Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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wenigstens:der Auswanderung, unter Umständen einen sehr erheblichen Teil der jüdischen Auswanderung von den jetzigen Zielpunkten, den überfüllten Kulturländern und von den Vereinigten Staaten ab» und in den Orient hineinzulenkeu. Für diese Aufgaben sollte ein Technikum für die jüdische Jugend errichtet werden. Die Kosten für das Unternehmen wären in runder Summe etwa auf 700000 Frks. zu bemessen. Wenn die Institute in allen ihren Teilen in Betrieb sind, so wird für diesen Zweck außerdem jährlich ein Betrag von 80000 .bis 100000 Fr^. erforderlich sein. Erwägungen der jüdischen Nächstenliebe und Erwägungen einer vorausschauenden jüdischen Politik mahnen aber gemeinsam unsere besser gestellten Glaubensgenossen in der ganzen Welt, sich der orientalischen Judenheit in dieser Schicksalsstnnde anzunehmen. Unsere orientalischen Glaubensgenossen erscheinen dazu bestimmt, die Mittler zwischen der okzidentalen Kultur einerseits und der langsam sich weiter entwickelnden Kultur des Orients anderseits zu werden. Als Semiten besitzen sie für diese große Aufgabe eine besondere Eignung; sie können für sich und die Menschheit damit eine welthistorische Aufgabe erfüllen, und im Orient, nicht erdrückt von der vorgeschrittenen Kultur christlicher Völker, aber befruchtet von dieser Kultur, könnte die Judenheit erneut zu einer eigenartigen intellektuellen Blüte gelangen. ein Segen für fick), für das ottomanische Reich wie für die Menschheit. Mit der Gründung eines jüdischen Technikums im Orient wäre alsdann ein einzelner Schritt zur Erfüllung dieser großen Mission getan. Diese Gedanken sollen nunmehr Wirklichkeit werden. Es steht bereits heute ein 47 000 Quadratmeter großes Terrain in Haifa für das Unternehmen zur Verfügung; die, baulichen Vorarbeiten sind in Angriff genommen, und die Baupläne werden demnächst entworfen werden. Das Technikum wird das erste, im Orient sein, eine Kulturtat von lang fortwirkendem Segen. (Lebhafter Beifall.) Es ist vom Hilfsverein und der Wolf Wissotzky-Stiftung eine selbständige Gesellschaft für das Technikum ins Leben gerufen, mit der der Hilfsverein der Deutschen Juden durch Personalunion verbunden sein wird; der Vorsitzende des Hilfsvereins. Herr James Simon, wird auch der Vorsitzende dieser Gesellschaft sein, in der auch das Wissotzky-Küratorium und hervorragende amerikanische Persönlichkeiten vertreten sind. ' Alsdann berichtet der Generalsekretär des Hilfsvereins, Herr Tr. Bernhard Kahn über die Tätigkeit des Hilfsvereins für unsere russischen Glaubensgenossen und auf dem. Gebiete des Auswanderungswesens. Die Lage der Juden in Rußland hat sich außerordentlich verschlechtert. Unter der Herrschaft der' reaktionären Duma sind die Ausnahmebestimmungen gegen die Juden zahlreicher geworden als jemals. Die hauptsächlichsten Beschränkungen richten sich gegen das Wohnrecht der Juden und gegen den Eintritt der jüdischen Jugend in höhere Schulen. Infolge der Versagung des Wohnrechts sind zahlreiche Juden aus ihren Wohnsitzen ausgewiesen worden. Finnland steht, was die Behandlung der Juden anlangt, nicht hinter Rußland zurück. Ausweisungen unserer Glaubensgenossen sind auch dort an der Tagesordnung. Bei den traurigen Verhältnissen Rußlands war es eine der hauptsächlichsten Aufgaben des Hilfsvereins, auch in diesem Jahre die Auswanderung aus Rußlano zu erleichtern. Für das russische Hilfswerk einschließlich der Auswanderung mußten an die 280000 Mart ausgegeben werden. Obwohl die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten in den beiden Jahren 1907/08 außerordentlich zurückgegangen ist. beträgt die Zahl der jüdischen Auswanderer nach privater Feststellung im Jahre 1908 »och immer 65—70000. Die Hälfte davon, also zirka 35000 jüdische Auswanderer haben ihren Weg durch Deutschland nehmen müssen. Die Mehrzahl dieser Auswanderer l at in der einen'oder anderen Weise die Einrichtungen der Komitees des Hilfsvereins in Anspruch genommen; rund 7000 wurden befördert, etwa 18000 verpflegt, beherbergt, bekleidet und eine nicht geringe Anzahl in Krankheitsfällen geheilt. Zur Bewältigung dieser Fürsorgearbeit unterhält der Hilssverein 36 Komitees an der Grenze. In den Hafenstädten und im Innern Deutschlands. Auch über Deutschland hinaus hat der Hilfsverein der Deutschen Juden der jüdischen Auswanderung sich angenommen. Die Auswandererkomitees in Basel. Rotterdam und Antwerpen und ebenso in Kopenhagen wurden unterstützt. Sodann ist noch zu erwähnen, daß die Arbeit der Komitees des Hilssvereins durch die Rückwanderung außerordentlich vermehrt wurde. Etwa 15—18000 Rückwanderer, darunter zirka 10000 aus den Vereinigten Staaten wanderten durch Deutschland nach ihren Heimatländern, insbesondere nach Rußland zurück. - Bei ihrer Ankunft im Hafen und an der Grenze mußten sich in Tausenden von Fällen unsere Komitees der Rückwanderer annehmen. Zur. Schluß hebt Redner hervor, daß bei den ungünstigen Verhältnissen i« den Einwanderungsländern und der sich mehrenden Bedrückung und Verarmung der Juden im Osten das jüdische Auswanderungsproblem sich noch schwieriger zu gestalten drohe. Deshalb müsse der Hilfsverein auch weiter seine ernsthafte Aufmerksamkeit dieser Frage widmen. Herr Bankdirektor. Ernst Simon, Schatzmeister des Hilfsvereins im Ehrenamt, erstattet sodann den Kassenbericht. Das Kapital des Vereins ist von 249 000 Mark im Jahre 1907 auf 264 000 Mark im Jahre 1908 gestiegen Der Reservefonds ist auf 76 000 Mark zusammengeschmolzen, seine Auffüllung bei den großen Anforderungen sei: also, unbedingt notwendige Das Vermögen des Vereins ist von 956 000 Mark am 31. Dezember 1907 au' 1012 000 Mark m 31. Dezember 1908 gestiegen. , Herr James Simon teilt mit, daß die Revision der Bücher durch die Herren Kommerzienrat Siegmund Pincus und Georg Tie ordnungsmäßig stattgefunden. . Die Generalversammlung genehmigt den Geschäftsbericht und erteilt der Verwaltung Entlastung. Herr Simon macht Mitteilung von den in der Sitzung des Zentralkomitees erfolgten Kooptationen, denen die Versammlung zustimmt. •; Die Versammlung ist unter Bekundung ihres lebhaften Beifalls damit einverstanden, daß in ihrem Namen den am 29. März in Berlin einireffenden Mitgliedern der Familie Wissotzky gedankt, und' auch Herrn Jakob H. Schiff ein Danktelegramm gesandt wird. Herr Simon hebt noch hervor, daß das Werk des Technikums auch noch von anderen Persönlichkeiten in Deutschland wie in Rußland und Amerika materiell gefördert sei. Auch der Nationalfonds wetide dem Hilfsverein ein Kapital für den Zweck zur Verfügung stellen. Der Vorsitzende appelliert zum Schluß an die Anwesenden, in ihren Kreisen nach Möglichkeit für den Hilfsverein zu wirken, der auf seinen verschiedenen Tätigkeitsgebieten: große Aufwendungen gemacht und großer Mittel zur Fortführung seiner Aufgaben benötigt. Obwohl die Höhe der Jahreseinnahmen, des Vereins aus regelmäßigen Mitgliederbeiträgen eine sehr ansehnliche ist, sei eine Stärkung . der Mittel doch dringend erforderlich.' . Aus der Versammlung wird, dem Vorsitzenden Herrn James Simon und dem gesamten Vorstand für die vielfältige Mühewaltung zugunsten der notleidenden und bedrückten Juden Dank und Anerkennung ausgesprochen. 7 : ■ Sir jüdischrn Schulamtsdandidatru vor drn Mjflrnlchsstlichrn Orökungskommisstanrn und dir jüdischrn Schüirr aufdrn höhrrrn Antrrrichtsanstaltrn Orruhrns im Schuljahr 19D7/08. Don Oberlehrer Johannes Joel. - äs „Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen" gibt im 25. Heft 1908 (veröffentlicht im Dezember 1908) statistische Mitteilungen über das höhere Ünterrichtswesen im Königreich Preußen für die Zeit vom 1. April 1907 bis 1. April 1908. Der erste Teil des Heftes, der die Hochschulen behandelt, enthält keine Angaben über die Religion beziehungsweise Konfession der Lehrör oder der Studierenden. fvi'C. -J , '