nur 43,8. .Dabei sind stets nur die ersten beziehungsweise Wiederholungs- und Ergänzungsprüsungen in Betracht gezogen,, die Erweiterungs- Prüfungen dagegen nicht berücksichtigt. Zu den Gründen dieser betrübenden Tatsache ist wohl in erster Reihe der Umstand zu zählen, daß von den jüdischen Akademikern die bemittelten fast ausschließlich das kostspielige Studium der Jura.oder Medizin ergreifen, während die ärmeren sich hauptsächlich dem höheren Lehrfach zuwenden und nun, auf sich selbst angewiesen, ihre Zeit nur teilweise für ihre Studien ausnutzen können. Wieviele — auch unter den christlichen Kommilitonen — kommen infolge ihrer Beschäftigung als Privatlehrer oder als Erzieher nie dazu, an sich und ihre Zukunft zu denken!, Wie manche hoffnungsvolle Existenz ist an dieser unsagbar traurigen Tätigkeit gescheitert! Anderseits mag der Wunsch, möglichst bald in eine gesicherte Lebensstellung zu kommen, manchen Studierenden namentlich bei den jetzt noch günstigen Aussichten — verleiten, sich zu früh zur Prüfung zu melden, die dann natürlich mißlingt. Erfreulicher wirkt der dritte Teil des Heftes, der unter anderem die Religion beziehungsweise Konfession der Schüler auf den höheren Unterrichtsanstalten Preußens angibt. Hier-, nach stellt sich der Anteil der jüdischen Schüler auf diesen Anstalten wie folgt dar: a) Vollanstalten: Schülerzahl Gymnasien 101 094 Realgymnasien 37 683 Oberrealschulen 30 702 jüdisch 6 305 . 2 557 1360 Schülerzahl 13 006 Vorschulen: 6905 4 924 jüdisch 1 595 749 262 b) Nicht-Vollanstalten: r' Progymnasien Realprogymnasien Realschulen Schülerzahl 4 946 4 235 33 465 jüdisch 173 127 2 012 Vorschulen: Schülerzahl 98 889 5 009 jüdisch 6 17 411 Rechnen wir diese Zahlen in Prozenten um, so folgt: die Anzahl der jüdischen Schüler betrug auf den Gymnasien Realprogymnasien Oberrealschulen 6,2 6,8 4,4.. Vorschulen: 12,3 10,8 5,3 Proghmnasien Realgymnasien Realschulen 3,5 3 6 Vorschulen: 1,9 8,2 Diese Zahlen stellen dem Bildungstrieb der jüdischen Bevölkerung, die in Preußen nur 1,1 Prozent der Gesamtbevölkerung beträgt, ein gutes Zeugnis aus. Auffallend könnte der erheblich höhere 'Prozentsatz der jüdischen Schüler in den Vorschulen gegenüber dem in den eigentlichen Anstalten erscheinen (in den Gymnasialvorschulen doppelt soviel wie in den Gymnasien; nur in den Realprogymnasien umgekehrt). Dies ist offenbar darauf zurückzuführen, daß die christliche Bevölkerung ihre Söhne während der ersten drei Schuljahre in höherem Maße den Elementarschulen zuführt als die jüdische. Werfen wir endlich noch einen Blick auf die Anzahl der Schüler, die das Ziel der höheren Lehranstalten erreicht haben, so ergibt sich folgendes: a) Reifeprüfungen: Gymnasien Realprogymnasien Oberrealschulen ' Gesamtzahl 5 772 1 306 ' 846 jüdisch 367 99 32 b) Abschlußprüfungen: Proghmnasien Realgymnasien Realschulen Gesamtzahl 472 231 3 209 jüdisch- 23 13 . 216 In Prozenten betrug die Anzahl der jüdischen Abiturienten an den Gymnasien 6,4 Proghmnasien 4,9 Realgymnasien 7,6 RealprogyMnasien 5,6 Oberrealschulen 3,8 Realschulen 6,7 Diese Zahlen sind also mit Ausnahme der Oberrealschulen höher als die entsprechenden Besuchsziffern der einzelnen Anstalten. Sriek aus Oelterrrich. Im März 1909. ^^^ie furchtbaren Katastrophen, welche dieser Winter brachte, und zum Schluffe noch die Furcht vor einem Weltkrieg, zittern noch allüberall, wo fühlende Menschen wohnen, in unser aller Erinnerung nach und gehören zu jenen Ereignissen, die gewiß nicht so schnell aus der Menschen Gedenken schwinden, werden.. Angesichts solcherEreignisse und Katastrophen schwinden alle Unterschiede, welche Menschen trennen, .und wir bekommen die Ahnung von dem, was schon unsere Propheten als Menschenverbrüderung verkündeten. Wir sind gewiß die Letzten,^welche, wenn es sich um die Linderung menschlichen Leides handelt, nationale oder konfessionelle Erwägungen, in den Vordergrund stellen und verurteilen es ganz entschieden, wenn dies dennoch jetzt von manchen Seiten geschieht. Freilich, es gibt viel Elend unter uns Juden. Tausende hungern und darben. Und es ist sehr die Frage, ob die vornehmen jüdischen Damen, die da in allen Komitees zu finden waren, welche Veranstaltungen zur Linderung der verschiedenen Katastrophen, trafen, auch sich so leicht finden ließen, wenn es gälte, das Judenleid zu mildern. Wir wollen der Sache nicht mehr nachgehen, um nicht in den Chauvinismus eines unserer deutsch-nationalen Abgeordneten^ zu verfallen, der seinerzeit darüber sehr ungehalten war, daß man milde Gaben aus Oesterreich nach Italien sandte, trotzdem einige italienische Jünglinge es gewagt, mit Revolvern , auf dem Boden der Wiener Universität zu erscheinen und. hier ein lustiges Schießen gegen ihre deutschen „Brüder"; in Apoll zu beginnen. Wieder ein Zeichen dafür, wohin die Verwilderung der Massen führt. Wir Juden aber wollen beweisen, daß wir doch bessere 6,1